28.05.2021 - 21:06 Uhr
AmbergOberpfalz

Wölfin „GW2066f“ bleibt vorerst ein Phantom

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Der Wolf, der am 27. April eine Schafherde am Rande des Truppenübungsplatzes Hohenfels angegriffen und fünf Tiere getötet hat, ist identifiziert. Doch die genetische Zuordnung wirft mehr Fragen auf, als sie Antworten geben kann.

Herdenschutzhunde der Rasse "Kaukasische Owtscharka" bewachen einige der Schafe, die derzeit auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels weiden. Möglicherweise sind sie der Grund, dass dort seit dem 27. April kein Wolfsangriff mehr registriert wurde.
von Markus Müller Kontakt Profil

Von Markus Müller und Paul Böhm

Der Angriff des Wolfs auf die 15-köpfige Waldschafherde, die auf dem eingezäunten Areal einer Photovoltaikanlage bei Parsberg (Landkreis Neumarkt) weidete, geschah am 27. April. Dass es tatsächlich ein Wolf war, der hier fünf Tiere getötet und mehrere schwer verletzt hatte, war für Experten aufgrund der Kehlbisse, mit den die Beute getötet worden war, und des Fraßbildes ziemlich offensichtlich.

Auch die Nähe zum Truppenübungsplatz Hohenfels, der als Wolfsgebiet gilt, sprach dafür. Die Photovoltaik-Anlage zwischen Raitenbuch und Lupburg liegt etwa drei Kilometer Luftlinie jenseits der Übungsplatzgrenze. Die Anlage ist von einem hohen Festzaun umgeben, der bisher als sichere Barriere gegen Wölfe galt. Jetzt allerdings wies er ein Loch auf.

Man ging davon aus, dass das Raubtier sich unter dem Zaun durchgegraben hatte. Ganz ähnlich hatte sich das bei einigen Wolfsattacken auf Wildgehege vor wenigen Wochen in Oberfranken abgespielt.

Zu den Wolfsangriffen auf Wildgehege im Bereich von Betzenstein

Auerbach

Gene Beweis für Wolf

Es bestand zwar zunächst noch eine Restmöglichkeit, dass ein wildernder Hund die Schafe getötet haben könnte. Doch eine Pressemitteilung des Landesamtes für Umwelt (LfU) stellte Anfang Mai fest, dass hier ein Wolf am Werk gewesen war. Das Ergebnis der Genanalyse durch das nationale Referenzlabor lasse daran keinen Zweifel.

„Weitere Untersuchungen zu Herkunft und zur Individualisierung dauern noch an“, hieß es damals vom LfU. Die Untersuchungen sind inzwischen abgeschlossen. Das Genmaterial, das die Experten durch einen Rissabstrich bei den Schafen gewannen, reichte aus, um es einem weiblichen Wolf zuzuordnen, der aus der zentraleuropäischen Tieflandpopulation stammt. Die ist im nördlichen und östlichen Deutschland sowie im westlichen Polen beheimatet.

Vorher noch nie erfasst

Die Wölfin war laut LfU vorher noch nicht genetisch erfasst worden, also auch nicht außerhalb Bayerns. Sie erhielt jetzt die Kennung GW2066f. („GW“ für Grauwolf, „f“ für das Geschlecht). Auch nach dem Parsberger Vorfall wurde sie erst einmal nicht mehr auffällig. „Ein weiterer genetischer Nachweis des Tieres ist uns nicht bekannt“, antwortete eine Sprecherin des LfU auf eine AZ-Nachfrage. Im Übungsplatz soll die Wölfin ebenso wenig gesichtet worden sein.

Auch ihr Elternrudel ist unbekannt. Die Wölfin stammt also nicht aus der Region, wo etwa im Veldensteiner Forst im Grenzgebiet der Landkreise Amberg-Sulzbach, Bayreuth und Nürnberger Land ein Wolfsrudel lebt.

Aber woher kommt sie dann? Auch die Jäger sind ratlos. „Spurlos gekommen und spurlos verschwunden“, hört man aus ihren Kreisen. Wobei das Geschlecht des Tieres Anlass zu Spekulationen gibt. Bisher wurden im Truppenübungsplatz Hohenfels nur einzelne männliche Wölfe nachgewiesen. Der letzte tauchte aber im Januar im Gebiet des Veldensteiner Rudels auf, so dass der Übungsplatz zeitweise wieder als wolfsfrei galt.

Auf großer Wanderung?

Für Jungwölfe ist es typisch, sich nach etwa zwei Jahren von ihrem Rudel zu trennen und sich ein eigenes Revier sowie eine Partnerin oder einen Partner zu suchen. Bei den beiden Männchen (ebenfalls aus der zentraleuropäischen Tieflandpopulation), die sich vorher längere Zeit im Übungsplatz aufgehalten hatten, lassen sich solche Wanderungen in Nordbayern genetisch nachverfolgen.

Jetzt hat man es aber mit einem Weibchen zu tun, das bisher noch keine Spuren hinterlassen hat. Könnte es irgendwo gefangen und dann hier ausgewildert worden sein? Und warum greift dieses Tier jetzt Schafe in einer Einzäunung an, was die beiden anderen trotz mannigfaltiger Gelegenheiten unterlassen hatten? Hat die Wölfin eine Vorprägung oder Erfahrungen in dieser Richtung? Ist sie überhaupt noch in der Region? Oder hat sie sich auf ihrer Wanderung nur kurz hier aufgehalten? Könnte sie zusammen mit einem Rüden auch im Übungsplatz Hohenfels ein Rudel gründen?

Fragen, auf die es vorerst keine Antwort gibt. Ohne den genetischen Nachweis könnte man GW2066f tatsächlich eher für ein Phantom als für einen wirklichen und lebendigen Wolf halten. Man muss wohl auf weitere Genproben oder Aufnahmen durch Wildkameras warten, um durch sie neue Aufschlüsse zu bekommen.

Die ersten Erkenntnisse zu der Wolfsattacke vom 27. April bei Parsberg

Hohenfels
Hintergrund:

Gebiete standorttreuer Wölfe in Bayern

  • Allgäuer Alpen
  • Nationalpark Bayerischer Wald Süd
  • Nationalpark Bayerischer Wald Nord
  • Truppenübungsplatz Hohenfels
  • Manteler Forst
  • Truppenübungsplatz Grafenwöhr
  • Veldensteiner Forst
  • Odenwald
  • Rhön

 

 

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