17.05.2019 - 12:03 Uhr
AmbergOberpfalz

Sascha Lobo in Ursensollen: Von Berlin zur 5G-Milchkanne

Da ist einer ziemlich gut vernetzt - Internet-Star und Großstadt-Blogger Sascha Lobo fand am Donnerstagabend in Ursensollen den direkten Draht zu den Oberpfälzern, auch weil er die Digitalisierung im ländlichen Raum ins Blickfeld rückte.

von Uli Piehler Kontakt Profil

"Wie die digitale Vernetzung die Welt verändert", das war der Titel des etwa einstündigen Vortrags des 44 Jahre alten Digitalisierungs-Experten aus Berlin, dessen Markenzeichen die rote Irokesen-Frisur ist. Lobo arbeitet unter anderem als Kolumnist für Spiegel-Online, zeigt dort und in diversen TV-Talkshows immer wieder Perspektiven für den digitalen Wandel auf.

Die einen schüttelten scheinbar ungläubig den Kopf, die anderen nickten zustimmend: Gleich seine erste These sorgte für Reaktionen bei den 200 Zuhörern im vollbesetzten Kubus. Tenor: Deutschland ist digitales Entwicklungsland. Sogar Rumänien, Puerto Rico, Trinidad und Tobago und Kasachstan verfügen über eine bessere Glasfaser-Infrastruktur. Erst 2018 habe Deutschland mit Angola gleichgezogen. "Dieses Land litt bis 2002 unter einem fast 30 Jahre währenden Bürgerkrieg ... Das möchte mir nicht so richtig in den Kopf."

Besonders auf dem Kieker hat Lobo Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU), die erst vor wenigen Wochen gesagt habe, die neue Übertragungstechnologie 5G sei "nicht an jeder Milchkanne notwendig". "Ich halte das nicht nur für Unfug, sondern ich halte das für gefährlichen Unfug", sagte der 44-Jährige. Deutschland sei ein Land der Regionen, hier werde der Wohlstand dezentral erarbeitet. "Das muss als Unverschämtheit euch gegenüber gewertet werden", sagte er an die Adresse der Wirtschaftsjunioren, die anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens zu dem Abend eingeladen hatten. "Denn natürlich meint Frau Karliczek mit Milchkanne exakt einen Landkreis wie diesen."

Die bisherige Entwicklung des digitalen Wandels habe gezeigt: "Daten, die wir gestern noch für komplett egal gehalten haben, können morgen schon ganze Branchen auf den Kopf stellen." Das sei ein wiederkehrendes Muster der Digitalisierung sowie des exponenziellen Fortschritts und daraus müsse die Wirtschaft Lehren ziehen. Wer herausfinden will, was sich in Zukunft ändert, dürfe nicht auf die Technologie schauen, sondern müsse darauf achten, wie Menschen sie verwenden: "Was sind die Verhaltensänderungen durch Technologie?"

Eine dieser Verhaltensänderungen sei 2018 augenfällig geworden. Erstmals seien weltweit mehr Menschen mobil - also mit Smartphones und Tablets - im Internet unterwegs gewesen als an stationären Computern. Lobo nannte diese Entwicklung "mobile Revolution". "Mobil ist das neue normal. Und jetzt schau ich mir von einem klassischen Oberpfälzer Mittelständler mal die Website an und dann sieht die nur so mittel-mobil aus." Lobo stellte Online-Dienste aus anderen Ländern vor, die die Richtung vorgeben, etwa den Service, jemand per Kurznachricht mit einem Tastendruck Geld zur Verfügung zu stellen. In China zum Beispiel sei das Gang und Gäbe. "Die digitale Zukunft wird in China hergestellt und das in einer Größenordnung, die wir uns heute kaum vorstellen können."

Plattformen und die Auswertung von Datenströmen bestimmten den derzeitigen Wandel. "Wertschöpfung wandert immer mehr in die digitale Sphäre entlang neuer Datenströme." Immer mehr Produkte veränderten sich von der Hardware zur Software und schließlich zur vernetzten Software. Als ein Beispiel nannte Lobo Entwicklungen in der Medizin: Tabletten etwa, die mit winzigen Sensoren ausgestattet sind und Daten aus dem Körperinneren liefern und vernetzt mit Ärzten oder Krankenkassen auswerten.

"Was da auf uns zukommt, zieht uns so ein bisschen den Boden der Selbstverständlichkeiten unter den Füßen weg." Deswegen fordert Lobo auch dringend eine Plattform-Regulierung. Aber dazu müssten Gesellschaft und Politik überhaupt erst einmal das Ausmaß des digitalen Wandels erkennen und schließlich Lösungen finden. Die Wirtschaftsjunioren Amberg-Sulzbach rief der Vordenker aus Berlin auf, daran mitzuarbeiten. Es bleibe nur ein Weg: "Wir müssen die Digitalisierung offensiv und unternehmerisch mitgestalten."

Info:

Zitate

"Eben noch ist es ein völlig irrelevantes Foto von einem Mittagessen. Und jetzt schon arbeitet Google an einer App, um aus dem Foto einer Mahlzeit im ersten Schritt den Kaloriengehalt, im zweiten Schritt den Nährstoffgehalt und am dritten Schritt den Schadstoffgehalt zu ermitteln. Nur anhand eines Fotos."

"Ich glaube, dass wir viel offener und offensiver über die Ängste vor der Digitalisierung sprechen müssen."

"Menschen lieben es, Daten zu teilen. Die Datenbegeisterung der Menschen kennt keine natürlichen Grenzen."

"Wir müssen gar nicht auf die Kinder runterspotten. Die haben nur das nachgemacht, was sie bei uns sehen."

"Plattformen können Echtzeit-Datenströme verarbeiten. Dieser Umstand hat eine Macht inne, die sich die meisten Menschen noch nicht vorstellen können."

"Ich glaube, dass Künstliche Intelligenz gleichzeitig weit über- und unterschätzt wird. Wir können noch gar nicht genau sagen, wo die Essenzen sind."

"Statistisch muss es Menschen geben, die zwar in den Achtziger-Jahren gegen die Volkszählung auf die Straße gegangen sind, sich aber heute eine Standwanze ins Wohnzimmer stellen."

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Kommentare

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Stefan Kreuzeck

Lobo hat Recht. Das ist ja alles auch seit langem bekannt, die Frage ist jedoch, warum findet das die Politik nicht peinlich? Die wenigsten haben zudem noch Ahnung davon.
Da werden Dörfer mit veralteter Technik ausgestattet zu Geschwindigkeiten wo man anderswo darüber lacht und die Bürgermeister feiern das noch. Gut besser als die Steinzeit vorher.

Warum kam mit 5G kein National-Roaming? Hatte die Lobby hier mehr Einfluss als anderswo?
Wieso beherrschen 3 Anbieter den Markt?
Unser Wohlstand ist gefährdet, wir verlieren immer mehr den Anschluss und es wird viel zu wenig dagegen gemacht, dazu arrogante und fachfremde Äußerungen wie von Karlicek.

Wir haben nicht nur das teuerste Internet und den teuersten Mobilfunk Europas, wir haben gleichzeitig auch eines der schlechtesten Netze!
Wieso ist das anderswo so viel besser und auch noch günstiger?
Wo bleiben die Medien die diese Zustände anklagen? Wissen sie es oft auch nicht besser und feiern wenn wieder mal ein Dorf von der Steinzeit ins Mittelalter befördert wird?

Mit der Versteigerungen der 5G-Netze macht man wahrscheinlich wieder die gleichen Fehler wie bei den anderen Versteigerungen, mit dem Ergebnis dass wir wahrscheinlich weiterhin eines der teuersten und gleichzeitig lückenhaftesten Netze Europas haben.

Bei uns ist selbst in größeren Städten oftmals eine miese Verbindung, während man auf einer abseitigen niederländischen Wiese sich mit Geschwindigkeiten bewegt, wo selbst deutsche Großstädte an vielen Orten einen hochroten Kopf bekommen müssten.

Ein gnadenloses Versagen, dass seit langem bekannt ist und das nicht mal ansatzweise, bis auf ein bisschen Kosmetik behoben wird.

17.05.2019