08.04.2021 - 17:01 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Schulen hadern mit plötzlicher Testpflicht: "Da rollt etwas auf uns zu"

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Ab Montag gilt an Bayerns Schulen eine Testpflicht. Besonders betroffen ist Weiden, wo womöglich zahlreiche Schüler zurück in die Klassenzimmer dürfen. Über volle Busse, leidende Fünftklässler und Scherze beim Nasenbohren.

Am Montag dürften in Weiden viele Schüler in die Klassenzimmer zurückkehren. Dann heißt es: testen. Lehrer sind von den Bestimmungen der Testpflicht nicht eben angetan.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Stäbchen in die Nase, ein bisschen bohren, dann rein ins Fläschchen und ab auf das Testplättchen. Kurz warten, dann steht das Ergebnis fest. Positiv oder negativ. Diese delikate Prozedur soll von Montag an jeder Schüler in Bayern zweimal pro Woche eigenständig handhaben. Nur dann darf er am Unterricht im Klassenzimmer teilnehmen. Und: Die Corona-Selbsttests sind ausschließlich in der Schule, nicht daheim durchzuführen. So sieht es die Regel des bayerischen Kultusministeriums vor. Geht das in Weiden gut, wo ab nächster Woche der niedrigen Inzidenz wegen wohl alle Schüler mindestens in den Wechselunterricht starten? Liegt die 7-Tage-Inzidenz an diesem Freitag unter dem Wert 100, ist genau das der Fall.

Genügend Tests vorhanden

An der Anzahl verfügbarer Tests scheint es nicht zu scheitern. Auf Nachfrage teilt die Stadt Weiden mit, "die Belieferung sämtlicher Schulen im Stadtgebiet mit einem für den ganzen Monat April ausreichenden Bedarf " sei erfolgt. Das Augustinus-Gymnasium gibt schon mal grünes Licht. Am Kepler-Gymnasium kam am Mittwoch eine Palette Stäbchentests an, berichtet Direktorin Sigrid Bloch. "Ich denke, für zweimal pro Woche sollte es jetzt reichen, wenn alle Kinder im Wechselunterricht kommen." Im Büro stünden noch weitere Kits, eine Lieferung vor Ostern.

Die Testpflicht sieht Bloch trotzdem kritisch, zumindest die Vorschrift, keine Schnelltests zu Hause gelten zu lassen. "Leider ist das so entschieden worden. Es wäre viel sinnvoller, wenn Schüler mit positivem Test gar nicht erst in der Schule auftauchen." Gerade in den Bussen befürchtet sie ein Ansteckungsrisiko. Viele Schüler in Weiden stammen aus dem Kreis Neustadt, einem Gebiet mit einer Inzidenz von 120,7 (Stand: 8. April). "Da mache ich mir natürlich meine Gedanken", fügt sie vielsagend an.

Ganz neu sind die Tests an den Schulen nicht. Schon vor den Osterferien konnten sich Abschlussschüler freiwillig in der Schule testen. An den von Oberpfalz-Medien befragten Schulen hieß es, das Gros der Schüler habe das Angebot angenommen. Am Gymnasium Eschenbach etwa habe sich niemand unter den Zwölftklässlern gegen den Test gesträubt. Alles sei problemlos abgelaufen. Am Montag stoßen die Elftklässler im Wechselunterricht dazu, mehr erlaubt die Inzidenz im Landkreis nicht.

Scherze mit Tests

Einer der den Test-Testlauf hautnah miterlebt hat, ist Vincent Poschenrieder. Er schreibt im Mai Abitur am Augustinus-Gymnasium. An der Ausführung der Tests würde es seiner Meinung nach sicher nicht scheitern. Vor den Ferien bekamen er und seine Mitschüler ein Video-Tutorial gezeigt, das ihnen die richtige Test-Handhabung erklären sollte. "Eigentlich absolut sicher", sagt Poschenrieder. Auch für Fünftklässler? Oder Grundschüler? Nicht unbedingt. Poschenrieder weiß selbst in seiner Abschlussklasse von "Scherzen" mit den Tests zu berichten. Da sei schon mal mutwillig ein roter Strich auf ein Testplättchen gemalt worden. Ein Indikator für eine positive Infektion. Jüngere Schüler würden mit den Tests "sicher auch ihre Faxen machen", befürchtet er deshalb. Tutorial hin oder her.

"Die Theorie ist meistens ganz anders als die Praxis", weiß Markus Staschewski, Bezirkssprecher des bayerischen Philologenverbandes. Möglich sei das Testen großer Schülermassen am Morgen schon, glaubt der Flosser. "In Österreich ist das längst üblich, das schaffen wir auch." Probleme sieht Staschewski dennoch zuhauf. "In Testzentren hat das Personal Ganzkörperanzüge an - und wir machen mit den Schülern im Klassenzimmer die Schnelltests." Schüler seien unberechenbar. "Wer weiß, was für Blödsinn da getrieben wird." Etwas mehr Vorlauf wäre gut gewesen, gerade in Weiden, findet er. "Da rollt wieder etwas auf uns zu."

Testpflicht vor Gericht?

Große Unsicherheit besteht an allen Schulen, wenn es darum geht, wie mit positiv getesteten Schülern zu verfahren sei. Abholen lassen? Mit Maske in den Bus? Einen klaren Plan hat noch niemand. Alles hängt an der Vorgabe, nur Schnelltests in der Schule seien gültig. Für Staschewski ist das nicht nachvollziehbar. "Warum sollen die Schüler nicht daheim testen dürfen?", fragt er sich. "Da hätten doch wirklich alle Eltern genügend Verantwortungsbewusstsein." Ein Nachweis in der Schule sei dann ohnehin nötig. So würden auch die Lehrer etwas entlastet. Ihnen obliegt es schließlich, die Tests zu überwachen.

"Außerdem muss ein Fünftklässler mit dem Stigma eines positiven Corona-Tests fertigwerden. Der Sitznachbar im Bus denkt sich auch ,Um Gottes Willen‘. Was da in den Köpfen der Kinder abläuft, die haben Angst ohne Ende." Aus Foren weiß Staschewski, dass viele Eltern schon nach Möglichkeiten suchen, die Testpflicht gerichtlich zu kippen. "Die Gerichte dürften nächste Woche ganz schön beschäftigt sein", vermutet er. Dasselbe gilt auch für die Lehrer.

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Bayern
Kommentar:

Klassenleiter möchte man nicht sein

Wer bitte hätte gedacht, dass Nasenbohren in der Schule einmal en vogue, ja sogar verpflichtend sein würde? Dieser Witz ist leider das einzig Lustige im Hinblick auf die Testpflicht für Schüler und Lehrer.

Es ist völlig unverständlich, wie das Kultusministerium auf die irrige Idee kommen kann, Testen in der Schule sei sicherer als der Schnelltest daheim. Diese Regelung bedeutet nichts anderes, als dass Schüler, ob mit Corona infiziert oder nicht, zur Schule kommen müssen, um sich dort, im Gewusel verschiedenster Jahrgangsstufen, schließlich einem Test zu unterziehen. Das Angebot, auch ein negativer PCR-Test reiche als Nachweis, um am Unterricht teilnehmen zu dürfen, ist ein äußerst dürres Feigenblatt. Welcher Schüler möchte sich zweimal pro Woche einem – erheblich invasiveren – medizinischen Test unterziehen? Da panscht man doch viel lieber morgens mit den Kumpels im Schnelltest herum. Wenn Schüler der 12. Klasse schon von billigen Scherzen mit den Test-Kits berichten, was passiert dann, wenn Fünft- oder gar Erstklässler zum Stäbchen greifen?

In derart kurzer Zeit ein schulinternes Corona-Testzentrum, selbst für die Kleinsten, auf die Beine zu stellen, das können die Schulen in Weiden kaum stemmen. Klassenleiter möchte man am Montag nicht sein.

Florian Bindl

Hintergrund:

Wer wann ins Klassenzimmer darf

  • Bei einer Inzidenz unter 50:
    Voller Präsenzunterricht für alle Grundschüler ohne Mindestabstand
    Wechselunterricht an weiterführenden Schulen
  • Bei einer Inzidenz zwischen 50 und 100:
    Wechselunterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen
  • Bei einer Inzidenz über 100:
    Distanzunterricht für die Jahrgangsstufen 1-3, Wechselunterricht für die 4. Klassen
    Distanzunterricht an weiterführenden Schulen
  • Abschlussklassen an weiterführenden Schulen bleiben unabhängig von der Inzidenz im Präsenzunterricht. Ebenso findet für die 11. Klassen am Gymnasium ab Montag Wechselunterricht statt.
  • Ausschlaggebend für eine Woche ist die 7-Tage-Inzidenz am Freitag zuvor. Es gilt die Inzidenz des Landkreises oder der Stadt der Schule, nicht der Schüler-Wohnort.

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