07.02.2019 - 14:56 Uhr
AmbergOberpfalz

Staat will Tafeln unterstützen

Die Staatsregierung will die 169 bayerischen Tafeln - davon neun in der Oberpfalz - künftig aus Steuermitteln fördern. Kritik an den Plänen kommt aus der Region.

Helfer des Münchner Tafel e.V. helfen beim Entladen eines Lastwagens mit gespendeten Lebensmitteln. Der Sozialausschuss im bayerischen Landtag stellt am 07.02.2019 einen Bericht der Staatsregierung zur Lage der Tafeln in Bayern vor.
von Jürgen UmlauftProfil

Diese Förderung kündigte das Sozialministerium im Sozialausschuss des Landtags an. Für den Doppelhaushalt 2019/20 sei ein Betrag von 100.000 Euro angemeldet worden. Die Höhe entspreche in etwa den Wünschen des Landesverbandes "Tafel Bayern e.V.". Mit den Fördergeldern sollen Schulungsangebote für die rund 7000 ehrenamtlichen Helfer und der Aufbau einer Geschäftsstelle des Landesverbandes unterstützt werden. Zudem will das Agrarministerium den Bau dreier weiterer Logistikzentren für die bedarfsgerechte Verteilung der gespendeten Lebensmittel mit 30 Prozent fördern. Der laufende Betrieb der Tafeln wird von Spenden und Sponsorengeldern bestritten.

Im vergangenen Jahr haben die Tafeln in Bayern rund 40 000 Tonnen Lebensmittel an mehr als 200.000 Bedürftige abgegeben. Beliefert werden sie mit überschüssigen, aber qualitativ einwandfreien Lebensmitteln, die vom Handel oder den Herstellern gespendet werden und sonst vernichtet würden. Bezugsberechtigt sind alle sozial bedürftigen Menschen. Diese müssen ihre Bedürftigkeit bei den Tafeln nachweisen.

Statistik zu den Kunden

Nach einer Statistik des Landesverbandes sind 53 Prozent der Tafelkunden erwerbsfähige Erwachsene, vor allem Hartz-IV-Empfänger, Spätaussiedler und Migranten. 24 Prozent der Kunden sind Rentner, 23 Prozent Kinder und Jugendliche.

Die Tafeln waren 2018 in die Schlagzeilen geraten, nachdem einzelne Einrichtungen wegen des großen Zulaufs durch Flüchtlinge eine Aufnahmestopp verhängt hatten und sich Meldungen über gewalttätige Konflikte bei der Lebensmittelausgabe gehäuft hatten. Aus Bayern seien keine entsprechenden Vorfälle bekannt geworden, erklärte eine Sprecherin des Sozialministeriums. Das bedeute aber nicht, dass die Situation für die ehrenamtlichen Helfer vor Ort ohne Probleme sei. Die Arbeit der Tafeln wurde von allen Fraktionen gelobt. "Die Tafeln sind eine segensreiche Einrichtung, auch wenn mir lieber wäre, wir bräuchten sie nicht", sagte Thomas Huber (CSU). Es müsse daher das Ziel der Sozialpolitik sein, "dass sich jeder ein Leben ohne Tafel leisten kann". Ungeachtet dessen werde sich die CSU für die Förderung der Anschaffung von zwei Kühlfahrzeugen für die Tafeln stark machen.

Ursache der Armut

Doris Rauscher (SPD) erklärte, die Tafeln seien das Abbild der gesellschaftlichen Entwicklung, dass die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergehe. Deshalb dürfe nicht nur an den Symptomen der Armut kuriert werden, es müsse vielmehr die Ursachenbekämpfung in den Mittelpunkt rücken. Dazu gehörten die Kindergrundsicherung, die Grundrente sowie ein Tariftreuegesetz mit gerechten Löhnen.

Nach Einschätzung von Kerstin Celina (Grüne) leisten die Tafeln inzwischen "faktisch die Versorgung armer Menschen". Für diese Übernahme einer eigentlich staatlichen Aufgabe müssten sie auch staatliche Hilfe erhalten. Ulrich Singer (AfD) warb dafür, auch Lieferdienste zu fördern, damit zum Beispiel auch gehbehinderten Bedürftigen geholfen werden könne. Susann Enders (Freie Wähler) bezeichnete es vor dem Hintergrund der steigenden Zahl an Tafelkunden als "Armutszeugnis, dass wir diese Entwicklung in unserem reichen Land nicht stoppen konnten". In ihrer Regierungsverantwortung sei es nun Aufgabe und Verantwortung der Freien Wähler, die Beseitigung von Armutsursachen anzugehen.

Reaktionen aus der Oberpfalz:

Bisher gibt es in Bayern drei Logistikzentren für die Tafeln: in Feucht, Schweinfurt und München. Dort werden länger haltbare Waren wie Joghurt, Cornflakes oder Getränke zwischengelagert, erläutert Bernhard Saurenbach von der Amberger Tafel. Die einzelnen Tafeln können die Waren von dort abholen. Dafür müssen aber zum Beispiel die Schwaben einen weiten Weg zurücklegen. Deshalb begrüßt Saurenbach die Idee, dass der Freistaat die Einrichtung von drei weiteren Lagern unterstützen und 100 000 Euro im Haushalt 2019/2020 bereithalten will. „Dieses Geld ist hervorragend“, findet der Kümmersbrucker, der auch als Berater für die bayerischen Tafeln tätig ist.

„Grundsätzlich ist das eine gute Idee“, stimmt auch Josef Gebhardt zu. „Bisher hat der Staat mit keinem einzigen Euro die Tafel unterstützt“, sagt der Vorsitzende der Weidener Tafel. Er berichtet, dass im Lager in Feucht manchmal Flächen fehlen. Für die Abholung müssen die Tafeln jedoch Gebühren bezahlen – 21 Euro für eine Palette. „Wenn wir fahren, schauen wir schon, dass wir drei Paletten holen“, sagt Gebhardt. Sind Getränke dabei, muss die Tafel auch das Pfand bezahlen. Kürzlich kostete eine Palette deshalb 129 Euro. Ob es künftig mehr Lagerzentren in Bayern gibt, sei für die Tafeln sekundär, findet der Weidener. Wichtiger sei für ihn die Frage, ob er dann mehr Waren abholen könne oder die Gebühren sinken.

Nicole Fürst von der Mitterteicher Tafel ist weniger begeistert von neuen Logistikzentren. „Wir in Mitterteich, uns interessiert das nicht, und wir brauchen das auch nicht“, sagt die Vorsitzende. Frische Waren erhält die Mitterteicher Einrichtung von den Lebensmittelhändlern aus der Region. „Uns reicht das“, beteuert Fürst. Sie lobt die vielen Händler und Produzenten, die die Einrichtung unterstützen. Sie betont aber mehrmals, nur für Mitterteich sprechen zu können. Fürst halte es für besser, wenn der Staat die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer anerkennen würde. „Ich mach mein Ding wirklich gerne“, sagt sie. Aber durch das Engagement spare sich der Staat viel Geld. Eine Anerkennung „fände ich sehr angebracht“. (esa)

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