20.11.2018 - 14:47 Uhr
AmbergOberpfalz

Ein typischer Steinl

"Wir leben in einem freien Land" ist ein Stück von Alois Segerer. 1968 inszeniert, wird es heute neu bearbeitet. Winfried Steinl macht sich das mit seiner Gruppe Rampenfieber zur Aufgabe.

von Marielouise ScharfProfil

Die 68er - was bleibt? "Nichts und alles", antwortet Daniel Cohn Bendit, einer der Wortführer jener wilden Zeit in einem Filmspot. "Nichts und alles" sind so ziemlich auch die Schlussworte im kunterbunten, krass gebürsteten und kackfrechen Szenarium 2018, das Winfried "Winni" Steinl und das Theater Rampenfieber am Samstagabend im Ringtheater aufführten. Und aufgeführt haben sich die 68er ja reichlich draufgängerisch und aufmüpfig.

50 Jahre später

Die Welle der Unzufriedenen und Linksintellektuellen schwappte auch in die Provinz und fand in Amberg progressiv ihren Widerhall. Da liegen auch die Wurzeln des Stücks, das Alois "Sesch" Segerer verfasste und das sich nun in einer Neubearbeitung präsentiert. Immerhin sind die 68er schon ein halbes Jahrhundert Vergangenheit. Die Welt hat sich verändert und doch wiederholt sich so manches Szenarium.

In neun Kapiteln beschäftigt sich die muntere Theatertruppe mit dem Thema: Andreas Guckenberger, Cleopatra Linzer, Dagmar Müller, Herbert Hottner, Christina Porebski, Maria Dirnberger, Michael Schormüller, Nadine Hofmann, Patrick Wittmann, Tobias Haller und Wolfgang Schrüfer.

Requisiten oder Bühnenbild brauchen sie kaum, um packende Bilder zu malen. Mit einem verformten Rilke im Gepäck meistern sie den Start rückwärts und vorwärts gerichtet. Sie werfen den Fokus auf ein kurzes Stück Welt- und Stadtgeschichte. Der starke Herr Bonn und die lodernde Freiheitsstatue, der 'Negerführer' Martin Luther King und der Revolutionsheld Che Guevara, die sexuelle Befreiung und die antiautoritäre Erziehung - dokumentarische Filmeinspielungen illustrieren immer neue Kapitel. Die Aktivitäten auf der Leinwand und das Schauspiel auf der Bühne kitzeln künstlerische Feinheiten heraus. Mit engagiertem Spiel, mit glasklarer Sprache und bis in die letzte Reihe hervorragend verständlichem Text überzeugen die Darsteller.

Tortenspitzenkragen und bunte Strümpfe, Feinripp über gestähltem Männeroberkörper und flatternde Turnhemdchen über weiblichen Kurven - den Ideen sind keine Grenzen gesetzt. Nestbeschmutzer werden outgesourct, es gilt der Wahlspruch "Deutschland den Deutschen". Es wird "owegsoicht" und "geschreddert", Bildungsziele im Allgemeinen und Leibeserziehung werden gesondert vorgestellt. Das Publikum im gut besuchten Ringtheater erfährt "Vietnam antiautoritär" und dazu noch "belanglosen Scheißdreck".

Alles schon mal dagewesen!? Alles oder fast alles wiederholt sich wieder. Mit Lust und Leidenschaft setzen die Akteure Schein und Sein in Szene: Slapstick mit Sarkasmus, Komödie mit Kritik, Tragik mit Theatralik. Großen Anteil an der Gefühls- und Stimmungswelt hat die Musik von Werner "Leif" Wiesmeth. Wie er in die Tasten haut und Geräusche stimmig und passend zum Bild fabriziert, das hat ganz große Klasse.

Leise und sensibel

Und ohne die klasse Lichtregie und die tollen Leinwandeinspielungen von Bild- und Filmdokumenten wäre ein so komplettes Vergnügen nicht möglich gewesen. Die fließende Gegenüberstellung von damals und heute, leise, ohne den erhobenen Zeigefinger, sondern nur durch die sensible, aber auch ganz deftige schauspielerische Leistung anskizziert, das war typisch Steinl - der Theatermann, der schon damals das erste Szenarium inszenierte. Er war das Faktotum, das nicht nur hinter, sondern auch auf der Bühne die 68er-Generation verkörperte und an den passenden Strippen zog. Ein toller Abend! Bravo!

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