05.06.2020 - 10:40 Uhr
AmbergOberpfalz

"Es ist Zeit, dass jemand anderes Meister wird"

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Zwei Fußballfans mit Herzblut an einem Tisch: Bayernfan Bernd Hofmann und Cluberer Wolfgang Berndt sprechen über Erfolgsfans, bleibende Erinnerungen und das große Geld. Teil zwei unserer Interview-Serie "Streitgespräche".

Wolfgang Berndt (links) ist langjähriger Fan des 1. FC Nürnberg, während Bernd Hofmann den FC Bayern unterstützt.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Sie sind, gemessen an den gewonnenen Meistertiteln, die erfolgreichsten Vereine Deutschlands. Heute gibt es kaum noch Derbys zwischen dem FC Bayern und dem Club aus Nürnberg. Sportlich trennen die beiden Vereine mittlerweile Welten, finanziell sowieso. Was haben sich zwei langjährige und leidenschaftliche Fans beider Vereine zu sagen? Das Gespräch zwischen Bernd Hofmann und Wolfgang Berndt macht eines deutlich: Ihre Rivalität dauert 90 Minuten, nicht länger.

ONETZ: Herr Berndt, Sie sind leidgeprüfter Fan des 1. FC Nürnberg. Wieso tun Sie sich das eigentlich an?

Wolfgang Berndt: Ich bin Fan geworden, da hat der Club gerade die Deutsche Meisterschaft geholt. 1961, ein 3:0 gegen Dortmund. Da haben wir bei Bekannten zugeschaut. Ich habe acht Aufstiege und neun Abstiege erlebt. Mir wäre es natürlich lieber, wir würden oben mitspielen. Ich ärgere mich ja auch, wenn wir verlieren. Aber eines ist klar: Wenn man einmal Cluberer ist, dann ist man´s halt.

ONETZ: Herr Hofmann, Ihr Bayern-Fanclub Nabburg ist der mitgliederstärkste überhaupt. Wann hat es zwischen Ihnen und dem FC Bayern gefunkt?

Bernd Hofmann: Bei mir war es 1968. Ich war bei der Polizei und hatte meinen ersten Einsatz in Nürnberg. Es war Derby und ich habe die Bayern zum ersten Mal groß live gesehen. Seitdem bin ich Bayernfan. Das ist auch auf meine Kinder übergegangen. Das Herz ist immer dabei geblieben. Ich achte jeden Fan, der bei seinem Verein bleibt und nicht wechselt. Der FC Bayern hat jetzt über 300.000 Mitglieder. Da gehören 50.000 weg. Das sind die, die nur dabei sind, weil die Bayern erfolgreich sind. Wenn es dann mal nicht läuft, wird gepfiffen. Ich bin noch nie früher gegangen, egal ob Sieg oder Niederlage. Man hat die Liebe zu seinem Verein, da bleibt man dabei.

ONETZ: Warum haben Sie sich denn nicht für den FCN entschieden, wenn ihr erstes Stadionerlebnis in Nürnberg war?

Hofmann: Meine berufliche Zeit in Nürnberg war ja begrenzt. An Wochenenden war ich außerdem daheim. Deswegen ist es der FC Bayern geworden und geblieben.

ONETZ: Sie haben die Bayernfans schon angesprochen, Herr Hofmann. Gibt es denn so etwas wie Erfolgsfans?

Hofmann: Auf jeden Fall. Das sind genau die, die in der 75. Minute zu pfeifen anfangen. Da weiß ich genau: Erfolgsfan. Wenn ich sage, immer Bayern, immer Club, dann muss ich in guten wie schwierigen Zeiten dazu stehen. Ich bin jedes Heim- und Auswärtsspiel dabei. Aber man muss den Spielern auch mal schlechte Tage zugestehen können.

Berndt: Das hat man auch in der Region gesehen. Als Amberg erfolgreich war, sind Gott und die Welt zu den Spielen gegangen. Dann ging es wieder runter und die waren weg. Wenn die Murmler erfolgreich wären, dann würden die auch zum Murmeln gehen.

Hofmann: Ich kann Meisterschaften und Erfolge feiern, aber wenn es mal nicht so läuft, dann ist für die Erfolgsfans gleich alle schlecht. Das ist keine Kultur. Warum gehen die überhaupt ins Stadion? Steh´ halt hinter deiner Mannschaft.

ONETZ: Wenn Schimpfen und Pfeifen einen Erfolgsfan definieren, wären dann nicht viele Cluberer auch Erfolgsfans?

Berndt: Während des Spiels ist man natürlich aufgeregt. Gerade was Schiedsrichterentscheidungen angeht. Aber man muss die Grenzen kennen. Wenn man einen Spieler auspfeift, wird der dadurch nicht besser, eher schlechter, weil er verunsichert ist. Die erste Trainerentlassung der Bundesliga-Geschichte gab es in Nürnberg. Damals war man der Meinung, der Club muss immer oben stehen. Dann war er Siebter und der Trainer musste gehen. Auch viele Fans sahen das so. Aber: Wenn es in Nürnberg wieder mal turbulent zugeht, habe ich immerhin den Trost, dass es bei 1860 München noch turbulenter ist.

Hofmann: Mein Nachbar ist Sechziger. Sehr angenehmer Mensch, wir unterhalten uns über Gott und die Welt. Ich erkenne das an, dass er sagt: "Mei, ich bin halt ein Sechziger." Auch mit einem Schalker bin ich bestens befreundet. Wenn wieder ein Spiel ist, fahren wir da gemeinsam hin. Das ist die Fankultur, die man pflegen sollte. Im Gegensatz zu den paar Chaoten in der Kurve, denen es gar nicht mehr um Fußball geht.

ONETZ: Ist es eine rationale Entscheidung, wenn man Fan eines Vereins wird?

Berndt: Nein, das glaube ich nicht. Es hängt immer davon ab, in welchem Umfeld man verkehrt. Und dann kommt man mal ins Stadion und fängt an, sich für den Verein zu interessieren. Außerdem: Wenn ich rational denken würde, dann wäre ich sicher zu einem Verein gegangen, wo ich mich nicht jeden Tag ärgern muss (lacht).

Hofmann: Ich war schon immer Fußballer, bin mit Fußball aufgewachsen. Irgendwann sucht man sich dann eben seinen Verein aus.

Wenn ich sage, immer Bayern, immer Club, dann muss ich dazu stehen.

Bernd Hofmann, Bayernfan

Bernd Hofmann, Bayernfan

ONETZ: Nun gibt es neben Fußball noch ein paar andere Dinge, die im Leben auch wichtig sind. Wie viel Platz nimmt denn Fußball in Ihrem Leben ein?

Hofmann: Ich bin zwar vielseitig engagiert, bin nebenbei Stadtrat und in der Theaterszene. Aber der Fußball hat mich eben schon über 50 Jahre begleitet. Das ist einfach ein Teil von mir. Deswegen bin ich auch so dabei und organisiere die vielen Fahrten mit dem Fanclub. Wir reisen ja durch ganz Europa. Nicht nur um Fußball zu schauen, wir wollen die Kultur der Länder erleben. Nur wegen eineinhalb Stunden fliege ich nicht in ein anderes Land.

Berndt: Für mich hat das Spiel selber auch nicht die größte Bedeutung. Klar, ich schaue viel Fußball, aber es gibt noch andere Sachen. Der reine Fußball wäre mir etwas zu wenig. Vor einigen Jahren habe ich meine Freundin mit ins Stadion genommen. Das Spiel ging 0:0 aus. Sie ist eingeschlafen.

ONETZ: Bisweilen wird Fußball als Ersatzreligion bezeichnet. Können Sie dieser Idee etwas abgewinnen?

Hofmann: Also eine Religion ist es für mich nicht. Ich bin Katholik und weiß das schon zu trennen.

Berndt: Eines kann man vom Fußball lernen: Alleine geht gar nichts. Da kann einer noch so super sein. Wenn er keinen Pass bekommt, macht er keine Tore. Aber eine Religion in dem Sinne? Nein. Ich sage immer: Die Wirklichkeit kommt nach dem Spiel. Die wirklichen Probleme.

ONETZ: Was ist denn der Reiz einer Rivalität wie der zwischen Ihren beiden Vereinen?

Berndt: Bei uns hieß es immer: Gegen jeden kannst du verlieren, nur nicht gegen die Bayern. Das war so im Kopf drin. Das gilt auch für manche Spieler. Da merkt man, in dem einen Spiel geben sie alles. Eine Woche später ist dann die Luft raus. Logisch kann man das nicht erklären.

ONETZ: Gibt es eine bestimmte Zeit in der Fußballgeschichte, in die Sie als Fans gerne zurückreisen würden?

Hofmann: Naja, vor 40, 50 Jahren war man halt noch jünger. Da hat man Fußball noch etwas anders gesehen. Im Laufe der Zeit habe ich viel erlebt. Eigentlich möchte ich keine dieser Fahrten, Erfolge und auch Niederlagen missen. Aus Niederlagen kann man gestärkt hervorgehen, nicht nur immer nach dem Champions-League-Titel feiern. Ich bin jetzt über 70, hoffentlich kann ich das noch lange mitmachen. Ich freue mich über jeden jungen Fan, weil ich mir denke: Ich war auch mal so heiß wie du. Manchmal muss man da sogar bremsen, damit die nicht zu sehr vereinnahmt werden.

Berndt: Die Meisterschaften und der Pokalsieg 2007 waren natürlich schön. Der Erfolg hat aber immer nur ein Jahr angehalten. Danach sind wir abgestiegen. Insgesamt waren einzelne Spiele schon toll, aber eine bestimmte Zeit gibt es für mich auch nicht.

Was mich stört, ist wenn die Bayern Spieler wegkaufen, die dann gar nicht spielen.

Wolfgang Berndt, Clubfan

Wolfgang Berndt, Clubfan

Hofmann: Der Wahnsinn war 1999 das Endspiel in der Champions League (Bayern verlor durch zwei Tore in der Nachspielzeit gegen Manchester United, Anm. d. Red.). Da gehst du in der 88. Minute zum Bieseln, weil du die Feier miterleben willst. Dann kommst du zurück und fragst: "Was ist los?" Dann sagen die dir, die Anderen haben gewonnen. Das sind Erinnerungen, die bleiben. Und dann hält der Olli Kahn 2001 den Elfmeter und wir gewinnen.

ONETZ: Wirtschaftswissenschaftler wollen herausgefunden haben, dass Schiedsrichterentscheidungen über die Jahre hinweg zum Vorteil der Bayern gefällt worden sind. Glauben Sie an so etwas wie einen Bayern-Bonus?

Hofmann: Sicher, da mag es schon Situationen gegeben haben, Aber durch den Videobeweis ist das ja sowieso Geschichte. Man spricht ja manchmal auch vom Bayern-Dusel. Du musst halt spielen bis der Schiedsrichter abpfeift. Außerdem: Ein Schiedsrichter ist ja auch nur ein Mensch, der sich von bestimmten Faktoren leiten lässt. An einen Vorteil für Bayern glaube ich daher nicht.

Berndt: Ich kann mir eher vorstellen, dass es einen Vorteil für einzelne Spieler gibt, etwa Nationalspieler. Inzwischen schaut aber im Fernsehen jeder hin. Die Schiedsrichter werden auch bewertet und können auf- oder absteigen.

Hofmann: Ich achte Schiedsrichter sehr, möchte nie einer sein. Die müssen schon einiges hinnehmen und millimetergenaue Entscheidungen fällen. Meiner Meinung nach sind Schiedsrichter sogar zu schlecht bezahlt. Die müssten mehr bekommen, damit sie noch neutraler entscheiden können.

ONETZ: Seit einigen Jahren fließt enorm viel Geld aus China oder Katar in den Fußball. Wer leidet eigentlich stärker unter diesem monetären Überfluss, die Bayern oder Nürnberg?

Hofmann: Wenn nur noch Geld gewinnt, dann ist es nicht mehr der richtige Sport. Da sind getragene Strukturen extrem wichtig, nicht irgendein Privatmann, der nicht mehr weiß, wohin mit seinem Geld und dann die Vereine überschüttet. Plötzlich kriegt ein junger Mensch, der ein bisserl Fußball spielen kann, 100 Millionen. Der weiß ja nicht mehr mit dem Leben umzugehen. Auf Bayern bezogen, finde ich, ist es Zeit, dass mal wieder jemand anderes Meister wird. Das tut dem ganzen Fußball nicht gut. Dafür bin ich als Vorsitzender gegeißelt worden.

Berndt: Für den Club spielt das eher keine Rolle, weil wir auf dieser Ebene nicht mitspielen. Ich glaube nicht, dass Vereine wie Leipzig oder Hoffenheim dem FCN schaden. Das sind schon eigene Fehler. Der Club könnte in der Mitte der Bundesliga spielen, ganz unabhängig von den reicheren Vereinen. Was mich stört, ist wenn die Bayern Spieler wegkaufen, die dann gar nicht spielen. Das ist nicht gut für junge Spieler.

ONETZ: Herr Berndt, drücken Sie den Bayern in internationalen Wettbewerben die Daumen?

Berndt: Normalerweise nicht. Das hat aber nichts mit Bayern zu tun. Es gibt einfach Mannschaften, die mag man eher als andere. Oft hat das bei mir mit Personen zu tun. Dieter Hecking finde ich sympathisch, deswegen drücke ich jetzt dem HSV die Daumen.

ONETZ: Und Sie, Herr Hofmann? Unterstützen Sie den Club in der zweiten Liga?

Hofmann: Auf jeden Fall! Ich gönne ihnen auch den Aufstieg. Für Derbys muss man nicht so weit fahren und kann trotzdem die eigene Mannschaft unterstützen. Ich kenne ja auch viele Clubfans.

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