21.09.2020 - 11:58 Uhr
AmbergOberpfalz

Staunen im Studio

Heuer wäre er 100 Jahre alt geworden: der legendäre H. E. Erwin Walther (1920-1995), Komponist, Pianist und Musiklehrer. Ein Grund, Ambergs großen Sohn zu würdigen - mit einem „Studiokonzert“.

Hoch engagiert lassen Frank Gutschmidt (Klavier und Moderation), Ib Hausmann (Klarinette) und Yvonne Friedli (Sopran, nicht im Bild) Musik von Walther lebendig werden.
von Peter K. DonhauserProfil

Eine Rezension von Peter K. Donhauser.

Die 75 erstaunlichen, ja staunenswerten Minuten stehen unter dem Motto „... und singen in den Farben dieses Augenblicks“. Sie lassen Person und Charakter, Denken und Fühlen, das Niveau der musikalischen und grafischen Produktionen Walthers lebendig werden. Womöglich war es doch ein Vorteil, dass H. E. Erwin eben nicht als Professor für Komposition an einer Hochschule landete und sich dort vor den akademischen Kollegen beweisen musste, dass er nicht regelmäßig für einen Auftraggeber zu liefern hatte.

Im beschaulichen Amberg ging er seine eigenen Wege, ohne Scheuklappen, ohne Vorurteile, ohne den explosiven Schaffensdruck eines Max Reger, aber mit einem außerordentlich weiten musikalischen Horizont; auch Filmmusik beherrschte er aus dem Effeff.

Flieg Vogel, flieg!

Selber hat er sich als „bunten Vogel“ charakterisiert. Das ist im Programm deutlich zu erfahren: Die geradezu „vogelwilden“ Stücke für Klarinette und Klavier (1963) streifen genüsslich Alban Berg, Paul Hindemith, französischen Impressionismus; Nummer fünf rastet zu einem sensationell aberwitzigen Boogie-Woogie aus, der famose Klarinettist Ib Hausmann grüßt Benny Goodman, geht aber über dessen Aussage weit hinaus.

Den Anfang machen vier Klavierstücke (1990) nach „Der kleine Prinz“ (Saint-Exupéry), delikat spielend mit Bezügen zum Text, beginnend im stockdunklen Saal mit dem „Laternenanzünder“.

Faszinierend die sechs Lieder nach Texten des Regensburgers Thomas Emmerig (1979), bewundernswert die Sopranistin Yvonne Friedli, sie hat in Berlin bei dem Waldsassener Professor Wolfram Rieger studiert. Hut ab vor ihrer gestalterischen Bandbreite von leiser Lyrik zu atemberaubender Dramatik, vor ihrer technischen Souveränität, ihrer Treffsicherheit. Leider erweist sich die Verständlichkeit als Problem, warum nicht eine Text-Projektion?

Kalligraph Walther

Der Beamer ist ja sowieso im Spiel, bei den „Audiogrammen“ (1969), ausziselierte Grafiken, die Musiker zum Improvisieren anregen wollen. Die ersten drei sind ähnlich wie traditionelle Noten zu lesen: von links nach rechts, von oben nach unten. Die letzten geben noch mehr Freiheiten: Bei dem „Kreisen verschiedener Kreise“ kann der Interpret selber wählen, was er wann spielt. Gewandt, sympathisch und hilfreich erweist sich die Moderation des trefflichen Pianisten Frank Gutschmidt, der dem Klavier mit behandschuhten Fingern an Taste und Saite bewundernswerte Klänge entlockt.

So erfahren wir an diesem Abend auch das Selbstverständnis und das von Achtung und Toleranz geprägte Menschenbild Walthers: Der Komponist als Auslöser von musikalischer Kreativität, der erstaunen, aber nie belehren will. Finde deinen Weg und beschreite ihn.

Es ist immer noch Beethoven-Jubiläumsjahr

Amberg
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