12.01.2022 - 16:20 Uhr
AmmerthalOberpfalz

Verein zur Förderung der Partnerschaft zwischen der Gemeinde Ammerthal und Modiin in Israel besteht seit 30 Jahren

Seit mindestens 1700 Jahren leben Juden im Gebiet des heutigen Deutschlands, ein Jubiläum, das in den vergangenen Monaten vielerorts begangen wurde. Doch noch ein weiterer runder Geburtstag ist zu feiern: 30 Jahre Modiin-Verein Ammerthal.

Der Landkreis Amberg-Sulzbach gibt 2008 einen Empfang für die Delegation aus Hevel Modiin. Mit dabei Adi Daliot (Dritter von links), Landrat Richard Reisinger (Vierter von links) sowie (daneben) Bürgermeister Shimon Susan aus dem israelischen Hevel Modiin.
von Autor OEProfil

Der erste urkundliche Nachweis, dass Juden auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands lebten, datiert auf das Jahr 321. Kaiser Konstantin gestattete damals die Berufung von Juden in Ämter der Stadtverwaltung von Köln. Dieser erste urkundliche Beleg für die Existenz einer jüdischen Gemeinde auf deutschen Boden steht am Anfang einer wechselhaften Geschichte. Einer Geschichte mit tiefen Zäsuren und Brüchen, aber auch einer Geschichte der Vielfalt und der Bereicherung in allen Lebensbereichen – in Politik und Gesellschaft, Wissenschaft, Kultur und Sport.

In der Oberpfalz belegt eine Urkunde aus dem Jahr 981 eine jüdische Ansiedlung in Regensburg. 1945 wurde die Synagoge in Amberg als erste in Bayern wieder in Betrieb genommen. 1965 nahmen der Staat Israel und Deutschland diplomatische Beziehungen auf. Seit dieser Zeit wurden und werden immer wieder viele Partnerschaften, oftmals über Schulen, geschlossen. 1989 unterzeichnete die Gemeinde Ammerthal und die Gemeinde Modiin in Israel eine Partnerschaftsurkunde.

Doch wie entstand diese Partnerschaft, was war der Auslöser und wer waren die Initiatoren? Die ersten Kontakte knüpfte der damalige Landrat Hans Wagner, der zwei Jahre vor der Gründung der Partnerschaft mit einer Delegation bayerischer Landräte Israel besuchte. Wagner war begeistert von Israel und den Optimismus, den er dort erlebte. Er regte eine Kontaktaufnahme an, gab Empfehlungen und bot Hilfestellung an. Diese Initiative mündete in eine Einladung der Folkloregruppe Hora Modiin. Die 26 israelischen Tänzer, die 1988 eine Europareise unternahmen, verbrachten drei Tage in der Bundesrepublik – und das ausschließlich in Ammerthal. Die Organisation dieses Aufenthalts übernahmen Dieter Müller und Gerhard Doerfler von und mit der Blaskapelle Ammerthal. Große Unterstützung leisteten Kreisjugendpfleger Hans Huber sowie Wolfgang Preger und die Familien Berger von der israelitischen Kultusgemeinde Amberg, aber auch der Ammerthaler Bürgermeister Alois Simon.

Die erste Begegnung von israelischen und oberpfälzischen Menschen, der Auftritt der Tanzgruppe aus Israel und die Begeisterung der Ammerthaler waren großartig. Die Gruppe tanzte sich regelrecht in die Herzen der Bürger. Die Unterbringung in Ammerthaler Familien zeigte Wirkung: Es entstanden Freundschaften und der Wunsch, sich wieder zu treffen. So wurden die ersten Schritte zu einer langjährigen Freundschaft geknüpft.

Beide Kommunen waren sich einig, eine offizielle Partnerschaft anzustreben. Bürgermeister Alois Simon und Dieter Müller, Gemeinderat und Vorsitzender der Blaskapelle, erhielten 1988 vom Gemeinderat alle Stimmen, im Namen der Gemeinde eine Partnerschaft mit Modiin einzugehen. Im Gegenzug beschloss der Rat in Israel 1989, eine Partnerschaft mit Ammerthal.

Im August 1989 machten sich dann sage und schreibe 60 Ammerthaler Bürger auf den Weg nach Israel. Höhepunkt dieser Reise war die feierliche Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde. Musikalisch bestens umrahmt von der Blaskapelle Ammerthal, waren viele Persönlichkeiten aus Israel und Deutschland bei der Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde zugegen. Von Seiten der Israelis etwa Bürgermeister Yechiel Damty, Botschafter, Rabbiner, Räte von Hevel Modiin, die Presse und Fernsehteams sowie Präsident Levy vom israelischen Städtetag. Ammerthal war vertreten durch den stellvertretenden Landrat Xaver Mosner, Bürgermeister Alois Simon, Gemeinderäte, die Organisatoren Dieter Müller und Gerhard Doerfler sowie die Blaskapelle Ammerthal. Die Partnerschaftsurkunden hängen heute in den Rathäusern von Hevel Modiin und Ammerthal aus.

Viele Ammerthaler Bürger schlossen sich in der Folgezeit zu einer Interessengemeinschaft zusammen und gründeten 1992 den „Verein zur Förderung der Partnerschaft Ammerthal-Modiin e.V.“, kurz Modiin-Verein. Herzstück der Partnerschaft ist die Jugendarbeit mit jährlichem Austausch im Wechsel. Hunderte von Jugendlichen nahmen in den vergangenen 30 Jahren an dem Jugendaustausch teil. Inzwischen sogar bereits Kinder und Enkel von Menschen, die in den Anfangsjahren dabei waren. Auch auf Delegationsbasis besuchte man sich regelmäßig gegenseitig. Dabei entstanden viele langjährige Freundschaften.

Einen besonders guten Kontakt haben die Mitglieder des Modiin-Vereins zu Adi Daliot. Der inzwischen über 80-Jährige war mehrmals in Ammerthal zu Besuch. Keiner kennt die Geschichte von Israel besser. Sein Vater hatte gemeinsam mit Wilfried Israel aus Berlin in der Nazizeit Kindertransporte organisiert und so Hunderte jüdischer Kindern vor dem sicheren Tod gerettet. Eng mit der Partnerschaft verbunden ist auch der Name Ruth Jakobs, die in Breitenbrunn (Landkreis Neumarkt) geboren wurde und vor dem Krieg noch rechtzeitig ausgewandert ist. Gemeinsam mit ihrem Mann unterstützte und befürwortete sie die Partnerschaft. Zeitzeugen wie Daliot und Jakobs bereicherten die Partnerschaft enorm, insbesondere die Jugend profitierte durch viele persönliche Gespräche mit ihnen.

2010 war ein sehr schweres, trauriges Jahr für die Partnerschaft. Bei einer Bootsfahrt auf der Vils verunglückte der noch junge Jugendleiter Gilli Zamir tödlich. Der Schmerz und die Trauer war nicht zu beschreiben. Doch dieses Unglück zeigte auch, dass die Partnerschaft auf festen Füßen steht. Viel Zuspruch, Trost und Hilfe kam von Eltern der Jugendlichen und von Politikern aus Israel. Georg Paulus, damals Dritter Bürgermeister, und der Vorsitzende des Modiin-Vereins, Gerhard Doerfler, vertraten die Gemeinde bei der Beerdigung in Israel.

Die Partnerschaft mit Hevel Modiin funktioniert seit Jahrzehnten bestens. Doerflers Fazit: "Der größte Erfolg war, dass viele langjährige Freundschaften entstanden. Jugendliche und Erwachsene besuchen sich oftmals zu Hochzeiten oder Bar Mitzwa und verbringen Urlaube bei den Freunden." Der Modiin-Verein plant, organisiert, finanziert und besorgt finanzielle Zuschüsse.

Der Jugendaustausch findet laut Doerfler nicht von Schule zu Schule statt. Jeder Jugendliche könne mitmachen, egal ob Studenten, Azubis, Handwerker oder Angestellte. Die jungen Israelis und Deutsche verbringen nach seinen Worten die Austauschzeit in Familien mit Jugendlichen im gleichen Alter. Das Programm ist eine gute Mischung aus Kultur und Geschichte, Sport und Freizeit. "In die Zukunft schauen, ohne die Vergangenheit zu vergessen, das ist uns wichtig", betont Gerhard Doerfler.

Israelis aus Modiin bei Besuch in der Oberpfalz sogar von Ministerpräsident Markus Söder empfangen

Ammerthal
Hier schließt sich der Kreis: 1989 war der heutige Bürgermeister Anton Peter als Musiker bei der Partnerschaftsgründung in Israel mit dabei. Jetzt hängt die Urkunde in seinem Amtszimmer.
Das Logo der Partnerschaft trägt die Inschrift "Wir sind Freunde! We are friends!".
Bei der Gründung der Partnerschaft zwischen Ammerthal und Modiin im August 1989 in Israel (von links): Organisator Dieter Müller, Modiins Bürgermeister Yechiel Damty und stellvertretender Landrat Xaver Mosner.
Beim Jugendaustausch im Jahr 2007 reiten die jungen Leute aus Ammerthal auf Kamelen durch die israelische Wüste.
Adi Daliot bei einem seiner Besuche in Ammerthal.
Ruth Jakobs (links) lebte in einem Kibbuz im Kreis Modiin in der Nähe von Tel Aviv.
Die Partnerschaftsurkunde hängt im Rathaus Ammerthal.
Hintergrund:

Modiin-Verein

  • Gründung: Viele Ammerthaler Bürger schlossen sich 1992 zu Interessengemeinschaft mit dem Namen „Verein zur Förderung der Partnerschaft Ammerthal-Modiin e.V.“, kurz Modiin-Verein, zusammen.
  • Ziel: Partnerschaft fördern und damit das 1989 gegebene Versprechen der Räte aus Hevel Modiin und Ammerthal einlösen.

 

 

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