Von Miriam Wittich, Tobias Gräf, Stephanie Wilcke und Andrea Mußemann
Mit Likörgläschen in die Schule? Es darf auch eine Wäscheklammer oder ein Lego-Duplo-Stein sein. Klingt seltsam, wird aber an den Schulen in Amberg und Amberg-Sulzbach ab Montag so praktiziert. Grund dafür ist die Testpflicht für bayerische Schüler. In Amberg werden aufgrund der 7-Tage-Inzidenz nur Abschlussklassen oder Viertklässler in den Genuss des Präsenzunterrichts kommen. Für sie heißt es: Stäbchen in die Nase, bohren, rein ins Fläschchen. Doch wo soll das Röhrchen abgestellt werden? Hier kommt beispielsweise der Duplo-Stein ins Spiel. Die Löcher auf der Rückseite passen perfekt. So gesichert, kann man das Nasensekret in die Trägerflüssigkeit eintauchen und das Wattestäbchen noch einmal richtig auspressen. Das Behältnis wird dann mit einem anderen Deckel verschlossen und etwas von der Flüssigkeit auf das Testplättchen getropft. Nach etwa 15 Minuten steht das Ergebnis fest. Positiv oder negativ. Diese Prozedur soll jeder Schüler in Bayern zweimal pro Woche eigenständig handhaben. Nur dann darf er am Unterricht im Klassenzimmer teilnehmen. Und: Die Corona-Selbsttests sind ausschließlich in der Schule, nicht daheim erlaubt. So sieht es die Regel des bayerischen Kultusministeriums vor.
"Das Testen der Schüler ist prinzipiell sinnvoll, es ist aber ein Irrsinn, das im Klassenzimmer zu machen", sagt eine Lehrerin in Amberg, die namentlich nicht genannt werden will. Die Schüler würden bereits eine halbe oder dreiviertel Stunde vorher in Bussen zusammensitzen, bevor sie das Schulgelände betreten. "Corona-Positive hätten zu diesem Zeitpunkt das Virus schon fleißig verteilt." Maximal 45 Minuten sollen ihrer Kenntnis nach zu Beginn von den Lehrern eingeplant werden, um die Selbsttests mit der Klasse zu erledigen. Das entspricht einer Schulstunde. Zeit, die im Unterricht fehlt. Und außerdem: "Wenn alle gleichzeitig die Maske runternehmen, dann finde ich das mit der Ansteckungsgefahr schon beachtlich", sagt die Lehrerin, die an einer weiterführenden Schule in Amberg unterrichtet und deshalb im Gegensatz zu den Grundschullehrern noch keine Impfung erhalten hat. Mit ihren eigenen Kindern hat sie die Selbsttests ausprobiert. "Sie haben sofort in die freie Landschaft genießt." Bei dem Test, den sie als Lehrerin bekommen hat, muss das Wattestäbchen zwei bis vier Zentimeter in die Nase gesteckt werden. "Das ist schon eine Herausforderung." Das Gefühl, mit dem sie am Montag zur Schule geht, heißt Unsicherheit. "Denn wir werden ungeimpft dem ganzen ausgesetzt." Und als Lehrerin könne sie auch nicht kontrollieren, ob der Test korrekt gemacht werde, oder ob der Schüler "nur ein bisschen hintupft". "Ich gehe mit Sicherheit nicht so nah ran, um das zu überprüfen."
Hoffnung auf mehr Sicherheit
"Wir sind sehr gut mit Tests versorgt und vorbereitet, es ist alles gut geplant", sagt Sabine Fersch, Leiterin des Staatlichen Beruflichen Schulzentrums (BSZ) Sulzbach-Rosenberg. "Aber wir sind natürlich gespannt, wie es dann in der Praxis läuft." Auf die Anordnung des Kultusministeriums hätte Fersch am Freitag noch kaum Reaktionen von Lehrern oder Schülern bekommen. "Es sind ja noch Ferien." Zum Start am Montagmorgen werden der stellvertretende Schulleiter und ein Vertreter des Bayerischen Roten Kreuzes vor Ort sein, kündigt Sabine Fersch an. So soll sichergestellt sein, dass die Testungen "unter Anleitung und mit höchst möglicher Sicherheit für Lehrer und Schüler" anlaufen.
Da die Inzidenz im Landkreis am Freitag über dem Wert 100 liegt, werden in der kommenden Woche nur die Abschlussklassen im Präsenzunterricht sein, am BSZ sind das aber einige. An den Berufsfachschulen werden laut Fersch zum Beispiel von zehn Klassen in dem Gebäude sechs anwesend sein. Doch nicht nur die hohe Klassenzahl ist hier am Beruflichen Schulzentrum anders. "Wir haben ja auch einen viel größeren Sprengel. Die Schüler kommen nicht zwingend aus dem Landkreis, sondern aus ganz Nordbayern. Das macht es besonders spannend", erklärt die Leiterin. Sie ist deshalb froh um die Test. "Regelmäßige Tests sind eine Erleichterung. Alles was unser Arbeiten sicherer macht, ist für uns gut. Wir wollen nicht, dass sich Lehrer oder Schüler bei uns infizieren."
Große Aufgabe für kleine Kinder
Auch die Viertklässler sollen am Montag mit dem Präsenzunterricht starten. Die Freude darüber ist bei Dr. Kathrin Dauer, Mutter einer Viertklässlerin, zwar groß, aber auch getrübt: "Ich bezweifle, dass die Kinder das Testen alleine hinkriegen." Sie ist der Meinung, dass das nicht einmal 50 Prozent der Kinder richtig schaffen werden. Zwar könne jeder in der Nase bohren, aber dann gibt es einige der bereits beschriebenen Schritte zu befolgen - mit vielen Unwägbarkeiten, die Kinderhände mit sich bringen. "Da hängt dann der dicke Popel im Röhrchen drin und verstopft den Ausgang der Tropfspitze. Dann geht nichts mehr." Gemeinsam mit ihrer Tochter habe sie versucht, das Prozedere einzustudieren.
Hinzu komme die vage Genauigkeit der Ergebnisse. Verlässlichkeit wäre nur mit einem PCR-Test gegeben. Ein Dilemma, denn welche Schule könnte das schon stemmen? "Ich möchte, dass meine Tochter in die Schule geht und ich stehe auch voll hinter dem, was die Initiative Lobby für Kinder fordert, aber wenn die Schnelltests nur eine Scheinsicherheit geben und sich die Kinder hinterher doch anstecken, ist es natürlich auch blöd."
Unterrichtszeit geht verloren
Auch am Herzog-Christian-August-Gymnasium (HCA) in Sulzbach-Rosenberg werden die in Präsenz anwesenden Oberstufenschüler nach dem Ende der Osterferien auf das Coronavirus getestet. „Die Tests bekommen wir vom Landratsamt zur Verfügung gestellt. Für die nächsten zwei Wochen sind wir ausreichend versorgt“, sagt Dieter Meyer. Der Schulleiter gibt aber zu, dass die neu eingeführte Testpflicht ein logistischer Kraftakt ist. Knapp einhundert Schüler aus der 11. und 12. Jahrgangsstufe werden im HCA anwesend sein. Weil viele von ihnen per Bus aus dem Landkreis kommen, sei ein vorzeitiges Testen vor Unterrichtsbeginn um acht Uhr nicht möglich. „Wir testen geschlossen im Klassenverbund in einem separaten Raum. Natürlich wird dafür auch Zeit vom Unterricht verloren gehen. Aber wenn man der Schule neue Aufgaben zuteilt, braucht das auch Zeit“, erklärt Meyer. Ob alle Schüler und Eltern mit dem Testen einverstanden sind, könne er erst ab Montag sagen, aber: „Der Test ist verpflichtend. Ohne ihn ist eine Teilnahme am Unterricht nicht möglich.“ Die Lehrer wiederum müssten sich bereits vorab selbst Zuhause testen.
Bei dem Test handelt es sich um einen Schnelltest für Laien. Ist das Ergebnis positiv, wird der betreffende Schüler nach Hause geschickt und muss einen PCR-Test nachholen. Der Rest der Klasse bleibt aber im Präsenzunterricht – auch weil die Maskenpflicht laut Meyer bestehen bleibt.
Der Oberstudiendirektor ist überzeugt, dass die Testpflicht Sicherheit bietet und trotz dem Extra-Aufwand ein Gewinn ist. „Wir haben nicht nur einen Schutzauftrag für die Schüler, sondern auch einen Bildungsauftrag. In vier Wochen sind die Abiturprüfungen. Es gibt keine bessere Maßnahme als den Präsenzunterricht, damit unsere Lehrer in direktem Kontakt Wissen vermitteln können.“
Froh, dass Abitur stattfindet
Eine Sonderstellung in Amberg nehmen die Dr.-Johanna-Decker-Schulen ein. Denn mit der Abschlussklasse der Realschülerinnen, der Q12, also der gymnasialen Abschlussklasse, kommen am Montag auch die Schülerinnen der Q11 hinzu. Den Präsenzunterricht für die drei Jahrgänge kann Schulleiter Günter Jehl im Haus garantieren: "Abstand und Schutz können wir zuverlässig gewährleisten. Wer gesund ist, wird beschult." Etwas kniffliger werde es, wenn die Inzidenz unter 100 in Amberg rutscht und damit Wechselunterricht weiterer Jahrgänge stattfindet. Davon geht Jehl aber derzeit nicht aus.
Froh ist er, dass die Kultusministerkonferenz beschlossen hat, dass die Abiturprüfungen trotz Coronapandemie auf jeden Fall stattfinden werden. "Jeder hat ein Anrecht auf eine Abschlussprüfung", sagt Jehl. Wer keine habe, für den würde das zur Belastung werden. "Das begleitet ein Leben lang." Er sehe auch gar keinen Grund, warum das nicht klappen sollte. Zwar sei es schade, dass in dieser Zeit Exkursionen, Fahrten, Schüleraustausche entfielen, doch zur reinen Wissensvermittlung sei die jetzige Regelung fast besser. "Es fällt kaum Unterricht aus. Unseren Abiturientinnen sind fast fertig mit dem Stoff, so bleibt mehr Zeit zur Vorbereitung und Wiederholung."
So geht es nächste Woche an den Schulen in Amberg weiter
In der Stadt Amberg lag der 7-Tage-Inzidenzwert laut Robert Koch-Institut am Freitag, 9. April, bei 144,5, im Landkreis bei 132 und damit über der entscheidenden Marke von 100 Coronavirus-Infizierten pro 100.000 Einwohner. Die neuen Regelungen für Schulen gelten bis einschließlich Sonntag, 18. April:
- In der Vierten, der Elften (Gymnasien und Fachoberschule) sowie in den Abschlussklassen findet Präsenzunterricht oder Wechselunterricht statt. An allen übrigen Schularten und Jahrgangsstufen bleibt es weiter beim Distanzunterricht. Die Einrichtungen für Tagesbetreuungsangebote für Kinder, Jugendliche und junge Volljährige bleiben geschlossen.
- Angebote für berufliche Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie der Erwachsenenbildung in Präsenzform sind untersagt. Ausgenommen sind Erste-Hilfe-Kurse und die Ausbildung von ehrenamtlichen Angehörigen der Feuerwehr, des Rettungsdienstes und des Technischen Hilfswerks.
- Instrumental- und Gesangsunterricht in Präsenzform sind untersagt. Fahrschulen dürfen weiterhin offen bleiben.























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