ONETZ: Frau Grothum, seit zwei Jahren stehen Sie mit "Ein deutsches Leben" auf der Bühne. Hat sich Ihre Haltung gegenüber Person und Figur Brunhilde Pomsel im Laufe dieser Zeit verändert?
Brigitte Grothum: Minimal. Natürlich ist so eine Figur eine Herausforderung. Am Anfang war mir diese Frau so unsympathisch, ich fand sie widerlich. Und eigentlich muss man die Figur, die man spielt, ja zumindest verstehen können. Aber dann bin ich dahintergekommen, dass sie eine arme Sau war, ein Opfer der Zeit, der Umstände, ihrer Kindheit. Es gab viele tragische Punkte in ihrem Leben. Das kann ich jetzt besser verstehen. Brunhilde Pomsel wollte nach oben kommen, Karriere machen. Sie war nicht bereit, die nahende Katastrophe zu erkennen, obwohl sie als Goebbels Sekretärin ganz nah dran war. Ein entscheidender Satz von ihr ist: "Wir wollten es auch gar nicht wissen".
ONETZ: Die ehemalige Goebbels-Sekretärin Pomsel hat nicht geglaubt, dass sich Geschichte wiederholt. Aktuell wächst aber von Monat zu Monat genau diese Besorgnis. Spüren Sie das auch bei den Reaktionen des Publikums?
Ganz gewaltig! Wenn ich am Ende des Stückes sage "Ich glaube nicht, dass die Menschen heute so blöd wären, auf so einen Unsinn nochmal reinzufallen" war vor zwei Jahren Gemurmel im Publikum. Jetzt wollen die Menschen fast auf die Bühne kommen und widersprechen.
ONETZ: Eigentlich könnten sie ja auch einfach das Leben genießen. Was treibt Sie stattdessen auf die Bühne, noch dazu mit einem so schweren Stoff?
Vor fast drei Jahren habe ich meinen Mann verloren und hatte mit allem abgeschlossen. Ich hatte gar keine Ambitionen zu irgendwas. Dann kamen Philip Tiedemann (Regisseur, Anmerk. d. Red.) und Dieter Hallervorden (Intendant Schlosspark Theater Berlin, Anmerk. d. Red.) und hakten nach, ob ich denn jetzt "Ein deutsches Leben" schon gelesen hätte. Sie haben mich auf listige Weise hingeführt. Ich habe es daraufhin gelesen und muss sagen, dass ich durch dieses Stück wieder zurück ins Leben gefunden habe. Es hat mir ein bisschen das Leben gerettet und mir das Gefühl gegeben, dass das Leben noch einen Sinn hat. Ich habe die Bühne immer geliebt, bin eine "Theaterverrückte". Das Stück und das Theater sind mein Lebensinhalt.
ONETZ: Die Liste Ihrer Rollen, Tätigkeiten und Verdienste ist beeindruckend lang. Und doch bringt man Ihren Namen immer gleich mit den "Drei Damen vom Grill" in Verbindung. Langweilt Sie das mittlerweile?
Aber nein! Ich höre das gerne. Die Serie war 16 Jahre lang ein Erfolg im Vorabendprogramm und wird jetzt gerade im rbb-Nachmittagsprogramm wiederholt. Es hat einfach jedem gefallen, vom Akademiker bis zur Reinemachfrau. Sie begleitet mein Leben immer noch.
ONETZ: Wo wir schon dabei sind: Stehen Sie gerne vor der Kamera oder gehört Ihre Leidenschaft doch mehr dem Theater?
Ich mache beides gerne. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann ist der direkte Draht zum Publikum schon etwas ganz Besonderes. Auf der Bühne ist es immer wieder eine ganz andere Herausforderung. Beim Drehen kann man es zur Not wiederholen, im Theater nicht. Da bleibt es so, wie es in dem Moment war - mal gut, mal nicht.
ONETZ: Gibt es bei Ihnen schon Erinnerungen an die Stadt Amberg oder die Oberpfalz generell oder werden die erst jetzt geschaffen?
Ich habe schon im Amberger Stadttheater gespielt. Es war eine Tournee mit der Konzertdirektion Landgraf. Was genau, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass sich Kollegen gestritten haben, ob das Schwaben oder Bayern ist. Und auch wenn man das immer so sagt: Ich freue mich wirklich sehr auf Amberg.
Wer, wie, was?
- Brigitte Grothum, geboren 1935 in Dessau, Schauspielerin, Regisseurin und Produzentin, wollte eigentlich Pianistin werden. Nach einer Handverletzung beginnt sie 1952 mit Schauspielunterricht, ihr Debüt folgte 1954. Neben unzähligen Theaterrollen synchronisiert sie auch Diana Rigg als Emma Peel "Mit Schirm, Charme und Melone". Einem breiten Publikum bekannt wird sie mit der TV-Vorabendserie "Drei Damen vom Grill" und dem Mehrteiler "Die Piefke-Saga". Sie ist Trägerin des Berlin Ordens und des Bundesverdienstkreuzes am Bande. Brigitte Grothum lebt in Berlin.
- "Ein deutsches Leben": Einpersonen-Stück über die Goebbels-Sekretärin Brunhilde Pomsel ist am Freitag, 21. Oktober um 19.30 Uhr im Stadttheater Amberg zu erleben. Tickets bei der Tourist-Information Amberg, Tel. 09621/101233.













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