17.02.2021 - 12:05 Uhr
AmbergOberpfalz

Theater in der Nachkriegszeit: Amberg mit festem Ensemble

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Von 1946 bis 1949 hatte das Amberger Stadttheater ein festes Ensemble. Manfred Uhlig (90), der heute in München wohnt, ist das letzte noch lebende Mitglied des Ensembles. Eine schöne Zeit sei es gewesen, sagt er. Aber auch eine harte.

Gruppenbild mit Damen: 1949 war Manfred Uhlig in der „Fledermaus“, einer Operette von Johann Strauss, im Stadttheater zu sehen.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Manfred Uhlig ist ein gebürtiger Amberger. Zur Welt gekommen ist er im Haus in der Unteren Nabburger Straße 15, in dem heute das Modegeschäft "Zeitgeist" untergebracht ist. Seine Eltern besaßen eine Drogerie, die neben dem "Zeitgeist"-Haus noch zwei weitere Gebäude (eines in der Unteren Naburger Straße, das andere im Münzgässchen) umfasste. Sein Vater betrieb nicht nur die Drogerie, sondern noch einen Drogerie-Großhandel und stellte zudem chemische Produkte wie Ungeziefermittel her, erzählt Manfred Uhlig, der Ende September seinen 90. Geburtstag gefeiert hat. Sein Vater, der aus dem Erzgebirge stammt, war 1902 nach Amberg gekommen und arbeitete zunächst als Filialleiter in der Drogerie Specht. 1904 baute er sich dann einen Lebensmittelladen auf, aus der später die Drogerie mit fast 25 Angestellten wurde. Ab den 1935-Jahren gehörte auch ein Fotolabor dazu. "Das habe ich später geleitet, bis zu dem Zeitpunkt, als ich nach München ging."

Schauspiel, Tanz und Gesang

17 Jahre alt war Manfred Uhlig, als er zum Amberger Stadttheater-Ensemble kam, das ein Jahr zuvor gegründet worden war. "Ab 1945 hatte es in Amberg die Bunte Bühne gegeben", erinnert sich Uhlig. Seine Eltern hatten gegen sein künstlerisches Engagement als - wie er selbst sagt - Schauspiel-, Tanz- und Gesangseleve - nichts einzuwenden. Und auch nicht, dass er privaten Schauspielunterricht nahm. "Es war nicht geplant, dass ich die Drogerie übernehmen sollte, also durfte ich mich abseilen", erzählt er und schmunzelt. Manfred Uhlig hatte vier Brüder. Der Älteste verstarb früh, der Zweite sollte die Drogerie übernehmen, der dritte, der drei Jahre älter als Manfred Uhlig war, besuchte die Kunstakademie und war später Professor an der Fachhochschule Augsburg. Sehr nette Rollen habe er während seines Engagement beim Amberger Stadttheater-Ensemble bekommen, erinnert er sich. "Ich war fast das jüngste Mitglied." Nur zwei Mädchen, die hauptsächlich im Ballett aufgetreten waren, waren jünger als er.

Erster Auftritt als "Piccolo Gustl"

Dass Amberg drei Jahre lang ein festes Ensemble hatte, war laut Uhl dem gebürtigen Cottbuser Joachim Kubeng zu verdanken. Dieser hatte zunächst in Heilbronn eine Theatergruppe aufgestellt und war dann nach Amberg gekommen. Das Ensemble bestand hauptsächlich aus Flüchtlingen, "nur ich und eine weitere Frau waren gebürtige Amberger". An seinen ersten Auftritt kann er sich nur zu gut erinnern: als Piccolo Gustl" in der Operette "Im weißen Rössl". Es sei zugleich seine schönste Rolle gewesen, gesteht er. Obwohl ihm beim ersten Auftritt ein Missgeschick passiert ist: Auf der nach vorne abgeflachten Bühne bekam er beim Drehen eines Walzers die Kurve nicht mehr. Mit dem Ergebnis, dass seine Tanzpartnerin gegen einen Balken knallte. "Da war natürlich großes Gelächter im Publikum", weiß er heute noch.

Manfred Uhlig (Dritter von links) in einer Aufführung von „Der Bettelstudent“.

Stücke wie "Das weiße Rössl" kamen gut an beim Publikum. Diese Operette sei bestimmt 25 Mal aufgeführt worden, schätzt Uhlig. Oder die Operette "Die Czárdásfürstin", 29 Mal gespielt. Ebenso guten Anklang beim Publikum fanden laut Uhlig die Operetten "Clivia" und "Schwarzwaldmädel". Manfred Uhlig erinnert sich noch gut, wie schwer es in der Nachkriegszeit war. Die Theateraufführungen fanden abends ab 23 Uhr statt - und dauerten oft bis 2 Uhr nachts. "Um 23 Uhr ist nämlich erst der Strom angegangen, vorher war Stromsperre", sagt der 90-Jährige. Vormittags waren meist Proben, dann hatten die Künstler frei bis zum späten Abend. "Für den Biorhythmus war das nicht so gut", scherzt Uhlig rückblickend. Außerdem sei es kalt im Theater gewesen. Und die Zuschauer hätten Briketts mitbringen müssen, damit man den Kohleofen anschüren konnte.

"Sehnsucht nach Unterhaltung"

Die Amberger seien zahlreich zu den Aufführungen gekommen. "Die Leute hatten nach dem Krieg so eine große Sehnsucht nach Unterhaltung." Gerade deshalb seien lustige Stücke immer besser angekommen als beispielsweise Shakespeares "Was ihr wollt" oder Goethes "Faust". Klassiker wie diese seien höchstens zehn Mal gespielt worden. "Es hat viel Freude gemacht", bilanziert Uhlig seine Zeit auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Er erinnert sich auch noch gut daran, dass nur bis kurz nach der Währungsreform gespielt worden sei. 1949 sei der Theaterbetrieb eingestellt worden. Ebenso erinnert er sich noch gut an die anschließende Diskussion damals, was aus dem ehemaligen Franziskanerkloster werden sollte: "eine Art Viktualienmarkt, ein Bankhaus oder eine Parkgarage". Dass es noch heute ein Theater ist, ist nach Uhligs Ansicht vor allem einem Mann zu verdanken: Joachim Kubeng. Dieser habe einen Förderverein zum Erhalt des Stadttheaters gegründet - "und sich durchgesetzt". Doch erst einmal sei das Stadttheater in einen Dornröschenschlaf gefallen, bis es 1979 wieder zum Leben erweckt wurde. "Ein festes Ensemble gab es aber nicht mehr."

An seine Zeit beim Theater erinnert sich der Wahl-Münchner gerne zurück. Sehr schöne Sprechrollen seien es gewesen, außerdem habe er gesungen und getanzt. Und für eine Rolle sogar Jodeln gelernt. 24 Jahre war Manfred Uhlig alt, als er seine Heimatstadt verließ, nach München ging und dort in die Fotobranche einstieg. Diesem Metier blieb er treu, bis er 59 Jahren in Rente ging. "Seit 30 Jahren in Ruhestand, seit 60 Jahren verheiratet und 90 Jahre alt", nennt Uhlig drei für ihn wichtige runde Lebenszahlen. Dass er damals als junger Mensch sich dem Theater zugewandt hatte, sei in seiner Familie sehr akzeptiert gewesen. Seine Mutter, seine beiden Brüder und die Schwägerin sahen sich stets die Vorstellungen an. "Mein Vater konnte nicht mit ins Theater, er hatte Asthma." Uhlig weiß auch noch, dass er von seiner Mutter nach einer Premiere Blümchen bekommen hatte. "Wäre das Ensemble geblieben, hätte ich weitergespielt", ist er heute noch überzeugt.

Kriegsende in Amberg

Amberg

Den Kontakt in seine Geburtsstadt ließ Uhlig nie abreißen. Mit ehemaligen Schulfreunden aus der Volksschule traf er sich alljährlich am Tag vor Bergfestbeginn zum Klassentreffen, mit den Mitschülern aus dem Gymnasium unternahm er Tagesfahrten, unter anderem nach Regensburg, Nürnberg, Dresden und Passau. Jetzt hält er über die Schlaraffen, denen er sich vor zehn Jahren in München angeschlossen hat, Kontakt nach Amberg. Das Theater liebt er nach eigenen Angaben bis heute, "vor allem das Ballett".

Der heute 90-jährige Manfred Uhlig (in dieser Theaterszene als Zweiter von rechts) möchte seine Zeit beim Amberger Stadttheater-Ensemble nicht missen.
Manfred Uhlig als Csárdás-Tänzer auf der Bühne.
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