07.04.2021 - 17:08 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Modellstadt-Entscheidung vertagt: Zwischen kühlem Kopf und Entsetzen

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Erst in zwei Wochen soll eine Entscheidung fallen, ob Weiden zur Corona-Modellstadt wird. Während Lokalpolitiker weiterhin beste Chancen sehen, wird die Lage der Gastwirte immer prekärer. Sie mussten gleich zwei Nackenschläge einstecken.

Aus der Modellregion wird erstmal nichts. Weidens 2. Bürgermeister Lothar Höher bleibt jedoch zuversichtlich, dass die Bewerbung der Stadt erfolgreich ist. Immerhin: An Corona-Tests fehlt es nun nicht.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Wird Weiden Corona-Modellstadt? Oder doch nicht? Am Mittwoch kurz vor 13 Uhr sickerte die Nachricht an die Öffentlichkeit: Eine Entscheidung, welche bayerischen Städte Corona-Modellstandorte werden, ist verschoben. Um zwei Wochen. Das Infektionsgeschehen in Bayern sei zu gefährlich, gerade die hohe Belegung der Intensivbetten habe den Ausschlag gegeben, heißt es von der Staatsregierung. Für die Weidener Stadtspitze, die sich eine Entscheidung zugunsten ihrer Stadt herbeigesehnt hatte, ist das freilich bitter.

Bürgermeister Lothar Höher und Landtagsabgeordneter Stephan Oetzinger (beide CSU) verfolgten die Pressekonferenz gemeinsam im Rathaus. "Aufgeschoben ist nicht aufgehoben", kommentierte Höher wenige Minuten nach der Bekanntgabe durch Ministerpräsident Markus Söder. Die Köpfe der beiden waren rasch wieder oben. Ein Rückschlag, ja. Aber immerhin gebe es für den Handel akzeptable Optionen. Man habe in Weiden mit der 7-Tage-Inzidenz von 91,2 (Stand: 7. April) das Glück, auch weiterhin Click&Meet anbieten zu können.

Der Vernunft geschuldet?

Selbst bei einer Inzidenz über 100 sollen ab Montag Terminbuchungen in Geschäften möglich sein. Voraussetzung ist ein tagesaktueller, negativer Corona-Test. "Das bleibt. Tests haben wir organisiert für den Fall, dass wir Modellregion werden", erklärt Höher. "Wir sind vorbereitet." Ob die Stadt auch für Click&Meet Teststationen aufbaut, ist noch offen. Die Kapazitäten seien jedenfalls da. Insgesamt sei die Entscheidung des Freistaates, noch keine Modellregionen auszurufen, aber nachvollziehbar. "Unser Gesundheitssystem zu schützen, ist eine wichtige Aufgabe."

Der Aufschub "hat sich eigentlich abgezeichnet", findet Oetzinger. Es sei schlichtweg der Vernunft geschuldet. "Weiden ist nach wie vor im Rennen, die Bewerbung bleibt sehr, sehr gut." Läuft Weiden also gar nicht Gefahr, dass sich die Chancen, Modellregion zu werden, in den zusätzlichen zwei Wochen verschlechtern? Immerhin sind die Inzidenzzahlen eher rückläufig. Es könnte zur absurden Situation kommen, dass Weiden in Sachen Fallzahlen kurzfristig gut dasteht, deshalb aber durch das Modellstadt-Raster fiele, das Städte mit einer Inzidenz um 100 vorsieht. "Das wäre eigentlich die positivste Entwicklung von allen", sagt Oetzinger, "dann bräuchten wir die Modellstadt gar nicht mehr." Verbleiben die Inzidenzwerte im Dunstkreis der 100er-Marke, sieht der Landtagsabgeordnete weiterhin beste Chancen für Weiden. Zudem sei ja nicht nur die Inzidenz ausschlaggebend, um Modellstadt zu werden, fügt Höher an.

Handel und Gastronomie verzahnt

Am härtesten erwischt der Modellstadt-Aufschub die Gastronomen. "Für sie ist das ganz sicher keine gute Nachricht", weiß Höher. Denn: Die Modellstadt hätte eine geöffnete Außengastronomie für Gäste mit negativem Corona-Test vorgesehen. Nicht nur das ist jetzt Zukunftsmusik. In der selben Pressekonferenz gab Söder bekannt, dass auch die inzidenzabhängigen Öffnungen, die für den 12. April vorgesehen waren – ebenfalls die Außengastronomie –, vorerst vom Tisch sind. Aufschub um zwei Wochen, heißt es. Die Wirte werden, so Höher, "große Probleme haben. Ich hätte gerne ein Bier oder einen Kaffee in der Fußgängerzone getrunken. Da freue ich mich seit Monaten drauf." Zusammen mit Oberbürgermeister Meyer will er alle Hebel in Bewegung setzen, um zu helfen. "Wir brauchen eine Lösung, egal welche. Das ist mein größter Wunsch. Die Gastronomen liegen mir schwer im Magen."

Tobias Sonna, Einzelhandelssprecher der Stadt, glaubt weiterhin fest an die Weidener Modellstadt, schaut aber auch sorgenvoll in Richtung Gastronomen. In Weiden seien Handel und Gaststätten sehr eng verzahnt. "Wenn die Gastronomie geschlossen ist, tut das auch den Händlern weh", schlussfolgert er. Grundsätzlich sieht er die Stadt jetzt in der Pflicht, ein gutes Testkonzept für Click&Meet zu etablieren, sollte Weiden wieder über die 100er-Inzidenz steigen. "Dafür hatte man lange genug Zeit."

"Das ist realitätsfremd"

Wer wissen möchte, wie bitter die Entscheidungen des Freistaates den Gastronomen schmecken, der muss mit Martin Sauer sprechen. Er betreibt das Café Ristretto in der Weidener Innenstadt. Die Nerven in der Branche liegen blank. "Es ist einfach unverständlich", schimpft er. Er vergönne es jedem Einzelhändler, dass er öffnen darf. "Aber da gehst du in einen Raum mit Aerosolen und wir dürfen draußen nicht einmal einen Espresso verkaufen? Das ist realitätsfremd." Die Gastronomen verstünden das nicht mehr. "Wir wollen eine Begründung."

Die Lokalpolitik stehe immer hinter den Wirten, betont Sauer. "Hoffentlich kann Herr Höher etwas für uns bewegen, damit vielleicht doch bis Ende des Monats etwas möglich ist." Weiden jedenfalls habe seine Hausaufgaben gemacht, findet Sauer. Der Ball liegt jetzt im Feld der Staatsregierung, zwei zähe Wochen lang.

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