14.05.2020 - 11:03 Uhr
AmbergOberpfalz

Unehrenhaft, aber dringend notwendig

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Nachtkönig und Hundschlachter wird der Wasenmeister genannt. Keine ehrbare Frau lässt sich mit ihm blicken, einer Zunft darf er nicht angehören. Auf den Straßen sorgt er einst für Sauberkeit.

Der Gerber ging vorzugsweise am Wasser, in Amberg zum Beispiel in der Lederergasse, seinem Handwerk nach. Dort ist heute noch ein Zunftzeichen angebracht.

Ebenso wie der Henker und der Frauenwirt zählte der Wasenmeister, auch Schinder, Abdecker, Abzieher, Dreckmeister, Fallmeister, Hundschlachter, Hundeschläger, Kotkönig, Nachtkönig und Pappenheimer genannt - um nur einige von etwa 20 Berufsbezeichnungen zu erwähnen - zu den Unehrenhaften. Oft waren Henker und Wasenmeister eine Person, nicht so in Amberg. Doch während der Henker entbehrlich gewesen wäre, schließlich hätte man auch ohne Todesstrafe urteilen können, war der Wasenmeister für jeden größeren Ort lebensnotwendig. So wurde er von der Stadt oder der Herrschaft bestellt und ihm sein Bezirk und Aufgabenbereich zugewiesen.

Heute würde man ihn "Tierkörperverwerter" nennen. Doch das war nur eine seiner Aufgaben. Vielerorts, so auch in Amberg, musste er mit seinen Helfern die Abortgruben und die Schissgräben leeren. Da dies vorzugsweise in der Nacht geschah, der Name "Nachtkönig".

Unrat auf der Straße

Außerdem war er für die Sauberkeit der Straßen verantwortlich. Bei dem Begriff "Sauberkeit" ist zu bedenken, dass es im Mittelalter selbstverständlich war, allen Unrat auf der meist ungepflasterten Straße zu entsorgen. Der Nachttopf wurde in den Schissgraben oder auf die Straße entleert, auch das tote Schwein blieb dort liegen. Der Wasenmeister war für die Entsorgung zuständig.

Darüber hinaus war es bis in die Neuzeit seine Aufgabe, herumstreunende Hunde zu erschlagen. Bedenkt man, dass einerseits die meisten Straßen bis in das 17. Jahrhundert bei Nässe verschlammt waren und man sich nur mit Hilfe von Trippen auf diesen fortbewegen konnte, und es andererseits bei Trockenheit vor Gestank kaum auszuhalten war, hatte der Wasenmeister auch für ein Mindestmaß an Hygiene zu sorgen. Dabei war er selbst in seiner Gesundheit gefährdet.

So notwendig der Wasenmeister war, man miet ihn. Kaum ein "ehrliches" Mädchen war bereit, ihn zu heiraten. Er war nicht zünftig, durfte kein öffentliches Amt bekleiden, war von bestimmten Gottesdiensten und Sakramenten ausgeschlossen und hatte, vor allem auch im Wirtshaus, nur mit Seinesgleichen zu verkehren.

Dabei gehörte er, je nach Arbeitsanfall, oft nicht zu den Ärmsten. Spätestens ab dem Hochmittelalter waren Besitzer verendeter Tiere gezwungen, diese gegen Entgelt dem Wasenmeister zur Verwertung zu übergeben. War der Kadaver keinem Eigentümer zuzuordnen, musste der Schinder trotzdem tätig werden. Vor den Mauern der Stadt, in Amberg erst am Schelmengraben, in der Neuzeit in der Köferinger Straße, zog er dem toten Tier das Fell ab. Dieses kam zum Gerber, einem wegen des Gestankes gemiedenen und ebenfalls oft unehrlichen Handwerks, zur Weiterverarbeitung. Der Gerber ging vorzugsweise am Wasser, in Amberg zum Beispiel in der Lederergasse, seinem Handwerk nach.

Fett für Heilsalben

Knochen wurden zu Dünger vermahlen oder zu Leim verarbeitet, aus dem Fett entstanden Seifen und von Ärzten geschätzte Heilsalben. Mit das Wichtigste vor allem aus Sicht der Herrschenden: das Fleisch. Es war Futter für die Jagdhunde. So war die Jagd eng mit der Wasenmeisterei verbunden. Dies gilt auch für die Jagdhundehaltung am Amberger Fürstenhof, dem heutigen JVA-Gelände. Dabei bleibt dahingestellt, ob der herrschaftliche oder der städtische Schinder oder beide, letzterer sicher gegen Bezahlung, das Fleisch geliefert haben.

In der Nähe der Ortschaft Hirschwald befand sich das 1695 erstmals erwähnte "Luderhaus". Das vom verendeten Tier anfallende Fleisch hatte der Wasenmeister zu dörren. Es diente als Futter für die ihm übertragene Jagdhundehaltung, die vermutlich im 18. Jahrhundert endete. Frisch oder gedörrt fand es an den Luderplätzen oder auch in Fallgruben beim Anlocken von Wildtieren, vor allem von Wölfen, Verwendung. Die dortige Wasenmeisterei, zuständig auch für die umliegenden Gemeinden, bestand bis in die 1920er Jahre, dann übernahm der Amberger Wasenmeister diese Aufgabe.

Ähnlich dem Henker hatte auch der Wasenmeister anatomische Kenntnisse, bis in das 16. Jahrhundert oft bessere als die sogenannten Ärzte, die nur theoretisch ausgebildet wurden. Sezieren, und damit eine Kenntnis der menschlichen Anatomie, war bis dahin seitens der Kirche verboten. Doch der Übergang vom Pseudo-Arzt zum Quacksalber war, oft gut gemeint, doch fließend. Besser waren sicher seine Kenntnisse um die Heilung von Nutztieren.

Die nicht verwertbaren Reste wurden bei der Wasenmeisterei, dem Arbeitsplatz des Wasenmeisters, vergraben und mit Rasen, daher "Wasen", abgedeckt. "Schelm" stand für Aas, Kadaver als Schimpfwort auch für den Schelm. So führte in Sulzbach der Schelmesgraben zum Richtplatz, in Amberg befand sich ursprünglich die Wasenmeisterei am Schelmengraben. Spätestens im 18. Jahrhundert zog diese in die Köferinger Straße um, wo sie bis 1946 in Betrieb war. Der Wasenmeister wohnte im Wingershof.

Harte Arbeit

Es war keine leichte Arbeit, zumal wenn es sich um ausgewachsene Pferde oder Rinder handelte. Ein Fuhrwerk war erforderlich und oft auch ein Flaschenzug zum Be- und Entladen. Ärger gab es meist dann, wenn der Wasenmeister totes Getier nicht zeitnah entsorgte oder, um sich Arbeit zu sparen, nicht Verwertbares unsachgemäß entfernte. Heute wird die Aufgabe der Tierkörperbeseitigung von darauf spezialisierten Verwertungsanstalten übernommen. (ddö)

Vielerorts, so auch in Amberg, musste der Wasenmeister mit seinen Helfern die Abortgruben und die Schissgräben (Bild) leeren.

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