12.10.2018 - 10:34 Uhr
AmbergOberpfalz

Vorfahrt haben nur die Retter

Im Prinzip ist es simpel: Passiert ein Unfall auf der Autobahn, bilden die im Stau stehenden Verkehrsteilnehmer eine Rettungsgasse. Soweit die Theorie. Doch in der Praxis schaut das häufig ganz anders aus.

Wer die Rettungsgasse nicht bildet, Rettungskräfte behindert oder gar gefährdet, wird kräftig zur Kasse gebeten: Die Verkehrspolizei hat sogar ein mobiles Gerät für die Bezahlung mit EC-Karte.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

(san) Dass es mit der Rettungsgasse nicht oder nur bedingt klappt, davon können alle Rettungskräfte in der Region ein Lied singen. Mühevoll müssen sie sich durch den Rückstau kämpfen, um an die Unfallstelle zu kommen - der Notarzt genauso wie die Feuerwehr, die Polizei, aber auch die Autobahnmeisterei, die ebenfalls nach vorne muss, auch wenn längst alle Fahrzeuge mit Blaulicht besagte Trasse schon passiert haben. "Die Rettungsgasse muss offen bleiben", mahnt Friedrich Böhm, Leiter der Amberger Verkehrspolizeiinspektion. Hans Schwemmer, Leiter der Autobahnmeisterei Lauterhofen/Schwandorf, und Kreisbrandrat Fredi Weiß nicken. Zur Genüge kennen sie, dass zwar die ersten Rettungsfahrzeuge noch durchkommen, dann aber die Verkehrsteilnehmer wieder auf ihre ursprünglichen Spuren zurückscheren.

"Da kommt keiner durch"

Hans Schwemmer legt ein Bild vor. Aufgenommen hat es einer seiner Mitarbeiter, der am 19. September keine freie Fahrt mehr in der Rettungsgasse hatte, als ein Lkw auf der Autobahn verunglückt war und die Mittelleitplanke durchbrochen hatte. "Da kommt keiner mehr durch", bemängelt er. Sein Mitarbeiter aber musste zur Unfallstelle. "Wir sind dafür zuständig, dass wir den Abschnitt, in dem der Unfall passiert ist, wieder befahrbar machen." Deshalb müsse die Autobahnmeisterei Material oder Straßenschilder dorthin bringen.

Auch der Abschleppwagen

Der Gesetzgeber hat explizit festgelegt, dass auch diese Organisationen mit ihren Hilfsfahrzeugen die Rettungsgasse nutzen dürfen. Eben die Autobahnmeisterei, die weder mit Blaulicht noch mit Martinshorn ausgerüstet ist. Oder der Abschleppwagen. Möglicherweise auch ein Leichenwagen, der ein totes Unfallopfer abholen muss. "Ich habe schon Unfallstellen erlebt, da musste ein Bagger kommen, weil Erdreich ausgekoffert werden musste", schildert Böhm seine Erfahrungen aus dem Polizeidienst. "An die Unfallstelle müssen also nicht nur Fahrzeuge mit Blaulicht, sondern auch solche mit Gelblicht", stellt er klar.

Kreisbrandrat Fredi Weiß erwähnt noch den Faktor Zeit. Für einen schwerst oder gar lebensbedrohlich verletzten Menschen ist es wichtig, dass Hilfe so rasch wie möglich eintrifft. "Wenn die Rettungsgasse nicht funktioniert, kann die menschliche Hilfe im schlimmsten Fall zu spät kommen." Das Notarztfahrzeug könne sich vielleicht irgendwie auch noch durch eine schlecht gebildete Rettungsgasse schlängeln. "Doch wenn eines unserer Feuerwehrautos nicht mehr durchkommt und der Notarzt dahinter steht, dann kommt auch er nicht weiter."

Eindringlich appellieren die drei Männer an alle Verkehrsteilnehmer, im Falle eines Unfalls auf der Autobahn sofort eine Rettungsgasse zu bilden und diese solange offen zu lassen, bis die Fahrbahnen wieder für den Verkehr freigegeben wird. Geschehe dies, könne die Unfallstelle auch wieder zügiger geräumt werden. "Es ist unser aller Interesse, dass die Autobahnen als unsere Verkehrsadern so schnell wie möglich wieder frei gemacht werden", betont Böhm. "Und das geht eben nur mit einer funktionierenden Rettungsgasse."

Schwemmer hat häufig beobachtet, dass diejenigen, die im Stau stehen, dann aussteigen "und kreuz und quer auf der Autobahn rumlaufen". Auch das sei nicht erlaubt. "Man muss im Fahrzeug bleiben", stellt der Leiter der Autobahnmeisterei klar. Er hat auch Zahlen mitgebracht, inwieweit sich das Verkehrsaufkommen zwischen 2007 und 2017 auf den Abschnitten der beiden Autobahnen A 6 und A 93, für die die Autobahnmeisterei zuständig ist, verändert haben. Auf der A 6 nahm der tägliche Gesamtverkehr um 19,2 Prozent zu (von 25 600 auf 30 500 Fahrzeuge) zu, der Schwerlastverkehr um 12,5 Prozent (von 8800 auf 9900). Für die A 93 verzeichnet die Zählstelle im Schnitt pro Tag 46 000 Fahrzeuge insgesamt, 2007 warten es noch 40 700. Dies entspricht einer Zunahme von 11,3 Prozent. Beim Schwerlastverkehr waren es 2007 im Schnitt 6300 Fahrzeuge pro Tag, im vergangenen Jahr 7000. "Das ist eine Steigerung von 11,1 Prozent", erklärt Schwemmer.

Info:

Handy lenkt ab

Ein Blick aufs Handy, um zu sehen, wer die neu auf dem Smartphone eingetrudelte WhatsApp geschrieben hat oder ein schnell in den sozialen Medien abgesetzter Post: Wer dies tut, während er Auto fährt und dabei von der Polizei erwischt wird, für den wird es teuer.

Nach Angaben von Friedrich Böhm hat die Verkehrspolizei heuer einen Schwerpunkt auf Ablenkungen im Straßenverkehr gesetzt. Diesbezüglich wurden bereits 650 Verstöße gegen das Handyverbot am Steuer festgestellt. Erwischt wurden sowohl Auto- als auch Lastwagenfahrer. "Über diese hohe Zahl bin ich sogar selber erschrocken", gesteht Böhm. "Und das Jahr ist ja noch gar nicht rum." Wer während der Fahrt telefoniere, eine Nachricht am Smartphone tippe oder gerade das Navi programmiere, der sei potenziell abgelenkt. "Die dafür typischen Unfälle sind die, bei denen die Autofahrer langsam nach rechts driften und dann von der Fahrbahn abkommen", erklärt der VPI-Chef. Wer erwischt wird, wird mit 128,50 Euro (100 Euro für den Verstoß gegen das Handyverbot, 25 Euro Gebühr und 3,50 Euro für die Zustellung) zur Kasse gebeten und bekommt einen Punkt in Flensburg.

Ausländer, die mit dem Handy am Steuer erwischt werden, müssen an Ort und Stelle bezahlen. Und wenn sie nicht soviel Bargeld dabei haben, weiß sich die Verkehrspolizei zu helfen. Sie hat ein mobiles Gerät für die Zahlung mit EC-Karte. Seit Januar hätten alle Verkehrs- und Autobahnpolizeiinsepktionen dieses Gerät. "Langfristig soll jede Inspektion eines bekommen", weiß Böhm.

Zu den häufigen Ausreden, die die Polizei hört, wenn sie jemanden mit dem Handy während der Fahrt erwischen, gehören laut Daniel Trenz, Leiter der zentralen Verkehrsaufgaben, bei der VPI Amberg diese: "Ich hab nicht telefoniert, ich wurde angerufen" oder "Ich habe nur schnell den Akku überprüft." Wie Böhm ausführt, ist Ablenkung nach Alkohol das größte Unfallrisiko. "Deshalb mein Appell: Wenn das Handy läutet, rechts ranfahren, den Motor ausmachen und dann erst telefonieren." (san)

Eine Rettungsgasse, die keine ist: Die Autobahnmeisterei kam nicht durch den Stau zur Unfallstelle, als ein Lkw auf der A6 verunglückt war.

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