09.05.2021 - 11:58 Uhr
HohenfelsOberpfalz

Wolf tötet Schafe am Rand des Übungsplatzes Hohenfels

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Lebt im Truppenübungsplatz Hohenfels überhaupt noch ein Wolf? Diese Frage stellte sich, als Genspuren des Hohenfelser Wolfs im Veldensteiner Forst auftauchten. Mehrere tote Schafe lassen jetzt alles in einem neuen Licht erscheinen.

Kaukasische Owtscharka – eine traditionelle Herdenschutzhund-Rasse – bewachen eine Schafherde im Truppenübungsplatz Hohenfels. Die dort tätigen Schäfer setzen mit Erfolg auf diese auch als Kaukasischer Schäferhund bekannten Tiere: Bisher wurde im Übungsplatz noch kein Schaf von einem Wolf erlegt.
von Markus Müller Kontakt Profil

Von Markus Müller und Paul Böhm

Vergangene Woche machte über die Facebook-Seite des Landesverbandes Bayerischer Schafhalter die Nachricht die Runde, dass es möglicherweise einen Wolfsübergriff auf eine 15-köpfige Waldschafherde gegeben habe, die auf dem eingezäunten Areal einer Photovoltaikanlage bei Parsberg (Landkreis Neumarkt) weidete. „Dabei wurden mindestens fünf Tiere getötet und mehrere schwer verletzt“, schrieb Martin Bartl, der Geschäftsführer des Landesverbandes.

Angehängte Bilder der getöteten Schafe ließen erkennen, was für einen Wolf als Angreifer sprach: der Kehlbiss zur Tötung der Beute und auch das Fraßbild. Zudem natürlich die Nähe zum Truppenübungsplatz Hohenfels, der als Wolfsgebiet gilt. Die betreffende Photovoltaik-Anlage zwischen Raitenbuch und Lupburg liegt etwa drei Kilometer Luftlinie von der Grenze des Übungsplatzes entfernt.

Zaun hält Wolf nicht auf

Da die Anlage von einem hohen Festzaun umgeben ist, der hinterher ein Loch aufwies, ging man davon aus, dass das Raubtier sich unter dem Zaun durchgegraben hatte, wie auch bei einigen anderen Wolfsattacken in jüngster Zeit. „Somit dürfte aktuell der beste Schutz ein gut elektrifiziertes Elektronetz von mindestens 90 Zentimeter Höhe sein“, schlussfolgerte Martin Bartl. „Mindestspannung sollte 3000 Volt betragen, besser ist mehr.“

Vor einigen Wochen wurden zweimal Wildgehege in Betzenstein von Wölfen angegriffen

Auerbach

Konnte zunächst nicht zweifelsfrei ausgeschlossen werden, dass ein wildernder Hund die Schafe getötet hatte, so brachte am Freitag eine Pressemitteilung des Landesamtes für Umwelt (LfU) Sicherheit. „Am Dienstag, den 27. April 2021, wurden vier tote und ein verletztes Schaf im Raum Hohenfels aufgefunden“, hieß es darin. Das Ergebnis der Genanalyse durch das nationale Referenzlabor bestätige einen Wolf als Verursacher. „Weitere Untersuchungen zu Herkunft und zur Individualisierung dauern noch an.“

Mehr zur Pressemitteilung des Landesamtes für Umwelt

Hohenfels

Im Winter abgewandert

Ein Wolf also. Aber welcher? Zuletzt gab es nämlich Hinweise, dass der Wolf, dessen Genmaterial im Jahr 2020 mehrfach auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels festgestellt worden war, die Gegend verlassen hatte. Das Tier hat, nun ja, nicht wirklich einen Namen, aber immerhin eine individuelle Kennung. Im Wolfsmonitoring auf der Homepage des LfU ist es als „GW1416m“ verzeichnet. „GW“ steht für Grauwolf, „m“ für das Geschlecht (weibliche Tiere enden auf „f“), die Zahl spiegelt die Nummerierungsreihenfolge der mit Wolfsnachweisen betrauten Behörden wider.

Von GW1416m weiß das LfU, dass er aus dem Elternrudel bei Parchen in Sachsen-Anhalt stammt. Sogar die Kennungen seiner Mutter und seines Vaters sind bekannt: GW1183f und GW688m.

Wie es junge Wölfe nach spätestens zwei Jahren tun, verließ auch GW1416m sein Rudel und ging auf Wanderschaft. Er hinterließ genetische Spuren im September 2019 in Thüringen und im Januar 2020 im Landkreis Hof. Von Mai bis November 2020 schienen seine genetischen Nachweise sowie einige Foto- und Videoaufnahmen im Gebiet des Truppenübungsplatzes Hohenfels seine Standorttreue dort zu bestätigen. Ein Wolf gilt per Definition als standorttreu, wenn er sich mindestens sechs Monate in einem festen Revier aufhält.

Beim Veldensteiner Rudel

Doch dann gab es Anfang 2021 eine Überraschung: Eine Genetikprobe (Urin und Losung) zeigte, dass GW1416m sich am 18. Januar im Landkreis Nürnberger Land aufgehalten hatte, und zwar weit im Norden, im Gebiet des Wolfsrudels im Veldensteiner Forst. Dieses 6000 Hektar große Waldgebiet liegt im Grenzbereich der Landkreise Amberg-Sulzbach, Nürnberger Land und Bayreuth. „In engem räumlichen Zusammenhang“ mit dem Genmaterial von GW1416m wurde laut LfU auch welches des Wolfs GW702m nachgewiesen. Dieses Tier gilt als Stammvater des Veldensteiner Wolfsrudels, seit es sich dort im Winter 2018 mit einer Wölfin zusammengetan hatte.

Interessanterweise hatte es zuvor eine ganz ähnliche Wanderung wie GW1416m absolviert: Das Männchen aus der zentraleuropäischen Tieflandpopulation (im nördlichen und östlichen Deutschland sowie im westlichen Polen) war erstmals im Februar 2017 auf dem Truppenübungsplatz in Grafenwöhr nachgewiesen worden. Von Juli 2017 bis Januar 2018 hinterließ es Spuren auf dem Truppenübungsplatz in Hohenfels, ehe es in den Veldensteiner Forst wechselte.

Aber zurück zum aktuellen „Hohenfelser Wolf“ GW1416m. Warum verließ er sein Revier und wanderte in den Norden? Die Jahreszeit, in der er das tat, könnte darauf hindeuten, dass er auf der Suche nach einer Partnerin war. Wölfe haben von Januar bis März Paarungszeit.

In Hohenfels mehr Störungen

Möglicherweise lief er auch vor den häufigen Störungen auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels davon. Denn es ist auffällig, dass sich im Truppenübungsplatz Grafenwöhr seit 2016 durchgehend ein Wolf(spaar) aufhält, während in Hohenfels seit 2017 nur zwei einzelne Tiere nachgewiesen werden konnten, und beide weniger als ein Jahr lang.

Experten führen das nicht zuletzt auf einen wesentlichen Unterschied zwischen den beiden Übungsplätzen zurück: In Grafenwöhr sorgt das Zielgebiet der Schießübungen für einen sehr großen Bereich, in dem die Tierwelt praktisch nie von Menschen gestört wird. In Hohenfels dagegen können übende Soldaten in jeden Winkel des Areals kommen.

Im Vergleich haben die beiden Hohenfelser Rüden auch eine größere Heimlichkeit an den Tag gelegt. Als „insgesamt sehr unauffällig“ beschreibt Desiree Schwers deren Verhalten. Sie ist bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) bzw. dem Bundesforstbetrieb Hohenfels als Wolfsbeauftragte tätig. Während man 2017 noch regelmäßig Beutetiere fand, die GW702m erlegt hatte, galt dies für GW1416m nicht mehr: „Wir haben nicht einen Kadaver gefunden.“ Die Analyse mehrerer Losungen von beiden Wölfen zeigte aber, dass sie sich stets von Rot- oder Rehwild ernährten.

Noch nie Schafe angegriffen

Die Schafsrisse vom 27. April werfen die Frage auf, welcher Wolf das gewesen sein könnte. Ist GW1416m zurückgekehrt? Die Genetik kann hier keine Antworten liefern. Nach dem 18. Januar verliert sich die Spur dieses Wolfs vorerst. „Seitdem hat es weder weitere Nachweise vom Truppenübungsplatz Hohenfels noch von GW1416m gegeben“, hieß es Mitte April vom LfU auf eine Anfrage von Oberpfalz-Medien.

Wenn das LfU die Wolfs-Genspuren von der Attacke auf die Schafe (noch) keinem bestimmten Tier zuordnen kann, deutet das nicht auf den schon in der Datenbank geführten Rüden hin. Also war es ein anderer Wolf auf Wanderschaft? Dafür spräche zumindest, dass die beiden Tiere, die länger im Übungsplatz lebten, noch nie Schafe angriffen. Nicht dass es keine Gelegenheit gegeben hätte: Auch dieses Jahr ziehen laut Desiree Schwers in der Beweidungssaison wieder fünf Schäfer mit ihren Schaf- und Ziegenherden in das militärische Sperrgebiet ein, um bei der naturverträglichen Offenlandpflege zu helfen.

Sie bekommen allerdings schon lange Herdenschutzmaßnahmen vorgeschrieben, die Wolfsangriffe sehr erschweren. Das sind etwa höhere Zäune, die zudem durch Strom gesichert sind, oder auch Herdenschutzhunde. Die Hohenfelser Schäfer setzen dabei vor allem auf die Hunderasse Kaukasischer Owtscharka – sehr kräftige Tiere, die nachts die gepferchten Herden bewachen und den Wolf abschrecken.

Was lief schief?

Hatten die beiden früheren territorialen Wölfe also offenbar gelernt, dass ein Angriff auf gut geschützte Schafe nichts bringt, so kann das bei einem durchwandernden Einzelgänger ganz anders aussehen. Deshalb hat der Bundesforstbetrieb laut Desiree Schwers auch nach dem Abwandern von GW702m und GW1416m die zwingenden Herdenschutzmaßnahmen weiter in Kraft gelassen, „da die Wahrscheinlichkeit, von umherziehenden Jungwölfen besucht zu werden, mit zunehmender Populationsdichte in Bayern steigt“.

Die Frage bleibt dann also neben der Identität des angreifenden Tieres, was am 27. April schieflief, damit die Wolfsattacke bei Lupburg so enden konnte.

Die Wölfe im Veldensteiner Forst machten zuletzt mehrfach Schlagzeilen

Auerbach

„Somit dürfte aktuell der beste Schutz ein gut elektrifiziertes Elektronetz von mindestens 90 Zentimeter Höhe sein. Mindestspannung sollte 3000 Volt betragen, besser ist mehr.“

Martin Bartl über Schutzmaßnahmen für Schafherden gegen Wölfe

 

 

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