29.05.2020 - 09:55 Uhr
AmbergOberpfalz

Streitgespräch: "Da dreht sich einem Landwirt der Magen um"

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Beide sind unzufrieden, beide protestieren: Landwirt Michael Ströhl und Klima-Aktivist Benedikt Lueger diskutieren über Sündenböcke, importiertes Fleisch und ihr Vertrauen in die Politik. Ein Streitgespräch.

Landwirt Michael Ströhl (links) und Klima-Aktivist Benedikt Lueger diskutierten in der Amberger Redaktion darüber, wie eine klimafreundliche Landwirtschaft funktionieren kann. Das Bild wurde vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie aufgenommen.

von Florian Bindl Kontakt Profil

Benedikt Lueger, Abiturient am Amberger Erasmus-Gymnasium, engagiert sich – nicht nur freitags – bei den Klimaschützern von Fridays for future. Die Debatte mit Michael Ströhl, dem Landwirt und Besitzer eines konventionellen Milchviehbetriebes aus Kümmersbruck, offenbart mehr Gemeinsamkeiten als gedacht. Dringenden Handlungsbedarf sehen beide in der Politik.

Hinweis: Dieses Interview, den Startschuss unserer Serie, haben wir bereits im Februar, also vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie, geführt und in Anbetracht der neuen Themenlage verschoben. Da aber der Kerngedanke der Serie – konstruktiver Streit als Wesensmerkmal einer Demokratie – weiterhin oder umso mehr gilt, möchten wir Ihnen, liebe Leser, das Gespräch nicht vorenthalten. Ob und wann die Serie fortgeführt werden kann, hängt auch von den kommenden Entwicklungen der Pandemie ab.

ONETZ: Herr Lueger, wie schätzen Sie Ihre eigene Klimabilanz ein?

Benedikt Lueger: Ich muss zugeben: Vor eineinhalb Jahren hat mich das Thema Klimaschutz noch nicht interessiert. Seitdem das aber, auch dank Fridays for future, so präsent geworden ist, versuche ich darauf zu achten. Etwa indem ich meinen Fleischkonsum reduziere oder auf kürzeren Strecken das Fahrrad nutze.

ONETZ: Und Sie, Herr Ströhl? Woran denken Sie beim Stichwort Klimaschutz?

Michael Ströhl: Mir fällt auf, dass immer sehr schnell die Begriffe Ernährung und Landwirtschaft fallen. Dabei macht die Landwirtschaft nur 7 Prozent der Treibhausgas-Emissionen aus. Ich würde mir wünschen, dass öfter über die anderen 93 Prozent geredet wird.

ONETZ: Was assoziieren Sie mit dem Begriff Landwirtschaft, Herr Lueger?

Lueger: Auf jeden Fall etwas, das uns alle mehrmals am Tag betrifft. Hinsichtlich des Klimaschutzes spielt insbesondere der Konsum des Einzelnen eine Rolle. Und dass die Politik endlich die Rahmenbedingungen für eine umweltbewusste Ernährung schafft.

ONETZ: Sprechen wir über den Klimawandel. Wir erleben stärkere und häufigere Stürme oder Dürreperioden. Extreme Wetterlagen nehmen zu. Ist damit die Landwirtschaft nicht vor allem Leidtragende des Klimawandels?

Ströhl: Ich beobachte schon, dass es kein normales Wetter mehr gibt. Starkregen oder Dürren setzen uns zu. Wir sind uns aber schon bewusst, dass wir auch Emittent sind. Hauptsächlich von Methan und Lachgas. Aber wir dürfen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und alles verteufeln. Die Rinderhaltung können wir nicht einfach abschaffen. Im schlimmsten Falle wird Fleisch aus Drittländern importiert, das unter wesentlich klimaschädlicheren Bedingungen hergestellt wurde.

Die Wälder der Oberpfalz bekommen den Klimawandel längst zu spüren.

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ONETZ: Muss unsere Landwirtschaft manchmal als Sündenbock herhalten?

Lueger: Leider ja. Die Probleme sehe ich vielmehr auf der politischen Seite. Wenn ich das Kilo Hackfleisch für fünf Euro beim Discounter kaufe, dann bleibt für Tierwohl und Klima nicht mehr viel übrig. Aber: Wenn wir nicht anfangen zu handeln, dann werden, bedingt durch den Klimawandel, die Probleme der Landwirtschaft immer größer.

Ströhl: Das Gefühl, Sündenbock zu sein, ist unter uns Landwirten sehr verbreitet. Die Bauernproteste fordern ja auch mehr Wertschätzung für bäuerliche Betriebe.

Ständig Sündenbock: Der Frust der Bauern im Landkreis sitzt tief.

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ONETZ: Haben Sie da auch persönlich negative Erfahrungen gemacht?

Ströhl: Wenn ich mit dem Güllefass unterwegs bin, da erlebt man schon auch unfreundliche Begegnungen. Zum Beispiel bin ich gefragt worden, was ich da mit meiner stinkenden Gülle will. Und einer hat mir mal den Vogel gezeigt. Dabei erfüllen wir immer neue Auflagen. Wir haben manchmal das Gefühl, der Gesellschaft ist es gar nicht bewusst, auf welch hohem Niveau wir Landwirtschaft betreiben.

Das Gefühl, Sündenbock zu sein, ist unter Landwirten sehr verbreitet.

Michael Ströhl, Landwirt aus Kümmersbruck

Michael Ströhl, Landwirt aus Kümmersbruck

ONETZ: Welche Wünsche und Forderungen hat denn Fridays for future hinsichtlich klimafreundlicher Landwirtschaft?

Lueger: Wir haben ein Forderungspapier erstellt. Auf kommunaler Ebene steht darauf die Förderung regionaler Anbaumethoden und von Wochenmärkten. In Mensen sollte es auch einen fleischfreien Tag pro Woche geben.

Ströhl: Die regionale Vermarktung halten wir Landwirte auch für unterstützenswert. Da hat die Politik viel versäumt. Einige wenige Konzerne beherrschen den Lebensmittelmarkt und üben einen enormen Marktdruck auf Molkereien und Landwirte aus. Dadurch wurde der regionale Lebensmittelbetrieb zerstört. Ein Umdenken ist nicht zu erkennen. Da ist die Politik wenig glaubwürdig. Jeder will Regionales fördern, die großen Pflöcke aber werden woanders eingeschlagen. Das Mercosur-Abkommen etwa öffnet die Tore für Drittlandimporte bei geringsten Standards.

Lueger: Man sieht auch, dass ganz viele sich mehr regional und umweltschonend produzierte Lebensmittel wünschen. An der Theke aber dann mehr zu bezahlen, dafür sind die meisten zu faul. Gerade beim Fleisch könnte eine riesige Summe CO2 eingespart werden. Mit einem qualitativ besseren aber etwas teureren Fleisch wäre jedem geholfen. Da hat der Staat eine Lenkungspflicht und müsste durchgreifen. Von sich aus werden die Wenigsten ihre Gewohnheiten umstellen.

Von sich aus werden die Wenigsten ihre Gewohnheiten umstellen.

Benedikt Lueger, Schüler und Klima-Aktivist

Benedikt Lueger, Schüler und Klima-Aktivist

Ströhl: Die Vorstellung ist natürlich schön. Man kauft beim Landwirt um die Ecke ein oder beim handwerklichen Metzger. Die Bevölkerung lebt aber zum Großteil in Städten. Das macht es schwieriger für uns, zum Endkunden zu gelangen. Zum Thema Fleischsteuer: Damit habe ich ein Problem. Ich fürchte eine solche Steuer wäre nicht von Dauer. In zehn Jahren würde sich wieder niemand mehr daran erinnern, dass die Fleischsteuer eigentlich als Kompensation für uns Landwirte gedacht war. Ich finde aktuelle Lösungen, wie die Initiative Tierwohl, besser. Der Kunde kann dann selbst entscheiden, ob er mehr zahlen will.

Ströhl: Wer Ackerbau- oder Tierhaltungssysteme verändern will, muss Geduld aufbringen, weil die Umstellung nicht von heute auf morgen geht. Derzeit passiert sehr viel in der Forschung, wie man Emissionen in der Landwirtschaft reduzieren kann. Allerdings dauert das wahnsinnig lange, bis es in der Praxis implementiert ist. Auch die Digitalisierung wird die Landwirtschaft verändern. Ohne Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse funktioniert es aber nicht.

 

Lueger: Wenn wir die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius begrenzen wollen, dann sind die uns verbleibenden CO2-Kapazitäten verschwindend gering. Natürlich haben wir keine andere Wahl, als zu warten. Wenn aber etwas mehr Druck gemacht würde, ließe sich das Ganze deutlich beschleunigen.

Was tun die Aktivisten eigentlich selbst für den Klimaschutz? Sechs Antworten aus der Region

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ONETZ: Ein Dauerthema ist die sogenannte Neue Düngeverordnung, die im Mai eingeführt werden könnte (und auch eingeführt wurde, Anm. d. Red.). Warum ist die so umstritten?

Ströhl: Weil man sehenden Auges die Probleme verschärft. 20 Prozent unter Nährstoffbedarf düngen: Das verschlechtert das Nährstoffaneignungsvermögen der Pflanzen und führt zu Humusabbau. Das ist kontraproduktiv für den Klimaschutz, weil wieder CO2 freigesetzt wird. Agrarwissenschaftler bestätigen das. Mit unserer Bundesregierung ist aber nicht zu sprechen. Zweiter Kritikpunkt ist das Düngeverbot bei Zwischenfrüchten. Die werden im Herbst gesät. Wenn wir da nicht düngen dürfen, gelingt es nicht den Bestand zu etablieren. Dadurch gehen Nährstoffe verloren und es kommt zu Erosion. Das sind die Dinge, da dreht sich einem Landwirt der Magen um.

ONETZ: Wie klimafreundlich schätzen Sie denn Ihren eigenen Hof ein, Herr Ströhl?

Ströhl: Ich habe einen Milchviehbetrieb mit Ackerbau und Grünland. Keinen Bio-Hof. Es gibt technische Potenziale, da fällt es mir aber betriebswirtschaftlich schwer, das einzuführen. Zum Beispiel könnte ich die Gülle separieren, effizienter düngen und so klimafreundlicher arbeiten. Das bedeutet aber ruckzuck über 100.000 Euro Investition. So wie momentan die Diskussionen in der Politik geführt werden, habe ich dazu keine große Lust. Da gibt es zu viele Unsicherheiten. Zuerst bräuchte ich klare Vorgaben und Perspektiven.

ONETZ: Verkennen die Klimaschützer manchmal die Realitäten in den Betrieben?

Lueger: Unsere Forderungen sind immer weitreichender, als sie im derzeitigen politischen Rahmen umsetzbar sind. Insgesamt sehen wir die Probleme aber ohnehin weniger bei den Landwirten, sondern in der Politik, wo viel zu wenig passiert.

Kommentar:

Mehr Streit wagen!

Mit denen kann man nicht mehr reden. Diese meist abschätzige Bemerkung hören wir oft, wenn sich zwei gesellschaftliche Lager gegenüberstehen und ein sinnvoller, ein konstruktiver Dialog misslingt. Es sind schlimme Zeiten für die gepflegte Debatte. Die Coronakrise hat diese Fehlentwicklung durch ihre Wucht und Unberechenbarkeit noch potenziert. Wir erleben vielfach eine entsicherte Sprache, einen verrohten Diskurs. Das hat Gründe. Erstens: Nicht nur, aber besonders die sozialen Netzwerke bieten den passenden digitalen Nährboden, auf dem täglich Hass, Hetze und eine vergiftete Streitkultur gedeihen. Im schlimmsten Falle folgt Gewalt. In der Schein-Anonymität von Facebook und Co. verwandeln sich Kommentarspalten rasch in hässliche Schlachtfelder mit schwerer verbaler Munition. Wir sollten deshalb handeln, bevor das Gift aus jenen virtuellen Gesprächskanälen endgültig in unsere Wohnzimmer und Wirtshäuser sickert. Zweitens: Wir befinden uns seit einigen Jahren in einer Zeit extremer Polarisierung. Bist du dafür oder dagegen? Ja oder nein? Ein Sowohl-als-auch, ja ein bedachtes Abwägen, ist selten. Vielerorts beschränkt sich die "Debatte" auf einen Fingerzeig in Richtung der vermeintlich Schuldigen. Dieses Abrutschen hin zu den Rändern ist gefährlich. Und ein Grund, warum heute viele Diskussionen misslingen. Der juristische Grundsatz „Audiatur et altera pars – auch die Gegenseite muss gehört werden“ hat nicht nur im Gerichtssaal seine Gültigkeit. Ein offenes Ohr für Gegenargumente ist unabdingbar für eine rege Streitkultur und eine Demokratie sogenannter westlicher Prägung. Können wir also wieder lernen, richtig zu streiten, wie es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor einiger Zeit formulierte? Wir wollen das Experiment wagen: Vernunft statt Verbohrtheit. Zuhören statt zutreten. Miteinander statt gegeneinander. Streiten, aber richtig. Der Versuch ist es wert.

Florian Bindl

Info:

Mitstreiter gesucht

Wenn Ihnen selbst ein Thema auf der Zunge liegt, das zu selten Gegenstand einer vernünftigen Diskussion ist, dann kontaktieren Sie uns! Dasselbe gilt für den Fall, dass Sie mitdiskutieren möchten oder jemanden kennen, der sich zu einem Streitthema äußern mag. Einfach per E-Mail an: florian.bindl[at]oberpfalzmedien[dot]de

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