06.11.2019 - 14:13 Uhr
AmbergOberpfalz

Yarnbombing in Frankfurt: Gehäkelte Hochhäuser in der Neuen Altstadt

Yarnbombing in Frankfurt: Das Kunstprojekt "Wol(l)kenkratzer" lässt Passanten beim Römer staunen: Sie sehen hier einen kompletten Straßenzug mit Hochhäusern, Straßen und vielen Details - alles aus Wolle gehäkelt.

"Wollkenkratzer" heißt ein Kunstprojekt, das in der Neuen Altstadt in Frankfurt Passanten begeistert. Eine Yarnbombing-Aktion, bei der 18 Strickbegeisterte aus ganz Deutschland einen kompletten Straßenzug gehäkelt haben.
von Heike Unger Kontakt Profil

Es regnet. Natürlich. Gut, dass die "Wollkenkratzer" aus Acrylgarn gehäkelt sind - dieses Material ist wetterfest und deshalb bevorzugt bei Guerilla-Strickern. Zwölf von ihnen, die "Yarn Gang", treffen sich an diesem Freitagabend um 22 Uhr in der Neuen Frankfurter Altstadt vor dem Museumscafé Schirn: Hier, am Krönungsweg zwischen Dom und Römer, wo einst die Könige und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation zu ihrer Krönung schritten, packen die Kreativen aus, woran sie in den vergangenen Monaten zu Hause gearbeitet haben: Hochhäuser, Straßen, Autos, Bäume, Wolken, Verkehrsschilder - alles gehäkelt.

Das Thema "Wollkenkratzer" war vorgegeben, Straßen und Hochhäuser sollten entstehen. Dann entwickelt das Kunstprojekt eine erstaunliche Eigendynamik: Unzählige Details entstehen - ein Fahrrad, das an einem Baum lehnt, eine Baustelle mit weiß-rot gestreiften Pylonen, ein pinkfarbener Cadillac. Sogar ein Wollgeschäft und Gullydeckel gibt es. Und den original Frankfurter Stadtbus der Linie 46, der zum Römer fährt. Natürlich alles gehäkelt.

Aufbau in der Nacht

Doch jetzt ist erst einmal keine Zeit, die Details zu bewundern: Die Yarn Gang nutzt die Nachtruhe in diesem zu später Stunde verwaisten Teil der Altstadt, um aus rund 120 Einzelteilen einen Frankfurter Straßenzug nachzubauen. Um die viereckigen Säulen der Pergola im Außenbereich des Museumscafés werden die vorbereiteten Hochhaus-Teile geschlungen und zusammengenäht: So entsteht eine echte Frankfurter Skyline, samt Messe- und Henninger-Turm.

Hintergrund:

Yarnbombing in Frankfurt

Das, was da am ersten November-Wochenende über Nacht in der Neuen Frankfurter Altstadt installiert wurde, ist eine besondere Form der Street-Art – als Yarnbombing (Woll-Bombardement) oder Guerilla Knitting (Guerilla Stricken) bekannt. Dabei entstehen Graffiti aus Wolle, indem Gegenstände im öffentlichen Raum umhäkelt oder eingestrickt werden. Das geschieht meist spät nachts: Der Überraschungseffekt für die Öffentlichkeit ist Teil der Aktion.

Vor ziemlich genau einem Jahr entstand die Idee zum Kunstprojekt „Wollkenkratzer“ beim Frankfurter Yarncamp, einem Barcamp (spezielle Form von Konferenz) für Kreative. David Wasser, ein Wahl-Frankfurter mit amerikanischen Wurzeln, und Elke Hahn aus Stuttgart, amtierende Weltrekordhalterin im „Pfostenmützenhäkeln“, haben daraus ein ganz besonderes Handarbeitsprojekt mit eigener Webseite (www.wollkenkratzer.de) gemacht.

Die beiden fanden übers Internet rund 15 Mitstreiter aus verschiedenen Teilen Deutschlands, von Hamburg bis Rommerskirchen und von Köln bis Amberg, die beim Thema „Wollkenkratzer“ sofort Feuer und Flamme waren. Eine von ihnen, auch bei der Installation in Frankfurt dabei, war Oberpfalz-Medien-Redakteurin Heike Unger – privat eine begeisterte Strickerin.

Das zweite „l“ der „Wollkenkratzer“ verbindet die Leidenschaft für Stricken und Häkeln mit der berühmten Frankfurter Skyline. Sechs Hochhäuser haben die 18 Mitglieder der eigens für das Projekt gegründeten „Yarn Gang“ aus Wolle nachgehäkelt. Etwa 1000 Stunden (unentgeltliche) Arbeit haben sie investiert, um rund 35 Kilo Wolle zu verarbeiten.

Die Straßen hat "Regisseur" David Wasser schon vorher in seinem Büro so weit zusammengefügt, dass sie jetzt nur noch mit Kabelbindern am Geländer der Pergola festgezurrt werden müssen. Erste staunenden Blick erntet dieser Teil des Kunstwerks schon, als Wasser damit in der Straßenbahn zum "Tatort" fährt. Das Codewort hat die Gang bei der Vorbereitung in ihrer Whats-App-Gruppe benutzt: Die Kunstaktion wurde bis zur Installation streng geheim gehalten - das gehört zum Konzept, das Projekt soll schließlich überraschen.

Das Yarnbombing-Projekt "Wollkenkratzer" in Frankfurt

Staunende Passanten

Ein paar Nachtschwärmer bekommen trotzdem schon erste Eindrücke. Und hören gegen 0.30 Uhr Jubelschreie: Es ist geschafft, die "Wollkenkratzer" stehen, alle Details sind eingebaut. Die Gang freut sich: Menschen aus unterschiedlichen Teilen Deutschlands, von denen sich die meisten vorher gar nicht kannten, haben gemeinsam etwas ganz Besonderes geschaffen, das vielen, die jetzt hier vorbeikommen, ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Das freilich sehen die Guerilla-Stricker erst später, bei Tageslicht, in der belebten Altstadt: Ersten erstaunten Blicken von Passanten folgt ein neugieriges Näherkommen - und dann ein Schmunzeln, wenn der Blick auf die vielen, teils sehr humorvollen Details der gehäkelten Szenerie fällt. Und die werden natürlich mit jeder Menge Handy-Fotos dokumentiert.

Wie lange die "Wollkenkratzer" wohl zu sehen sein werden? Diese Frage bleibt unbeantwortet. Kommt darauf an, wie lange die Menschen Freude daran haben - und wie lang die Häkeleien ansehnlich bleiben. Auch das gehört zum Guerilla-Stricken. Es ist vergängliche Kunst.

Die Idee zum Projekt Wollkenkratzer ist beim Yarncamp in Frankfurt entstanden

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