28.02.2020 - 14:33 Uhr
AmbergOberpfalz

Schulen schreiben Geschichte: 100 Jahre Berufsschule und 50 Jahre FOS Amberg

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Wilde Aufbauphasen und zahlreiche Reformen: 100 Jahre Berufsschule und 50 Jahre Fachoberschule sind für das Berufliche Schulzentrum Amberg ein Grund, zu feiern. Die Schulleiter blicken auf die bewegte Vergangenheit zurück.

Schulleiter Martin Wurdack (von links) hisst mit seinen Stellvertretern Helmut Nierlein und Josef Eckert die Jubiläums-Flagge vor dem Beruflichen Schulzentrum.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

Es weht ein kalter Ostwind, als rund drei Wochen vor dem großen Festakt die Jubiläums-Fahnen vor dem Beruflichen Schulzentrum Amberg gehisst werden. Die Institution in der Raigeringer Straße feiert im März gleich im Doppelpack: 100 Jahre Berufsschule und 50 Jahre Fachoberschule (FOS). Zurück im warmen Schulgebäude blicken Schulleiter Martin Wurdack und seine Stellvertreter Josef Eckert und Helmut Nierlein sowie der Leiter der Technikerschule Bernhard Mikuta auf die bewegte Geschichte der Schulen zurück.

"Wir sind stolz eine berufsbildende Schule mit einem vielfältigen Angebot zu sein", erklärt Schulleiter Wurdack. Denn unter dem Dach des Beruflichen Schulzentrums Amberg vereinen sich drei Schulen: die Berufsschule, die Fach - und Berufsoberschule (FOSBOS) und die staatliche Technikerschule. Letztere feierte im vergangenen Jahr Zehnjähriges.

100 Jahre Berufsschule: Vom Bader zum Bäcker

Über ein ganzes Jahrhundert geht im Gegensatz dazu die Geschichte der Berufsschule zurück. Erste Anfänge finden sich bereits um 1830, damals noch in Form einer Landwirtschafts - und Gewerbeschule. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs beschloss der Stadtrat im Jahre 1920 die Schaffung einer selbstständigen Berufsfortbildungsschule – der Geburtstag der heutigen Berufsschule. Berufsbilder, die zum Teil ausgestorben sind, standen damals hoch im Kurs: Bader, Holz-, Stein - und Lederarbeiter waren die Absolventen.

Die Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs bescherten der Einrichtung eine Zwangspause. Als der Unterrichtsbetrieb wieder aufgenommen wird, leitete Friedrich Arnold, der Namensgeber der Wirtschaftsschule in Amberg, die Schule. Erstmals wurde das Lehrangebot in eine kaufmännische, gewerbliche und hauswirtschaftliche Abteilung aufgeteilt. 1954 beschloss der Stadtrat die Errichtung eines neuen Schulgebäudes an der Raigeringer Straße, der bis heute Bestand hat.

Rund 1400 Schüler werden derzeit an der Berufsschule Amberg unterrichtet.

"Besonders geprägt haben die Schule auch die zahlreichen Organisationsreformen", erzählt Wurdack. "Da mussten wir teils große Verluste einstecken." 1973 verlor die Berufsschule im Zuge einer Gebietsreform rund 350 Schüler. Im darauf folgenden Jahr wurde die Berufsschule verstaatlicht. 2001 erfolgte mit einer weiteren Reform die Entflechtung der Berufsschulen Amberg und Sulzbach-Rosenberg. Vier Jahre später schlossen sich die beiden Schulen in einem Zweckverband zusammen. Wurdack: "Wir haben diese Veränderungen stets genutzt, um uns auf unser Kernangebot zu konzentrieren und es weiter auszubauen." Rund 1400 Schüler werden derzeit in den Ausbildungsrichtungen Elektrotechnik, Metalltechnik, Nahrung-Gesundheit-Körperpflege und Wirtschaft unterrichtet.

Hintergrund:

Berufe an der Berufsschule im Wandel der Zeit

1920: Bader, Stoff-/Leder-/Holz-/Steinarbeiter, kaufmännische und hauswirtschaftliche Berufe.

1969: Drogist, Dekorateur, Tankwart, Maler, Bauzeichner, Fliesenleger, Stuckateur, Brauer, Radio - und Fernsehmechaniker, Schneider.

2019: Werkzeug-, Industriemechaniker, Elektroniker, Mechatroniker, Steuerfachangestellte, Bank-/Groß-/Einzelhandelskaufleute, Friseur, (Zahn-)Medizinische Fachangestellte, Bäcker.

50 Jahre FOS: Wilde Aufbauphase

Auch die FOS feiert im März runden Geburtstag. Als 1970 die ersten Fachoberschulen gegründet werden, gehört Amberg dazu. Der Unterricht startete mit drei Klassen Ingenieurwesen/Technik, bevor wenige Jahre später die Ausbildungsrichtungen Wirtschaft und Sozialwesen eingeführt werden. 1974 verabschiedet die Schule erstmals Absolventen aller Richtungen. Die neue Schulform wächst und gedeiht in Amberg – trotz widriger Rahmenbedingungen, wie stellvertretender Schulleiter Eckert erklärt: "Ganz zu Beginn gab es Schichtunterricht, später wurde auch in die Räume der Feuerwehr ausgewichen. Wir hatten eine wilde Aufbauphase." Nach fünf Jahren ist die Zeit des Provisoriums vorbei: Das neue Schulhaus, welches im Verbund mit den Schwerwerkstätten der Berufsschule entstanden war, kann bezogen werden. Das Projekt kostet insgesamt 4,2 Millionen D-Mark.

1970 wurde der neue Schultyp "Fachoberschule" gegründet. Auch Amberg war bei den Pionieren dabei.

Im Schuljahr 1989/90 wird Amberg als eine von sechs bayerischen Schulen beim Modellversuch "dreistufige Berufsoberschule" ausgewählt. Kultusminister Zehetmair kam nach Amberg, um das Pilotprojekt der Öffentlichkeit vorzustellen. Drei Jahre später erlangten die Schüler der Versuchsklassen erstmals die fachgebundene oder allgemeine Hochschulreife, welche sie für ein Studium an einer Fachhochschule (nach der 12. Klasse) oder Hochschule (nach der 13. Klasse) befähigt. Nach der erfolgreichen Testphase wurde ab 1997 die dreistufige Berufsoberschule in die Praxis umgesetzt.

Viele Wege führen zum Ziel

Stellvertretender Schulleiter Eckert erklärt die Besonderheiten der Schulform: "Die FOS ist eine praxisorientierte Alternative zum Gymnasium." Nach der Mittleren Reife können Schüler in der 11. Jahrgangsstufe praktische Erfahrung im Berufsleben sammeln. Unterricht findet im wöchentlichen Wechsel statt. Wer zusätzlich über eine Berufsausbildung verfügt, kann in der 12. Klasse der Berufsoberschule (BOS) beginnen. Zwischen vier Ausbildungsrichtungen können die Schüler heute wählen: Technik, Wirtschaft und Verwaltung, Sozialwesen und – ganz neu seit 2018 – Gesundheit.

Bilder aus vergangenen Zeiten: Die "Städtische Berufsschule" in den 1960er/70er Jahren.

Während die Schule aktuell gegen leicht sinkende Schülerzahlen ankämpft, bescheren zahlreiche Anmeldungen zwischen 2005 und 2012 organisatorische Probleme: Immer mehr Klassen werden ausgelagert, Berufsschullehrer an die FOS abgeordnet. Mit den Schülerzahlen wächst auch das Kollegium. Eckert: "Wir sind stolz ein sehr vielfältiges Kollegium zu haben. Sogar ein Spanischlehrer aus Kuba unterrichtet bei uns. Viele Lehrer haben genau den Bildungsweg, den junge Menschen bei uns gehen können, selbst durchlebt. Oft haben sie vor dem Unterrichten in der Praxis gearbeitet. Sie sind damit lebende Beispiele, dass diese Schulform funktioniert."

Digitalisierung und Internationalisierung

Digitalisierung, Internationalisierung, Automatisierung: Die Herausforderungen für das Schulzentrum sind auch im 21. Jahrhundert zahlreich. Schulleiter Wurdack skizziert das Credo der Schulgemeinschaft: "Wir haben schon den Anspruch nicht nur zeitgemäß, sondern immer einen Schritt voraus zu sein. Wir müssen in der Schule abbilden, wie die Wirtschaft in Zukunft aussehen wird." Aus diesem Grund ist die zunehmende Integration von digitalen Arbeitsmitteln in den Unterricht eine Kernaufgabe, die bereits seit vielen Jahren verfolgt wird. "Wir wollen unseren Schülern soziale und rechtliche Medienkompetenz mit auf den Weg geben", sagt Wurdack. Dank dem Förderprogramm "Industrie 4.0" werde die Automatisierung in der Wirtschaft auch im Schulalltag abgebildet, indem zum Beispiel eine automatisierte Fertigungsstraße nachgebaut werde.

Kultusminister Bernd Sibler besucht das Berufliche Schulzentrum

Amberg

Wurdacks Stellvertreter Nierlein hebt auch die Internationalisierung hervor: "Durch Programme, wie Erasmus oder Schüleraustausch, können die Schüler andere Kulturen kennenlernen. Auch unsere Partnerschaft zu Israel möchten wir wieder aufnehmen." Wurdack betont, wie wichtig solche interkulturellen Maßnahmen sind: "Die Tendenzen in unserer Gesellschaft, wie man anderen Kulturen begegnet, sind beängstigend. Als "Schule ohne Rassismus" setzen wir uns für den Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus ein." Ein Projekt mit Rabbiner Elias Dray stehe in den Startlöchern.

Über 2000 Schüler und 100 Lehrer gestalten im Jahr 2020 den Schulalltag im Beruflichen Schulzentrum. Die Geschichte ihrer Institution wird am Donnerstag, 5. März, mit einem großen Festakt und rund Hundert geladenen Gästen, darunter der bayerische Kultusminister Michael Piazolo, gewürdigt.

Info:

Tag der offenen Tür

Getreu dem Schulmotto "Tor zur Zukunft" öffnet das Schulzentrum am Samstag, 7. März, für alle Interessierten seine Pforten. Zwischen 11 und 16 Uhr kann man sich über die verschiedenen Ausbildungsrichtungen informieren. Auch die Anmeldung für die FOSBOS ist an diesem Tag möglich.

Bilder aus vergangenen Zeiten: Die "Städtische Berufsschule" in den 1960er/70er Jahren.
Bilder aus vergangenen Zeiten: Die "Städtische Berufsschule" in den 1960er/70er Jahren.

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