15.04.2021 - 21:56 Uhr
AuerbachOberpfalz

Wölfe im Veldensteiner Forst: Zuzug aus dem Süden

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Der Jungwolf, der im Februar ein Schaf bei Michelfeld gerissen hat, war im März auch bei dem Übergriff auf ein Damwildgehege bei Betzenstein dabei. Das zeigen Genanalysen ebenso wie einen überraschenden Wolfszuwachs im Veldensteiner Forst.

Dieses Foto eines Wolfs auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels gelang am 8. Juni 2020. Es dürfte das Individuum mit der Code-Nummer GW1416m, das im Januar plötzlich im Veldensteiner Forst aufgetaucht ist.
von Markus Müller Kontakt Profil

Nachdem am 8. Februar unweit des Michelfelder Bahnhofs ein totes Schaf gefunden worden war, untersuchten Spezialisten des Landesamtes für Umwelt den Kadaver und stellten fest: Das Tier, das in der Nacht seine Herde verlassen hatte, die sich hinter einem Weidezaun sowie in der Obhut von Herdenschutzhunden befand, war Opfer eines Wolfs geworden. Genanalysen machten deutlich, dass es sich dabei um ein weibliches Jungtier handelte, das zuvor noch nicht auffällig geworden war. Es stammte aus dem Rudel im Veldensteiner Forst und erhielt vom Landesamt die individuelle Kennung „GW1968f“, wobei „GW“ für Grauwolf steht und „f“ das Geschlecht angibt (männliche Tiere enden auf „m“).

Viel größeres Aufsehen als der Michelfelder Schafsriss riefen jedoch die zwei Wolfsattacken auf Wildtiergehege auf dem Gebiet der Stadt Betzenstein (Landkreis Bayreuth) hervor. Am 27. Februar wurden dabei im Ortsteil Riegelstein drei Rothirsche und vier Mufflons getötet. Am 3. März fielen im Ortsteil Illafeld 18 Stück Damwild den Raubtieren zum Opfer.

Weitere Hintergründe zu den Rissen durch Wölfe bei Michelfeld und Betzenstein

Auerbach

Angriff durch drei Wölfe

Anfang April veröffentlichte das Landesamt für Umwelt die Genproben zu den Angriffen. Ergebnis: Für den 27. Februar war ein Rüde mit der Kennung GW702m als Angreifer zu identifizieren; für den 3. März ebenfalls dieser Rüde sowie zwei Fähen, also weibliche Wölfe. Eines der Weibchen war das bei Michelfeld erstmals nachgewiesene Jungtier GW1968f, das andere eine zuvor nicht aufgefallene ausgewachsene Wölfin. Ihre Kennung ab diesem Nachweis: GW1344f.

Alle drei Tiere sind dem Rudel im Veldensteiner Forst zuzuordnen, wobei GW702m als der angestammte Rüde gilt, der Wolf also, der hier im Frühjahr 2018 auf eine Fähe (GW716f) stieß und mit ihr mindestens zweimal Nachwuchs zeugte, so dass das Rudel stetig wuchs. Die Fähe kam allerdings im September 2019 auf einer Kreisstraße am Rand des Veldensteiner Forsts ums Leben.

Die Nachweise standorttreuer Wölfe, die das Landesamt für Umwelt auf seiner Homepage veröffentlicht, verraten noch mehr über den „Wolfsvater“ GW702m: Am 18. Januar zeigten zwei Genetikproben (Urin und Losung), „die in engem räumlichen Zusammenhang genommen werden konnten“, dass dieser Wolf sich in der Nähe eines anderen Männchens aufhielt, das man im Veldensteiner Forst zunächst nicht erwartet hätte – dem Individuum GW1416m. Dieses Tier hatte sich nämlich im Jahr 2020 auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels niedergelassen und galt dort als standorttreu (gesicherter Aufenthalt von mehr als sechs Monaten).

Zur Geschichte von Wolf GW1416m

Hohenfels

Zwei Wölfe mit ähnlicher Migrationsgeschichte

Das Interessante daran: GW702m hat dieselbe Migrationsgeschichte hinter sich. Erstmals wurde das Männchen aus der zentraleuropäischen Tieflandpopulation (im nördlichen und östlichen Deutschland sowie im westlichen Polen) im Februar 2017 auf dem Truppenübungsplatz in Grafenwöhr nachgewiesen. Von Juli 2017 bis Januar 2018 hielt es sich dann auf dem Truppenübungsplatz in Hohenfels auf, ehe es in den Veldensteiner Forst wechselte.

Der Neuankömmling GW1416m, der aus dem Elternrudel bei Parchen in Sachsen-Anhalt stammt, hinterließ genetische Spuren im September 2019 in Thüringen und im Januar 2020 im Landkreis Hof. Von Mai bis November 2020 schienen seine genetischen Nachweise im Gebiet des Truppenübungsplatzes Hohenfels seine Standorttreue dort zu bestätigen.

Warum ist er nun weitergewandert? Naheliegend wäre, dass er eine Partnerin sucht. Das würde sowohl zur Jahreszeit passen (Wölfe haben von Januar bis März Paarungszeit) als auch zur Geschichte von GW702m: Auch er tauschte ja einst die ungestörte Einsamkeit von Hohenfels gegen das Leben mit einer Wölfin und später einer Menge Nachwuchs im Veldensteiner Forst ein. Ob sich die beiden (Alpha-)Männchen aber auf Dauer in dem mit 6000 Hektar relativ kleinen Wolfsrevier vertragen, dürfte fraglich sein.

Der Foto-Nachweis eines Wolfs auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels vom April 2017. Es könnte der Rüde mit der Kennnummer GW702m sein, der später zum Stammvater des Rudels im Veldensteiner Forst wurde. Das ist aber nicht zweifelsfrei gesichert.
Hintergrund:

Das Wolfsrudel im Veldensteiner Forst

  • Ausgangspunkt
    Im Winter 2018 fanden in dem 6000 Hektar großen Waldgebiet im Grenzbereich der Landkreise Amberg-Sulzbach, Nürnberger Land und Bayreuth ein weiblicher und ein männlicher Wolf zusammen.
  • Herkunft
    Der Rüde des Elternpaares stammt aus der zentraleuropäischen Tieflandpopulation und war im Februar 2017 bereits auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr nachgewiesen worden, von Juli 2017 bis Januar 2018 auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels. Das Weibchen stammt aus einem brandenburgischen Elternrudel.
  • Nachwuchs
    Der erste Wurf 2018 umfasste mindestens fünf Welpen. Aus den Jahren 2018 und 2019 konnten insgesamt elf Welpen genetisch identifiziert werden. Im August 2020 gelangen Fotonachweise von vier Jungwölfen.
  • Verluste
    Das Muttertier kam im September 2019 bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Auch für zwei Jungtiere ist diese Todesart belegt: am 15. April 2020 bei Neu-Ulm, am 13. Mai 2020 bei Pressath.
  • Verbreitung
    Ein männlicher Wolf aus dem Veldensteiner Forst hat sich (nachgewiesen seit Januar 2020) im Manteler Forst mit einer Wölfin aus Sachsen zusammengetan. Weitere Individuen aus dem Veldensteiner Elternrudel wurden im Februar 2019 im Landkreis Neustadt/WN nachgewiesen, im Oktober 2020 im Landkreis Eichstätt und im Januar 2021 im Landkreis Tirschenreuth.

Quelle: Wolfsmonitoring des Landesamtes für Umwelt

 

 

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