08.02.2019 - 13:15 Uhr
AmbergOberpfalz

Mit Skater-Anlage im Wohnzimmer

Aus der ehemaligen Hutfabrik an der Kugelbühlstraße wird ein Ort der Selbstverwirklichung. Kulturfabrik Amberg nennt sich der neue gemeinnützige Verein. Die Gründer sind von dem Höhenflug selbst überrascht.

von Dagmar WilliamsonProfil

Dass in der Stadt das Angebot für junge Erwachsene nicht immer dem entspricht, was gewünscht ist, wird öfter beklagt. Dass sich aber ein Kollektiv dieser Altersgruppe zusammenschließt und sich ihre eigene Stätte baut, ist neu. Mit Skater-Anlage im Wohnzimmer. Es fühlt sich an, wie Kreuzkölln, ein Szene-Viertel in Berlin, dem Kiez, der sich über die Bezirksgrenzen von Kreuzberg und Neukölln zieht.

Das Feuer im Kamin lodert. Auf der großen Leinwand flimmert ein selbst gedrehtes Video über unterirdische Gänge Ambergs, die irgendwann irgendwo von der Truppe entdeckt wurden. Auf etwa 70 Quadratmetern erstreckt sich ein offener Raum, jeder Winkel genutzt mit Sitzgelegenheiten, Instrumenten, Konzert-Plakaten und klaren politischen Aussagen.

Vor rund einem Jahr mietet der eigenwillige Vorsitzende Josh Eichermüller eine renovierungsbedürftige Wohnung, verwinkelt hinter dem Max-Reger-Gymnasium. Aber nicht etwa zum Wohnen. Der 26-jährige Ingenieur empfängt gerne Freunde, darunter viele, die aufgrund eines Studiums in ganz Deutschland verstreut sind. Und da der Amberger ein gesetzestreuer und umsichtiger Nachbar ist, hält er auch nichts von unmittelbarer Lärmbelästigung. Allerdings darf beim freundschaftlichen Umtrunk laut gelacht werden.

"Und dann haben wir einfach damit begonnen, es uns gemütlich zu machen", sagt Eichermüller. Mit einem Schreiner-Meister bauten sie eine Skater-Anlage. Junge Künstler, die sich kreativ und erlaubt großflächig ausleben können, sind mit von der Partie. Immer mehr Ideen entstanden. "Mit der Kulturfabrik haben wir einen Raum zur Selbstverwirklichung geschaffen", ergänzt Maximilian Hohlheimer. Ein weiteres Mitglied, Christoph Schubert, baut jetzt No-Hope-Skateboards mit Wunschmotiven aus kanadischem Holz zum Verleih und Verkauf. Hier gibt es Werkzeug und Raum sowie Menschen, die sich gegenseitig motivieren und auch unterstützen.

"Freiraum für alle!", heißt die Devise. Ein Alternativangebot für Menschen aller Altersklassen, fernab des alltäglichen Konsumverhaltens. Unabhängig vom Einkommen. Damit auch die, die finanziell schlechter gestellt sind, gesellschaftlich und kulturell nicht ausgegrenzt werden. Die Mitglieder verfolgen ein Ziel, das schriftlich fixiert ist: "Alle Aktivitäten basieren auf dem Prinzip der Selbstverwaltung und dem Grundsatz der Gleichberechtigung. Jegliche hierarchische Strukturen und gesellschaftliche Herrschaftsmechanismen wie Rassismus, Sexismus, Nationalismus, Homophobie und Antisemitismus sind prinzipiell abzulehnen." Sätze aus der Satzung, die als Selbstverständnis anzusehen sind.

Yasmin Walai vertritt als einzige Frau seit der offiziellen Gründung im vergangenen Monat das weibliche Geschlecht. Deshalb wünschen sich die Mitglieder mehr junge Frauen, die mit Einfallsreichtum die Kulturfabrik bereichern. In der Skater-Szene ist es nicht unüblich, dass Sportlerinnen etwas belächelt werden. In der alten Hutfabrik kann ihnen so etwas nicht passieren. Kulturelle Förderung und Bildung gibt es bei Veranstaltungen wie etwa Lesungen und Vorträgen mit anschließenden Diskussionen. Durch das einladende Flair, das Gefühl, willkommen zu sein, entstehe an gesellschaftskritischen Themen automatisch Interesse. Kleine Konzerte werde des geben und Workshops, in denen jeder den anderen Gästen etwas beibringen kann.

Mundpropaganda ist ein Selbstläufer. Die Nachfrage bestätigt das Angebot. Schon jetzt stellt sich heraus, die Fläche reicht einfach nicht mehr aus. Deshalb werden die Mitglieder einen Förderantrag bei der Stadt stellen. Denn auch eine Kletterwand ist geplant. Josh Eichermüller ist sich sicher, dass Oberbürgermeister Michael Cerny, selbst Vater und bekanntlich wohlwollend der Jugend gegenüber, offen für Konzept-Vorschläge und Lösungsansätze ist. "Wir sind weg von der Straße, beschäftigen uns mit Politik und Kreativem - und jeder darf mitmachen."

Von Montag bis Mittwoch ist die Kulturfabrik geschlossen. Geöffnet wird nach Absprache.

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