30.06.2021 - 00:05 Uhr
AmbergOberpfalz

Sehr geehrte Mitarbeiter*innen: Wie sich Sprache in Unternehmen verändert

Geht es um Gleichberechtigung, kommt man an einem Thema nicht vorbei – geschlechtergerechte Sprache. Das Thema spaltet die Gemüter, in vielen Firmen in der Region ist jedoch die Sache ganz klar: Gendern gehört zur Unternehmensphilosophie.

Arbeiten an Empfehlungen zur inklusiven Sprache: Theresa Bühl aus der Amberger Personalabteilung von Siemens im Gespräch mit ihrem Kollegen Werner Ahles, Schwerbehindertenvertreter am Standort.
von Evi WagnerProfil

Sprechen wir über Gruppen, die aus Männern und Frauen bestehen, benutzen wir im Deutschen meist die männliche Variante, das generische Maskulinum. Diese Bezeichnung soll dann für alle stehen. „Die Mitarbeiter“ bezeichnet also alle Menschen, die in einem Unternehmen arbeiten, über ihr Geschlecht sagt der Begriff nichts aus. Das Problem ist: Grammatikalisch mag diese Form zwar für alle gelten, im Kopf stellen wir uns dabei allerdings meistens Männer vor. Darauf weisen zumindest Studien hin. Bereits seit den 1970ern gibt es deshalb Diskussionen darüber, ob Sprache geschlechterneutraler werden müsse. Das sogenannte Gendern soll Schablonen im Kopf erweitern und Effekte auf die Gleichberechtigung haben.

„Siemens nutzt bereits gendergerechte Sprache, wenn auch noch nicht systematisch“, erklärt Theresa Bühl, HR Business Partner in der Siemens-Personalabteilung in Amberg. „Derzeit arbeiten wir an Empfehlungen, wie wir inklusiver Sprache in unserer Kommunikation noch mehr Raum geben können.“ Gehandhabt wird das am Amberger Standort wie folgt: Für alle offizielle Schreiben fällt die Anrede weg. So steht im Briefkopf bei der Adresse beispielsweise nicht mehr Herr oder Frau, sondern nur noch der Name. In der Anrede werden Sternchen verwendet. („Sehr geehrte*r Vorname Name), bei Stellenausschreibungen und Jobprofilen ist grundsätzlich ein „m/w/d“ zu finden.

„Durch meinen akademischen Hintergrund – ich habe englische Linguistik und Psychologie studiert – weiß ich, dass Sprache unser Denken entscheidend beeinflusst“, sagt Theresa Bühl. „Deshalb ist es für mich sehr wichtig, dass eine geschlechterneutrale Sprache verwendet wird. Ich bin der Meinung, dass dies mittel- bis langfristig dazu führt, dass damit einhergehende Stereotypen abgebaut werden. Ein Beispiel: Bei einem Mitarbeitenden bei der Feuerwehr stellt man sich zunächst einen Mann vor – klassisch spricht man ja auch vom Feuerwehrmann. Das Wort Feuerwehrfrau hingegen ist weniger geläufig. Dadurch verbinden bereits Kinder in jüngeren Jahren mit einem Mitarbeitenden bei der Feuerwehr einen Mann und keine Frau. Durch einen bewussteren Einsatz der Sprache können wir diese Vorurteile reduzieren, unseren Horizont und unseren Handlungsspielraum erweitern.“

Auch bei der Firma Godelmann in Fensterbach (Kreis Schwandorf) wird inzwischen gegendert. „Wir nutzen hierfür einen Kombination aus dem Gendersternchen und der Nennung beider Nomenformen, also beispielsweise: Mitarbeiter*innen; Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, erklärt Laura Dechant, die beim Steinerzeuger für die interne und externe Unternehmenskommunikation zuständig ist. „Wir befinden uns hier gerade mitten im Umbruch, deshalb kann es durchaus einmal passieren, dass das generische Maskulin durchrutscht, aber wir achten im Allgemeinen schon sehr darauf, die geschlechterneutrale Sprache einzusetzen.“ Auch persönlich ist die 24-Jährige der Meinung, dass geschlechterneutrale Sprache von großer Bedeutung ist. „Gerade unsere Generation hat hier wirklich die Chance etwas nachhaltig zu verändern. Sprache hat viel Macht, deshalb sollte man auch darüber nachdenken, wie man sie einsetzt und mutig vorangehen.“

Ganz ähnlich sieht man das bei der Witt-Gruppe in Weiden. „Kommunikation ist die Basis, wie wir miteinander umgehen“, sagt Personalchefin Susan Kröber. „Deswegen spielt natürlich auch die geschlechtergerechte Sprache eine große Rolle. In unserem Unternehmen ist Diversity schon seit geraumer Zeit ein wichtiges Thema. Dabei geht es jedoch nicht nur um das Geschlecht, sondern auch um Herkunft, Religion oder Alter. Wir fahren den Ansatz, dass es einfach wichtig ist, irgendwo anzufangen. Deswegen arbeiten wir mit Gendersternchen, nutzen natürlich auch den Zusatz m/w/d bei Stellenanzeigen. Den Relaunch unserer Webseite haben wir zum Anlass genommen, nur noch gendergerecht zu kommunizieren.“ Susan Kröber ist sich sicher: Gendern ist nur ein Teil eines großen Baukastens. Insgesamt muss es darum gehen, offen miteinander umzugehen und Vielfalt zu fördern.

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Theresa Dechant von der Firma Godelmann ist sich sicher: "Unsere Generation kann etwas verändern."
"Diversity schon seit geraumer Zeit ein wichtiges Thema", sagt Susan Kröber von der Witt-Gruppe.
Info:

Gendern – wie funktioniert das?

Gendern oder Gendering bedeutet, alle Menschen – unabhängig vom Geschlecht – in die Sprache einzubeziehen. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten.

  • Das Gender-Sternchen. Beispiele: Student*innen, Mitarbeiter*innen, Wissenschaftler*innen. Neben den Sternchen gibt es noch weitere Schreibweisen, anstatt des Sternchens lässt sich ein Unterstrich, ein Doppelpunkt oder ein Schrägstrich verwenden: Student_innen, Mitarbeiter:innen, Wissenschaftler/innen. Auf diese Art und Weise sollen auch die Menschen angesprochen werden, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlen. Das Sternchen soll symbolisch in alle Richtungen strahlen. Kritik: Diese Formen stören beim Lesen und lassen sich nicht gut aussprechen.
  • Doppelnennung. Beispiele: Studenten und Studentinnen, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Diese Form ist grammatikalisch richtig, sie wird inzwischen häufig bei Anreden und Begrüßungen verwendet. Kritik: Texte, ob nun gesprochen oder geschrieben, werden so um einiges länger.
  • Geschlechtsneutraler Plural. Beispiele: Studierende, Mitarbeitende, Lehrende. Diese Form ist tatsächlich geschlechtsneutral und bezieht nicht nur die männliche und weibliche Form mit ein. Kritik: Diese Form lässt sich oft nicht bilden, zum Beispiel bei Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen.

 

 

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