29.07.2020 - 10:28 Uhr
AmbergOberpfalz

Sneak-Preview-Publikum hält Cineplex Amberg die Treue

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Das Kino hat es aktuell schwer. Immerhin kann sich das Cineplex Amberg auf das treue Sneak-Preview-Publikum verlassen, zu dem sich auch „Kino-Junkie“ Taner Rösl zählt. Der Amberg-Sulzbacher guckt jährlich rund 1000 (!) Filme.

Die Schlangen im Cineplex Amberg könnten länger sein. Allerdings können die Betreiber sich auf das treue Sneak-Preview-Publikum verlassen.
von Christopher Dotzler Kontakt Profil

Seine geliebten Kinos hatten für mehrere Wochen geschlossen. Taner Rösl muss sich wie in einem schlechten Film gefühlt haben. Denn wenn jemand die Bezeichnung Cineast verdient hat, dann sicher der 49-Jährige aus Süß. Noch treffender wäre wohl Kino-Junkie, wie er sich selbst bezeichnet. Nach eigenen Aussagen geht er jährlich etwa 100 Mal ins Kino, guckt ganze 1000 Filme im Jahr. Richtig gelesen: Das sind knapp drei Streifen am Tag.

In Zeiten von Corona erlebte das Autokino eine Renaissance. Eine Liebeserklärung.

Amberg

Tatsächlich hat sich der 49-Jährige vor seinem Kinobesuch am Montag zwei Eastern aus den 1970er Jahren angeguckt. "Ein Filmgenre des kommerziellen Unterhaltungskinos, in dem die Stilmerkmale des US-amerikanischen Genrekinos in asiatischen Filmen verarbeitet werden", schreibt Wikipedia. An den Montagen kommt Rösl oft ins Cineplex. An diesem Tag laufen gewöhnlicherweise die Sneak Previews, bei der Filme gezeigt werden, die offiziell noch nicht angelaufen sind. Die Besucher wissen allerdings nicht, was bei den Sneaks über die Leinwand flimmert. Horrorfilm, Liebeskomödie, Arthaus - alles ist möglich.

Im Schnitt 105 Besucher

Was letztlich zu sehen ist, darüber entscheidet Stephan Götz. Von den Filmverleihern bekommt der Theaterleiter des Cineplex Amberg ein paar Filme angeboten, die er vor dem eigentlichen Start zeigen darf. An diesem Montag entscheidet er sich für "Edison - Ein Leben voller Licht", der den Stromkrieg Ende des 19. Jahrhunderts thematisiert - mit Benedict Cumberbatch als Thomas Edison in der Hauptrolle. Eine Pflichtveranstaltung für jeden Elektrotechniker und auch sonst grundsolide dargeboten.

Das Parkkino in Amberg hatte 80 Jahre geöffnet. Vor einigen Jahren schloss es.

Rösl sagt später, dass "Edison" nicht die Höchstwertung bekommt. Dafür habe ihn der Film emotional zu wenig gekriegt und es seien zu viele Themen und Geschichten in dem etwas mehr als 100-Minüter gepackt worden sei. Prinzipiell guckt Rösl alles - von Liebeskomödie bis Horror. Er sei vielfältig interessiert. "Ich habe aber auch schon Filme gesehen, die ich besser mit meiner Frau geguckt hätte als mit meinem besten Kumpel. Aber das ist halt das Schöne an der Sneak: Wenn es losgeht und du nicht weißt, was auf dich zukommt."

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Das sehen wohl auch viele andere so. Das Sneak-Publikum zählt laut Götz zu dem treuesten. Im Schnitt kommen in Amberg 105 Besucher in eine Vorstellung - eine Zahl die allerdings die Zeit vor der Coronapandemie wiedergibt. An diesem Montag sind es lediglich 41 zahlende Gäste. Kinos haben es aktuell alles andere als einfach. Die Studios verschieben immer wieder die großen Filmstarts, weil es wegen des weltweit grassierenden Virus vor allem in Amerika immer wieder zu Lockdowns kommt und die Streifen nicht auf der großen Leinwand gespielt werden können. So wie es etwa bei dem heiß erwarteten "Tenet" von Christopher Noland der Fall ist, der schon längst gezeigt werden sollte, dessen Start mittlerweile aber auf den 12. August terminiert ist - mit der Ungewissheit, ob das auch tatsächlich so der Fall sein wird. Auch "Mulan" und der neue "James Bond" sind eigentlich schon fertig geschnitten und produziert. Die Verleiher sind dennoch zögerlich, die Filme ins Kino zu bringen.

Ein Umstand, der auch Rösl Sorge bereitet: "Zum einen befürchte ich einen supermega Stau zum Jahresende hin. Zum anderen ist die Entwicklung für das Kino auch nicht ideal, weil die Streamingdienste immer mehr zunehmen. Das tut dem Kino natürlich weh." Der Amberg-Sulzbacher merke das vor allem, wenn er auf Filmfestivals unterwegs sei: "Die Generation nach mir bricht fast weg." Viele würde Filme nur noch im Internet gucken. Dabei bräuchten manche einfach die große Leinwand.

Riesige Filmsammlung

Selbige hat Rösl schon früh für sich selbst entdeckt, wie er erzählt. Aufgewachsen in der Kleinstadt und geprägt vom großen Bruder sei die Leidenschaft schon in der frühesten Kindheit entfacht worden und habe sich über die Jahre verfestigt. So sehr, dass der 49-Jährige nicht nur 100 Mal im Jahr ins Kino geht, sondern auch ein "brutaler Filmesammler" sei. Soll heißen: In den Regalen in seiner Wohnung stehen rund 10 000 DVDs und Blu-Rays. Damit habe er auch die kinolose Zeit überbrücken können.

Als das Cineplex für einen ersten Probetag öffnete, war Rösl sofort wieder da. Und gleich das Wochenende darauf. Das Hygienekonzept funktioniert seiner Meinung nach sehr gut. Deshalb kann er das zögerliche Verhalten der Menschen nicht verstehen: "Ich finde es bedauerlich, dass so viele Leute zurückhaltend sind. Ich drücke dem Kino hier jedenfalls mehr als die Daumen."

Cineplex-Theaterleiter Stephan Götz spricht über die schwierigen Zeiten für das Kino, ist aber auch überzeugt: Eine wirkliche Realitätsflucht gelingt nur in einem Saal samt großer Leinwand.
Diese Augen haben schon viele Filme gesehen. Taner Rösl guckt nach eigenem Bekunden rund 1000 Streifen jährlich. Bild: Lingl
Hintergrund:

Stephan Götz berichtet von schwierigen Zeiten. Vor allem zielgruppenorientiert kann der Theaterleiter Gäste gewinnen. Heißt: Das Sneak-Preview-Publikum bleibt treu, das Familienkino funktioniere ganz gut und die Resonanz einer Vorführung einer aufgezeichneten Oper sei ganz Okay gewesen. Allerdings werden die großen Starts seit Wochen immer wieder verschoben. Viele Kinos haben deshalb nach dem Lockdown erst gar nicht geöffnet – auch in größeren deutschen Städten. Tatsächlich spricht Götz davon, dass aktuell das „Gespenst der (vorübergehenden) Schließung“ im Haus umgehe. Mit Angeboten wie „5 bis 15“ (für alle in diesem Alter kosten die Vorstellungen fünf Euro, egal welcher Film und welche Uhrzeit) will er sich dagegen stemmen. Außerdem hofft er darauf, dass die Sommerferien dem Kino einen Schub geben. Schließlich glaubt Götz noch immer, dass es eine – im positiven Sinne – richtige Realtitätsflucht nur im Kino geben kann. (doz)

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