07.10.2020 - 13:56 Uhr
AmbergOberpfalz

Theater um Sterbehilfe und die Würde des Menschen

„Ich will sterben“, ruft der verzweifelte Richard Gärtner während einer Szene im Schauspiel „Gott“ von Ferdinand von Schirach. Im Stadttheater Amberg ist es mucksmäuschenstill.

„Gott“ ist nach Schirachs Stück „Terror“ der zweite Teil einer Theater-Trilogie und lässt in einer fiktiven Sitzung des Deutschen Ethikrates juristische, ethische und religiöse Argumente in einen Dialog treten.
von Marielouise ScharfProfil

In den Corona-bedingt nur vereinzelt besetzten Stühlen verfolgt das Publikum im Stadttheater Amberg gespannt eine fiktive Sitzung des Deutschen Ethikrates. Verhandelt wird im Schauspiel „Gott“ von Ferdinand von Schirach der Fall Gärtner, früher selbstständiger Architekt, 78 Jahre alt, körperlich und geistig gesund, selbstbewusst und selbstbestimmt, zwei Söhne, Enkelkinder und Witwer. Vor drei Jahren hat er seine Frau verloren, die qualvoll an einem Hirntumor gestorben ist. Ein solches Schicksal will er für sich selbst nicht - und vor allem: "Sie fehlt mir – sie ist weg und ich bin noch da. Das ist nicht richtig." Nun streitet er dafür, mit einem ärztlich verordneten Medikament mit Würde aus dem Leben scheiden zu dürfen.

Den Hintergrund liefert die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom Februar dieses Jahres, der zu Folge das Verbot der sogenannten geschäftsmäßigen Sterbehilfe gegen das Grundgesetz verstößt. Die rechtliche Frage ist geklärt, die ethische Frage bleibt. Soll ein Arzt Sterbehilfe leisten?

Die Bühne ist kahl. Ein Lagerregal aus Metall, gefüllt mit großen Kartons, steht im rechten Winkel zum Zuschauer. Ein alter Mann kommt mit einem Karton, stellt ihn in die Mitte, kramt immer neue Pappschachteln hervor. Der kleinsten entnimmt er ein Kleid, mit dem er nach leiser Musik durch die nackte Kulisse tanzt. Stühle werden hereingetragen. Die Tagung beginnt. Zu Wort kommen zwei Mitglieder des Ethikrats, der Antragsteller Richard Gärtner mit seinem Anwalt und seiner Ärztin; außerdem ein Vertreter der Bundesärztekammer, eine Rechtssachverständige und ein Bischof als theologischer Experte. Jeder betet brav seine Meinung herunter. Frau Rechts-Professorin Litten (Susanne Theil) behandelt mit sehr leiser Stimme, aber kräftigen Argumenten das Kapitel „Selbstbestimmung des mündigen Bürgers“, Dr. Sperling (Wolfgang Seidenberg) bezieht sich und seine Zunft auf den Hippokratischen Eid, wonach „Leben zu erhalten“ das Ziel der Ärzte sein müsse. Bei Augustinus und Thomas von Aquin holt sich der Bischof (Klaus Mikoleit) den theologischen Rat. Leben ist heilig und Leben bedeutet leiden, so sein Fazit. Rechtsanwalt Biegler (Christian Meyer) bemüht sich vehement um positive Stellungnahmen der einzelnen. Augenärztin Brand (Karin Boyd) möchte keine Beihilfe zum Suizid ihres Patienten leisten. Die Vorsitzende des Ethikrates (Patricia Schäfer) verfolgt die Statements und tippt fleißig in ihr Tablet. Zwischen all den Kapazitäten wird Richard Gärtner (Ernst Wilhelm Lenik) beinahe erdrückt.

Das Stück ist wirklich schwierig auf die Bühne zu bringen. Redlich müht sich das Ensemble, die Texte von Schirachs lebendig zu interpretieren. Aber irgendwie bleiben die Figuren doch Schablonen, die zwar anspruchsvollen Dialoge und Monologe ziemlich monoton, das Spiel wenig abwechslungsreich. Irgendwie sitzen oder stehen sie starr und stumm auf den Holzstühlen vor der Regalwand, auf der einmal das Wort „Eid“ projiziert wird, dann „Gott“ und schließlich noch ein Video von Frau Gärtner zu sehen ist. So nimmt man es jedenfalls an. Am Ende stimmt das Amberger Publikum mittels Handzeichen mit Mehrheit dafür, dass Herr Gärtner das Mittel Pentobarbital bekommen darf. Somit kann er jetzt seine letzte Kiste mit seinen Lebenskapiteln ins Regal packen. Mit dieser abschließenden, verständnisvollen Geste lässt Regisseur Miraz Bezar die aufwühlende Theater-Diskussion um selbstbestimmtes Sterben enden.

Revue „Himmlische Zeiten“ im Stadttheater

Amberg
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