03.01.2021 - 06:55 Uhr
AmmerthalOberpfalz

"Wäre ich ein Mann und bei der CSU gewesen, man hätte mich gefeiert"

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Zwölf Jahre war Alexandra Sitter Bürgermeisterin von Ammerthal, bis sie im März 2020 abgewählt wurde. Eine Amtszeit zwischen großen Diskussionen und kleinen anonymen Briefen. Wie Sitter diese Zeit erlebte, erzählt sie im Interview.

Zum Jahresende blickt Alexandra Sitter, die Ex-Bürgermeisterin von Ammerthal, auf ihre Amtszeit zurück und erzählt, was ihre Pläne für die Zukunft sind.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

ONETZ: Hand auf das Herz: Waren Sie erleichtert über das Ergebnis der Wahl?

Alexandra Sitter: So eine Einstiegsfrage lässt tief blicken und bekommt man auch nur gestellt, wenn man in Ammerthal nicht mehr gewählt wird. Aber Scherz beiseite. Erleichterung ja. Natürlich habe ich mir auch Gedanken gemacht. Mein Ansehen außerhalb von Ammerthal war stets groß. Siehe mein Ergebnis bei der Kreistagswahl und ich war bei Regierungsbehörden und in vielen Amtsstuben von Ministerien sehr geschätzt. Nur so konnten insgesamt gut drei Millionen Euro Fördergelder eingeholt werden. Nachdem aber in der Nacht der Kommunalwahl feststand, welche Personen mehrheitlich künftig Einzug in das Gremium des Ammerthaler Gemeinderates halten, kann ich Erleichterung nach meinen Stichwahlergebnis 14 Tage später nicht abstreiten. Oder wie meine Mutter sagte, in einem halben Jahr lachst Du darüber. Ein halbes Jahr hat es gar nicht gedauert, sondern die Erlösung hat für meine gesamte Familie und Freunde binnen weniger Tage eingesetzt und dauert bis heute an.

ONETZ: Zurück zu Ihrer Amtszeit. Hätten Sie sich manchmal ein komplett anderes Gremium gewünscht?

Alexandra Sitter: Ich habe mir immer ein faires Gremium gewünscht, das einzig und allein den Fokus der Gemeindeentwicklung im Auge hat. Vor allem in der Zeit des unsäglichen Wasserstreits, als wir schlussendlich drei von 15 Räten waren, die für den erklärten Willen der Bürger für eine Belieferung des Trinkwassers aus Amberg gekämpft haben. Zur Erinnerung: Dieser Wille wurde in drei Bürgerentscheiden und einem Ratsbegehren mit stets weit über 50 Prozent, also mehr als deutlich zum Ausdruck gebracht. Heute ist es genau umgekehrt, es sind noch drei Gemeinderäte, die für Rechtschaffenheit, Korrektheit, Fairness und Anstand kämpfen. In meiner zweiten Amtsperiode hatte ich zwar eine Mehrheit. Aber auch die zweite Amtszeit war, was das Ausgießen von Dreck über meine Person angeht, nicht besser. Die Männer von CSU und CWG haben mich ohne Rücksicht auf Anstand, Moral oder Fairness bekämpft. Mein Motto war daher: Als starke Frau gibst Du nicht auf, kurzes Innehalten und dann geht es lächelnd weiter. Immer im Hinterkopf, dass ich Männer nicht ernst nehmen kann und konnte, die nicht mit starken Frauen zurechtkommen. Bezeichnend ist, wenn sich diese Männer auch noch in einem Verein hervortun, der sich lobenswert gegen die Ausgrenzung von Israelis einsetzt, aber im eigenen Umfeld ihre Bürgermeisterin tagtäglich attackierten.

ONETZ: Trotzdem muss es etwas geben, was Ihnen an Ihrer politischen Arbeit gefallen hat?

Alexandra Sitter: Bei allen Entscheidungen und Vorschlägen, die ich dem Gremium unterbreitet habe, habe ich politische Strömungen oder Vetternwirtschaft strikt vermieden. Für mich galt nie „wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe“. Das mag für manche jeden Tag aufs Neue eine Überraschung sein. Auch in Ammerthal hatten wir eine demokratische Staatsform, bei der nicht ein König herrscht, auch wenn böse Zungen das Gegenteil behaupten. Alle Beschlüsse des Gemeinderates waren Mehrheitsentscheidungen. Es darf nicht vergessen werden, auch in meinen Amtszeiten waren diese Beschlüsse zu circa 90 Prozent einstimmig. Nur sobald ich neue Projekte angegangen bin, war kein Wille zu Fortschritt und Veränderung vonseiten der CSU und CWG. Das Ammerthaler Alleinstellungsmerkmal, der Vater-Unser-Weg, ist das beste Beispiel. Anerkennung von weltlicher sowie kirchlicher Seite und brachiale Ablehnung der wohl nur dem Namen nach „christlichen“ Parteien im Ort.

ONETZ: Was hat Sie hauptsächlich gestört?

Alexandra Sitter: Zunächst darf ich sagen, dass ich das Amt und die damit verbundenen Aufgaben und Herausforderungen stets mit Freude und Engagement angegangen bin. Ich war mit Leib und Seele Bürgermeisterin der Gemeinde. Nur deshalb stand Ammerthal bei meiner Abwahl auch so gut da, und das obwohl der Schuldenstand nahezu identisch war zum Beginn meiner Amtszeit. Selbst aktuelle Straßensanierungsmaßnahmen stammen noch aus unserer Zeit. Die jahrzehntelangen Versäumnisse aus der CSU-Ära waren abgearbeitet, und mit rund 3 Millionen bereits bewilligten Fördermitteln für eine Kindertagesstätte und ein Bürgerhaus als Zentrum in der Ortsmitte waren auch die Karten für eine entwicklungsstarke Zukunft gut gemischt. Ich habe diese Jahre im Amt, und dafür bin ich dankbar, gesundheitlich unbeschadet überstanden, und gegen mich hat auch noch nie eine Staatsanwaltschaft ermittelt. Was mich in all den Jahren gestört hat? Wäre ich ein Mann und bei der CSU gewesen, man hätte mich gefeiert.

ONETZ: Welche Beratungen sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Alexandra Sitter: Wo fang ich an, wo hör ich auf? Da ausnahmslos alle Beratungen von Misstrauen, persönlichen Beleidigungen, Hohn und dem Vorwurf der Lüge gespickt waren, tue ich mich schwer, einzelne herauszupicken. Unvergessen aber war der Vorwurf, ich hätte die DJK Ammerthal angezeigt. Als Mitarbeiter mich über einen wahren Baumfrevel auf einem gemeindeeigenen Grundstück am Sportgelände informierten, war ich in meinem Amt als Verantwortliche für die gemeindlichen Liegenschaften gezwungen, mit einer Anzeige gegen Unbekannt zu reagieren. Als ich wenige Tage später den Gemeinderat informiert habe, drei Räte von CSU und CWG waren Vorstandsmitglieder, blieb dies ohne Reaktion. Die Herren haben lieber die kurz darauffolgende Bürgerversammlung für ein öffentliches Geständnis publikumswirksam und unter dem Jubel ihrer Anhänger genutzt. Die berechtigte Frage eines Gemeinderates aus meinen Reihen, was sie denn tun würden, wenn auf ihren Privatgrundstücken einfach Bäume gefällt würden, möchte ich aufgrund ihrer Derbheit hier lieber unbeantwortet lassen.

ONETZ: Gibt es Themen, die Sie über die Wahl hinaus beschäftigen?

Alexandra Sitter: Es gibt viele Themen, die mich in diesem besonderen Jahr umtreiben, aber mit Ammerthal haben diese nicht mehr viel zu tun. Wenngleich ich mich natürlich als Leserin der Amberger Zeitung jetzt auch über die Artikel aus Ammerthal amüsiere, beispielsweise als der Bau des neuen Kindergartens ohne Baugenehmigung gestartet wurde oder Aufträge bei Baumaßnahmen jetzt wohl wieder anders verteilt werden. Jahrelang hieß es ja, die ganzen Artikel in der Amberger Zeitung würden als ehemalige Mitarbeiterin der AZ aus meiner Feder stammen. Jetzt geht es aber munter weiter, und diese Lüge war nur eine von unendlich vielen. Respekt den drei tapferen Gemeinderäten, die weiter dagegen ankämpfen.

ONETZ: Was ist Ihr neues Betätigungsfeld?

Alexandra Sitter: Mein Amtsende fiel ziemlich parallel in den ersten Lockdown. Daher habe ich auf den Rat meiner Familie und guter Freunde gehört und mir eine Auszeit genommen. Angebote gab es zwar – werden auch noch gerne angenommen –, aber Wertschätzung und die gleiche Freude bei der Arbeit, nur eben ohne Anfeindungen, waren das Ziel für mein künftiges Betätigungsfeld. So habe ich mich entschieden, als Freie Trau- und Trauerrednerin zu arbeiten. Im Drahthammerschlößl in Amberg habe ich mit meinem Büro "RedensArt" die perfekte Location gefunden und freue mich auf alles, was mir das Leben wieder zu bieten hat.

ONETZ: Hat Ihnen dazu Ihre Arbeit als Bürgermeisterin Anlass gegeben?

Alexandra Sitter: Absolut. Ich war zwölf Jahre auch Trauungsstandesbeamtin und konnte hier ebenso wertvolle Erfahrungen in puncto Traureden machen, habe aber auch viel über empathischen Umgang mit Trauer gelernt. Wie sehr mir das Thema Beerdigungen und Trauer schon immer am Herzen lag, ist sichtbar am Ammerthaler Friedhof, der in meiner Zeit um Urnenwände, einen Friedwald oder seniorengerechte Bänke erweitert wurde. Nicht umsonst gab es dafür einen Preis. Viele Gründe, warum ich auf diese Jahre trotz aller Widrigkeiten ohne Verbitterung zurückblicke.

ONETZ: Bleiben Sie in Ammerthal wohnen?

Alexandra Sitter: Natürlich. Auch wenn dies manche anders sehen. Während meiner Amtszeit waren anonyme Briefe an der Tagesordnung. Aber selbst nach der Wahl haben mich diese feigen Schreiberlinge noch aufgefordert, das Dorf zu verlassen. All denen darf ich auf diesem Wege sagen: „Nein, warum sollte ich auch wegziehen?“ Meine Eltern haben 1973 in Ammerthal gebaut. Nicht nur ich, auch meine beiden Söhne haben die örtliche Grundschule besucht. In diesen 46 Jahren ist uns Ammerthal Heimat geworden. Außerdem erfüllt es mich immer wieder mit Stolz, wenn ich all die Maßnahmen sehe, die eine tolle Truppe und ich trotz dieses erbitterten Widerstands allerorten in Ammerthal umsetzen konnte. Das muss erst einmal jemand nachmachen.

Das Ergebnis der Kommunalwahl in Ammerthal 2020

Ammerthal

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