14.09.2020 - 17:16 Uhr
AmbergOberpfalz

Selbsthilfegruppe für alle Lebenslagen: "Niemand muss sagen, was er hat"

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Minigolf, "Mensch ärgere dich nicht", spazieren gehen oder einfach nur kochen: Was für viele Menschen alltäglich ist, kann für andere eine Herausforderung sein. Oder ein Highlight. Eine neue Selbsthilfegruppe macht das in Amberg möglich.

Wie der Name der Gruppe schon sagt: Diese Mitglieder waren am Montag gemeinsam aktiv und kochten.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Es ist die erste Selbsthilfegruppe dieser Art in der Oberpfalz. Seit März gibt es in Amberg einen Zusammenschluss, der sich "Aktiv und gemeinsam" nennt und der eines möchte: Menschen aus der gesellschaftlichen Isolation befreien. Ob Depressionen, eine Krebs-Diagnose oder andere seelische und körperliche Probleme: Auf Dauer rückt die Teilnahme am gesellschaftlichem Leben in den Hintergrund. Wenden sich auch noch Familie, Freunde und ehemaligen Kollegen ab, ist Einsamkeit unvermeidbar. Es war wohl ein kleiner Wink des Schicksals, dass sich die drei Initiatoren Sabine Graf, Martin Vielberth und Tim Bruns in einer Klinik kennengelernt haben. Schnell merkten sie, dass sie sich nicht nur gut verstehen, sondern unabhängig von ihren Diagnosen mit den gleichen Herausforderungen zu kämpfen haben. Sie schwankten zwischen Traurigkeit und Wut, zwischen Einsamkeit und Antriebslosigkeit und dem Wunsch, sich austauschen zu wollen. Am besten mit Menschen, denen es genauso geht. Denn nur sie verstehen einen so richtig.

"Viele kranke Menschen"

"Ich bin vor zehn Jahren krank geworden und habe dann erst einmal gemerkt, wie viele kranke Menschen es gibt", sagt Tim Bruns. Der 46 Jahre alte gelernte Bankkaufmann, der eigenen Aussagen zufolge an einer Medikamentenvergiftung fast gestorben wäre, weiß seitdem: "Bei allen chronischen Erkrankungen entwickeln sich irgendwann einmal psychische Probleme."

Mit ärztlicher und therapeutischer Hilfe allein sei es aber nicht getan. Nur zwei Beispiele: "Das soziale Umfeld bricht weg und es müssen plötzlich Anträge gestellt werden", um nicht durch das soziale Netz zu fallen. Stichworte: Arbeitslosigkeit, Berufsunfähigkeit, Verrentung oder Hartz IV. Viele Menschen seien alleine in derartigen Situationen überfordert. Ein Arztbesuch beziehungsweise Sitzungen beim Psychologen oder Verhaltenstherapeuten helfen laut Bruns an dieser Stelle nicht. Stattdessen kommt die Selbsthilfegruppe ins Spiel, sagt Sabine Graf, eine 56-jährige gelernte Einzelhandelskauffrau, die nach einem Schicksalsschlag die Kontrolle über ihr Leben verlor: "Bis sich die Betroffenen einigermaßen zurechtgefunden haben und da durch sind, sind sie schon zum Sozialfall geworden oder stehen kurz davor." Tim Bruns nickt: "Es fehlt dann einfach an Unterstützung." Zwar gibt es beispielsweise den Sozialverband VdK oder das Sozialamt, wo jeweils viele Fragen beantwortet werden können, aber letztlich schrecke das viele ab. Sie hätten Angst oder Scham davor, sich Fremden anzuvertrauen.

Den Weg zurück ins Leben müsse keiner alleine gehen. Dafür gebe es die Selbsthilfegruppe. Bei ihr stehe nicht, wie in allen anderen bereits existierenden Zusammenschlüssen, eine ganz bestimmte Krankheit im Fokus: "Bei uns muss niemand sagen, was er hat. Jeder kann preisgeben, was er möchte. Aber er muss es nicht", sagt Tim Bruns und erinnert sich daran, beim ersten Treffen im März die Richtung genau so vorgegeben zu haben. Was danach folgte, habe ihn überrascht: "Die Leute haben begonnen, ihre Geschichte zu erzählen. Da war ich baff."

Jeden Montagvormittag

Jeden Montag treffen sich die Mitglieder von 9.30 bis 12.30 Uhr in den Räumen des Christlichen Vereins Junger Menchen (CVJM) an der Zeughausstraße. "Wir wollten keine festen Zeiten vorgeben, sondern eher einen Rahmen", lässt Bruns wissen und ergänzt, dass sich niemand verpflichtet fühlen muss, regelmäßig zu erscheinen: "Wenn wir von jemandem nichts hören, lassen wir ihn erstmal in Ruhe." Es werde Gründe dafür geben. Auch mit der Uhrzeit nehmen es die Gruppenleiter nicht so genau: "Es ist okay, wenn jemand später kommt und früher geht. Jeder so, wie er es will."

Struktur für ganze Woche

Der Montagvormittag sei übrigens ganz bewusst gewählt worden. Sabine Graf erzählt, dass viele chronisch und psychisch Kranke häufig keinen Anlass sehen, überhaupt aufzustehen. Die Treffen könnten so im besten Fall dazu beitragen, gleich eine Struktur für die ganze Woche zu schaffen. Die 56-Jährige weiß, wovon sie spricht. Nach einem Schicksalsschlag habe sie zunächst einfach weitergemacht und sich gedacht: "Ich bin stark. Ich schaffe das alles." Doch sehr bald sei sie an ihre Grenzen gestoßen: "Irgendwann war Schluss. Ich konnte nicht mehr." Sie habe sich Hilfe gesucht und habe einen Platz in einer Tagesklinik gefunden, wo sie auf ihre jetzigen Mitstreiter Tim Bruns und Martin Vielberth stieß. Nach dem Aufenthalt dachten sich laut Graf alle drei: "Warum gibt es keine Nachbetreuung?" Also nahm das Trio das Schicksal selbst in die Hand und rief die Selbsthilfegruppe ins Leben. Sozialpädagogin Kerstin Bauer von der städtischen Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen stand beratend zur Seite. Das erste Treffen fand noch in der Elternschule statt, mittlerweile ist "Aktiv und gemeinsam" zum CVJM umgezogen. Bereits im Vorfeld werde im Chat, per E-Mail oder in einer Whatsapp-Gruppe besprochen, was auf dem Programm stehen soll. Bruns, Graf und Vielberth wollen keine Vorgaben machen. Die Ideen kommen aus der Gruppe. So gab es bisher ein Minigolf-Turnier, ein "Mensch ärgere dich nicht"-Spiel, ein Besuch im Kneipp-Becken und ein gemeinsames Kochen. Apropos Whatsapp-Gruppe: Bruns erzählt, dass sich unter den aktuell knapp 50 Mitgliedern einige Frauen und Männer befinden, die sich noch kein einziges Mal haben blicken lassen, sich aber rege an den Chats beteiligen.

Kostenlose Treffen

Mit ihren Angeboten wollen die Initiatoren Lücken füllen, "die wir in unserem System haben". Damit meinen sie nicht nur die oft unregelmäßige Nachsorge nach Klinikaufenthalten und die bei vielen Betroffenen fehlende Beratung bei Anträgen, sondern auch Antworten auf ganz banale Fragen des Alltags. Graf erklärt: "Wir sind keine Ärzte oder Therapeuten. Aber wir können unsere Erfahrungen teilen." Bruns formuliert es so: "Auch wir stoßen an unsere Grenzen. Aber wir wissen, wo es Hilfe gibt." Die Teilnahme ist gratis und wird es laut Bruns auch bleiben. Falls Kosten entstehen, wie bei Eintrittspreisen oder Kochtreffen, werden die Ausgaben geteilt.

Hintergrund:

Selbsthilfegruppe "Aktiv und gemeinsam"

Gegründet: März 2020

Mitglieder: aktuell 46

Ansprechpartner: Sabine Graf, Martin Vielberth, Tim Bruns

Treffen: Montags, 9.30 bis 12.30 Uhr, beim CVJM an der Zeughausstraße (außer an Feiertagen)

Kontakt: info[at]aktivundgemeinsam[dot]de

www.aktivundgemeinsam.de (tk)

Mehr über die Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen

Amberg
Sabine Graf (links) und Tim Bruns hatten die Idee, die Selbsthilfegruppe „Aktiv und gemeinsam“ zu gründen. Start war im März dieses Jahres.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.