Vertrocknete Flüsse, verzweifelte Menschen, explodierende Bomben – und schließlich die Apokalypse. Ist es das, was uns droht? Ist dieser Weg ein unausweichlicher? Stürzen wir Menschen uns und unseren Planeten in die endgültige Vernichtung, weil wir es einfach nicht anders können? Die brüllenden Videoeinspielungen auf der Bühne des Amberger Stadttheaters lassen diese Frage erst einmal offen, doch dann erscheinen drei seriös aussehende Leute hinter Pulten. Zwei Männer, eine Frau. Nachrichtensprecher offenbar. Und schon beginnt für das Publikum im Zuschauerraum das "Apokalypse Resistance Training".
Aha, schon dieser Titel verrät: Es scheint doch noch eine Alternative zu geben für das scheinbar nicht mehr Abzuwendende. Widerstand gegen das, was wir wollen sollen. Den Mund aufmachen, auf die Straße gehen, demonstrieren und auch handeln. Schon stellt sich heraus, die drei Leute da auf der Bühne sind gar keine Nachrichtenleute. Sie sind Akteure, Handelnde, Widerständler, die ihr ganzes Leben lang angekämpft haben gegen mahlenden Mainstream, der längst auf den Weg in die Selbstvernichtung eingebogen sind. Aber wer sind diese Drei da oben? Zwei ältere Herren und eine jüngere Frau.
Die echten Lebensgeschichten
Sie stellen sich dem Publikum vor und erzählen ihre Lebensgeschichten. Keine erfundenen übrigens. Was sie auf der Bühne sagen, haben Verena Specht-Ronique, Willy Combecher und Detlef Köhler vom Theater Grüne Soße aus Frankfurt tatsächlich so erlebt. Es sind ganz unterschiedliche Erlebnisse, die sie den immer staunender lauschenden Zuschauern da schildern. Willy Combecher zum Beispiel, der seine ländliche Kindheitsidylle durch den frühen Tod des Vaters verliert. Der in der Gesamtschule erlebt, wie sich weltweit die Studenten erheben, in Deutschland protestieren gegen den Muff von tausend Jahren, aufstehen gegen den Vietnam-Krieg. Der selbst den Widerstand probt in seiner Schule und letztlich feststellen muss, dass man im Aufstand oft sehr allein da steht.
Willy geht nach der Schule nach West-Berlin, weil es dort keine Wehrpflicht gibt. Er kommt mit der Hausbesetzer-Szene in Kontakt, besetzt selbst und eröffnet im Wedding einen nicht genehmigten Jugendtreff. Eindrucksvoll schildert er, wie die Staatsmacht zurückschlägt, ihn schwer bewaffnete und vermummte Polizisten nachts aus dem Bett holen in der "Nacht der langen Messer", in der die noch junge Bundesrepublik zeigt, dass sie so viel noch nicht gelernt hat seit jener dunklen Zeit, der doch alle so froh waren entkommen zu sein.
Das Ende der DDR erlebt
Ganz anders Verena Specht-Ronique. Sie erlebt als Kind das Ende der Deutschen Demokratischen Republik. Wächst auf zwischen Pionieren und Urlaub mit Zelt und Trabant. Wundert sich, warum sie nie begriffen hat, dass ihre Tante, die inzwischen im Westen lebt, in der DDR gefoltert worden ist. Weil sie anders gedacht und geredet hat, als es von oben angeordnet war. Widerstand zu leisten, bedroht im anderen deutschen Staat schnell einmal das eigene Leben. Demonstriert wird zwar auch, doch angeordnet und gelenkt von der Staatsmacht. Mit bunten Fähnchen und roten Halstüchern, für Frieden und Freundschaft mit der Sowjetunion. Zu ihrer Geschichte läuft Verena Specht-Ronique auf einem Laufband ohne Anfang und Ende. Es könnte auch ein Hamsterrad sein.
Doch auch nach der Wende 1989 geht der Kampf weiter. Es ist ein Schulaufsatz über die Blechtrommel von Günter Grass. Verena interpretiert den Text nicht so, wie es gewünscht wird, bekommt eine schlechte Note. Doch sie leistet Widerstand. Schreibt Günter Grass persönlich an – der antwortet. Findet ihre Version der Geschichte gut. Den Brief donnert sie ihrer Lehrerin auf das Pult. Widerstand. Den leistet auch Detlef Köhler von früh an. Der gelernte Schreiner mit dem Heinz-Schenk-Shirt (Ältere unter uns erinnern sich: der Bembl) wurde sozialisiert in der Bewegung gegen die Startbahn West in Frankfurt, ist im Hambacher Forst zu finden, fährt direkt vom Baumhaus aus mit dem Motorrad zur Arbeit.
Und es bewegt sich doch
Detlef erzählt von der ersten Fahrraddemonstration in Frankfurt – lange vor der Critical Mass. Dazu ein Bild im Hintergrund von einem dicken Mercedes Benz, der ein Rad überfahren hat. Heute malt die Stadt Frankfurt rote Fahrradwege auf die Straßen, die einst nur für Automobile da waren. "Es geht doch", so sein knapper Kommentar. Es gibt also noch Hoffnung, dass nicht alles zu spät ist. Das wollen die drei Theaterleute den vor allem jungen Leuten im Publikum vermitteln. Schülervorstellung, versteht sich. Der Staffelstab des Widerstands wird weitergegeben an die nächste Generation. Noch ist die Apokalypse nicht da, noch ist die Erde nicht verloren. Nächste Gelegenheit: Am 3. März ist Klimastreik – auch bei uns in Amberg. Ein gelungenes Theaterexperiment übrigens. Sollte man öfter machen.















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