01.07.2020 - 10:31 Uhr
AmbergOberpfalz

Wetter-Extreme in Amberg: Mittendrin im Klimawandel

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Die Klimaerwärmung schlägt sich auch in Amberg nieder. Wer die Wetterdaten der vergangenen Jahrzehnte auswertet kommt zu der Erkenntnis: Die erste Generation kennt das normale Amberg-Klima gar nicht mehr.

Eisberge mitten im Sommer: Ende Juli 1996 suchte ein Hagelunwetter Amberg und die angrenzenden Gemeinden ein. Damals wurde auch die Landesgartenschau arg in Mitleidenschaft gezogen. Diese Aufnahme entstand in Kümmersbruck.

Von Michael Zeitler

Brennende Wälder in Australien oder inzwischen sogar in der Arktis, schmelzende Gletscher, verheerende Tornados und Hurrikans in Amerika - der Klimawandel wirkt fast so, als fände er nur im Fernsehen statt. Aber dem ist nicht so: In den vergangenen 30 Jahren hat sich das Klima auch in Amberg stark gewandelt.

Die Zeitspanne von 30 Jahren ist gerade für das Klima unserer Region von großer Bedeutung. Denn die klimatischen Bedingungen zeichnen sich durch eine große Vielfalt aus. Alleine die Durchschnittstemperatur im Januar zeigte seit 1991 eine Variabilität von 9,9 Grad Celsius. Das Wetter kann also ziemlich viel bei uns: Klirrende Kälte wie im Winter 1962/1963, brütende Hitze wie im Sommer 2018, brutale Stürme wie beim Tornado vom 17. Juni 1866. Erst in einem Zeitfenster von 30 Jahren wird aus dem Wetter mit all den Extremen ein statistisches Mittel - das Klimamittel. Die in Deutschland gültige Referenzperiode von 1961 bis 1990 umfasst daher genau diese 30 Jahre. Und mit dem Jahr 2020 schließt die nächste 30-Jahres-Periode ab. Daher lassen sich inzwischen eindeutige Aussagen darüber treffen, wie sich das Klima in Amberg wandelt.

78 zu warme Monate

Am deutlichsten macht sich der Klimawandel in Amberg durch eine Temperaturerhöhung bemerkbar. Lag das Mittel von 1961 bis 1990 noch bei 7,8 Grad, so ist es seit 1991 auf 9,0 Grad gestiegen (plus 1,2 Grad). Vor allem in den letzten Jahren haben die Werte noch einmal einen Sprung nach oben gemacht. 2018 markierte mit 10,4 Grad (plus 2,6 Grad) das wärmste Jahr in Amberg seit Aufzeichnungsbeginn 1913. Drei weitere Jahre brachten es bisher auf eine Abweichung von über zwei Grad: 2019 (plus 2,3 Grad), 2014 (plus 2,2 Grad) und 2015 (plus 2,1 Grad). Von den letzten 100 Monaten (seit Februar 2012) waren 78 zu warm, neun davon sogar über vier, fünf sogar über fünf Grad zu warm. Von den letzten 28 Jahreszeiten (seit Sommer 2013) fielen 27 überdurchschnittlich mild aus. Die in der Oberpfalz eigentlich sehr gewöhnlichen kalten Ausreißer nach unten sind äußerst selten geworden. Dabei erfolgt die Erwärmung nicht gleichmäßig über das Jahr verteilt. Vor allem die Sommer werden spürbar wärmer (plus 1,7 Grad). Wer heute 32 Jahre oder jünger ist, hat noch nie einen normalen Sommer erlebt (der letzte zu kalte Sommer war 1987). Eine ganze Generation kann sich heute also nicht mehr vorstellen, wieso Rudi Carrell das Lied "wann wird's mal wieder richtig Sommer" geschrieben und besungen hat. Selbst Durchschnittssommer, die weder zu warm noch zu kalt ausfallen, sind heute Mangelware. Der letzte nicht zu warme Sommer in Amberg war der von 1996.

2018 mit meisten Hitzetagen

Die Jahreszeit, die sich bisher am wenigsten gewandelt hat, ist der Herbst (plus 0,6 Grad). Vor allem der September und der Oktober (jeweils plus 0,4 Grad) haben sich nur unwesentlich verändert. Die Winter werden zwar deutlich milder (plus 1,2 Grad), doch die Monate im Winterhalbjahr (November-März) fallen noch am häufigsten zu kalt aus.

So war zum Beispiel jeder dritte Februar von 1991 bis 2020 im Vergleich zur Referenzperiode im Schnitt zu kalt. Das liegt daran, dass der Winter in Amberg generell ein breites Spektrum an Möglichkeiten bietet - je nach Wetterlage. Bei scharfen Ostwinden wird es auch in Zeiten des Klimawandels noch kalt, besonders in klaren Nächten und bei vorhandener Schneedecke. Aber gleichzeitig fließen im Winter immer öfter milde Luftmassen aus Südwesten nach Amberg. Der Januar 2007 brachte die höchste jemals gemessene Monatsabweichung und war 6,0 Grad zu warm. Das alles erscheint auf den ersten Blick nur Statistik zu sein. Doch die Folgen sind weitreichender als die Tatsache, dass in Amberg öfter zum T-Shirt statt zum Wollpullover gegriffen wird. Die Zahl der Hitzetage (Höchstwerte von über 30 Grad) nehmen immer weiter zu - und damit steigt vor allem für ältere Menschen und Personen mit Herz- und Kreislauferkrankungen die Hitzebelastung. Der Sommer 1947 brachte es einst auf 21 Hitzetage.

Doch in den letzten 30 Jahren wurde dieser Jahrhundertsommer gleich mehrfach übertroffen - mehr als deutlich: 2018 wurden in Amberg 34 Hitzetage registriert, 2003 und 2015 deren 31 und 2019 noch 26. Neuerdings treten in Amberg sogar Tropennächte (Nächte, in denen es nicht kälter als 20 Grad wird) auf. 2015 war das im Juli zwei Mal der Fall, 2017 im Juni ein weiteres Mal. Je nach Wohnlage verhindern derart milde Nächte das Auskühlungen von Wohnungen und steigern ebenfalls die Hitzebelastung für den Körper.

Das nasse Jahr 2002

Weniger genaue Aussagen lassen sich über den Niederschlag treffen. Die vergangenen Jahre waren durchwegs sehr trocken. Das Niederschlagssoll in Amberg in der Referenzperiode von 1961 bis 1990 beträgt etwa 700 Liter auf den Quadratmeter pro Jahr. Dieser Wert wurde aber letztmals 2011 erreicht. Vor allem die Sommermonate neigen inzwischen verstärkt zur Trockenheit: 2018 wurde weniger als 50 Prozent des Niederschlagsolls erreicht, 2015 waren es 56 Prozent, 2012 auch nur 64 Prozent. Generell fielen seit 1991 pro Jahr rund 15 bis 20 Liter weniger Niederschlag. Die Extreme werden aber heftiger: Zwar war 1991 mit 464,3 Liter pro Quadratmeter trockener als jedes andere Jahr in der Referenzperiode von 1961 bis 1990. Aber auch das nasseste Jahr in Amberg seit Aufzeichnungsbeginn (2002 mit 1105,2 Liter pro Quadratmeter) fällt in den Zeitraum der letzten 30 Jahre.

Über die Häufigkeitsentwicklung von Unwettern lassen sich keine präzisen Aussagen treffen. Einerseits brachten die vergangenen 30 Jahre schwere Unwetter wie am 14. Juli 1995 mit der höchstens jemals gemessenen Tagesniederschlagsmenge (85,5 Liter) oder wie die Hagelunwetter 1996 und 2003. Andererseits nehmen trocken heiße, weniger gewitterlastige Sommer wie 2015 oder 2018 zu.

Info:

Die Crux mit den weißen Weihnachten

Mit der Klimaerwärmung schwinden in Amberg die Chancen auf Weiße Weihnachten. In der Referenzperiode von 1961 bis 1990 erlebte Amberg 15 Mal Schnee zum Fest der Feste – also genau jedes zweite Jahr. Seit 1991 war das aber nur noch sechs Mal der Fall, in den letzten 20 Jahren sogar nur noch drei Mal. Nun ist das mit weißen Weihnachten aber nicht so ganz einfach: Schneehöhen werden nämlich nur einmal am Tag offiziell gemessen, immer um sieben Uhr morgens. In manchen Jahren lag zwar am Morgen des 24. Dezembers noch Schnee, nicht aber am Morgen des 25. Dezembers – oder umgekehrt. Betrachtet man nur die Jahre, an denen an beiden Tagen eine Schneedecke gemessen werden konnte, dann kamen Weiße Weihnachten von 1961 bis 1990 zwölf Mal vor, seit 1991 nur noch fünf Mal. Die Häufigkeit für Schnee zum Weihnachtsfest nimmt also deutlich ab. Immerhin: Am tiefsten verschneit war Amberg an Weihnachten 2001 mit 35 Zentimetern.

Wie sich die Wetter-Extreme auf den Wald auswirken

Amberg

Starkregen in der Oberpfalz im Juni 2020

Oberpfalz
Auf dem Landesgartenschaugelände in Amberg erklärten 1996 Hinweisschilder, warum die Pflanzen so zerzaust aussahen.
Info:

Zum Autor

Michael Zeitler, der Autor des Beitrags, schreibt gerade ein Buch zum Thema Klimawandel. Er bezieht sich bei seinen Recherchen unter anderem auf die Wetterdaten, die über viele Jahre in Amberg aufgezeichnet worden sind. Ziel des Buches soll es sein, Laien ein Grundgerüst in der Diskussion mit auf den Weg zu geben – um Skeptikern mit Fakten entgegnen zu können und um sich selbst nicht verunsichern zu lassen. Wie wirkt sich der globale Klimawandel derzeit schon aus? Was ist der Unterschied zwischen Klima und Wetter? Wieso werden die Messdaten angepasst und steckt da wirklich Manipulation dahinter? Das sind nur ein paar der Fragen, die in dem Werk behandelt werden. Michael Zeitler ist 29 Jahre alt und in Kümmersbruck geboren und wohnt in Amberg. Zeitler hat in Regensburg Politikwissenschaft studiert und ist als Journalist für den Axel-Springer-Auto-Verlag tätig. Dort berichtet er seit 2016 für diverse Publikationen. Ehrenamtlich engagiert sich der Autor unter anderem als Nikolaus für die Kolpingsfamilie Kümmersbruck, als Zweiter Vorsitzender der Schützengemeinschaft Tell Kümmersbruck, als Sportleiter für Hubertus Ursensollen und neuerdings auch für Fridays for Future.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.