11.10.2020 - 15:42 Uhr
ArzbergOberpfalz

Neues Führungstrio rettet Häcker Maschinenbau

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Häcker Maschinenbau steht nach dem Tod des Chefs im April vor dem Aus. Mit Hilfe erfahrener Kräfte übernimmt die fachfremde Enkelin nun den Betrieb in Seußen.

Die Zukunft ist gesichert: Wie bisher werden bei Häcker Maschinenbau in Seußen auch künftig maßgeschneiderte Filterpressen hergestellt.
von Autor ABIProfil

"Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt", lautet eine alte Volksweisheit. Nadja Hecht kann das nur bestätigen. Denn hätte man der 32 Jahre alten Medizin-Controllerin Anfang des Jahres erzählt, dass sie ein halbes Jahr später in der Führungsebene eines Maschinenbau-Unternehmens sitzt - sie hätte es wohl nicht geglaubt.

Die Geschichte dahinter: Ihr Großvater war der Maschinenbauingenieur Karl Häcker, Besitzer und Chef der Häcker Maschinenbau GmbH im Arzberger Ortsteil Seußen. Er gründete das Unternehmen 1975 und führte es bis ins hohe Alter sehr erfolgreich auf internationalem Markt.

Zwei Optionen für Firma

"Nach seinem Tod im April gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir schließen die Fabrik und alle Mitarbeiter werden auf der Stelle arbeitslos oder ich übernehme die Geschäftsführung und es geht weiter", erklärt Nadja Hecht. Sie entschied sich für Letzteres, verbunden mit dem festen Vorsatz, mit dem Maschinenbau-Unternehmen auf einen erfolgreichen Kurs zu gehen: "Das alles, was hier über Jahrzehnte aufgebaut wurde, ist viel zu wertvoll, um es kaputt gehen zu lassen".

Doch das war leichter gesagt als getan: "Ich merkte schnell, dass ich aufgrund meiner Weiterbildung zur Fachwirtin zwar fit in Controlling und Betriebswirtschaft bin, aber Defizite in der Maschinen- und Filtrationstechnik habe", gibt die Geschäftsführerin zu. "Zum Glück können wir auf hochspezialisierte Mitarbeiter bauen, die ich zum größten Teil seit meiner Kindheit kenne. Ich fühlte mich nicht alleingelassen." Werkstattleiter Peter Gmeiner stand der Geschäftsfrau von Beginn an zur Seite. Außerdem kehrte Wolfgang Nickl, der kurz vorher ausgeschieden war, umgehend ins Unternehmen zurück.

Nach seinem Tod im April gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir schließen die Fabrik und alle Mitarbeiter werden auf der Stelle arbeitslos oder ich übernehme die Geschäftsführung und es geht weiter.

Neu-Geschäftsführerin Nadja Hecht

An einem Frühsommerabend saßen die drei im Büro zusammen und schmiedeten konkrete Zukunftspläne. "Schließlich formierte sich ein modernes Führungsteam mit verteilten Aufgabengebieten. Wir waren uns recht schnell in allen Punkten einig. Dies zeigte auch schon, dass wir alle am selben Ziel interessiert sind und zukünftig gut miteinander arbeiten werden", freut sich Peter Gmeiner. Er hat die Werkstattleitung als Gesamtprokurist inne, Wolfgang Nickl übernimmt die Aufgabe als technischer Betriebsleiter. Nadja Hecht ist für alle kaufmännischen und betriebswirtschaftlichen Fachgebiete sowie das Personalwesen und die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, außerdem hat sie die Gesamtverantwortung für den Betrieb übernommen.

Filterpressenanlagen aller Art

Aber was stellen die drei Fabrikanten in den markanten Hallen im Arzberger Ortsteil Seußen eigentlich her? "Wir fertigen maßgeschneiderte Filterpressenanlagen, die aus verschiedensten Komponenten bestehen, in allen Größen und Varianten. Das sind spezielle Anlagen, um aus Industrieabwässern wieder sauberes Wasser zu gewinnen. Die zugehörige Steuerung wird von uns entwickelt, gebaut und programmiert, Montage und Inbetriebnahme erledigt ebenso unser eigenes Personal", erklärt Wolfgang Nickl. Verunreinigtes oder belastetes Wasser werde nach einer entsprechenden Vorbehandlung mittels Spezialpumpen aus eigener Fertigung mit hohem Druck filtriert, damit es gesäubert in die Kanalisation fließen könne.

Um die Zukunft ist es dem Führungstrio nicht bange: "Häckers spezifisches Know-how in der Entwicklung und Herstellung dieser Maschinen wurde über die Jahrzehnte kontinuierlich weiterentwickelt und zugunsten einer überragenden Effektivität der Filteranlagen und der unübertroffenen Verfügbarkeit der Komponenten eingebracht", betont Peter Gmeiner. Auffallend sei, dass die einheimischen Mitbewerber immer weniger würden: "Wir sind eine der letzten selbstständigen Firmen, die noch in Deutschland fertigen. Wir liefern unsere Filterpressen in alle Teile der Welt."

Für Nadja Hecht ist das alles nicht selbstverständlich: "Hier gebührt ein großes Lob allen unseren Mitarbeitern, die uns in der Übergangszeit alle treu und loyal zur Seite gestanden sind. Ohne diese Mitarbeiter wäre hier nämlich gar nichts mehr gegangen." Als sie die Firma übernahmen, sei der harte Kern der Techniker, Schlosser, technischen Zeichner und Industriekaufleute noch verfügbar gewesen. Bis zur Übernahme standen sie den neuen Chefs "völlig selbstverständlich, treu und loyal zur Seite". Inzwischen konnte man sogar schon einige Neueinstellungen vornehmen - auch von ehemaligen, langjährigen Mitarbeitern. Zu früheren Zeiten seien hier rund 25 Fachkräfte tätig gewesen. Ziel sei, diese Zahl Stück für Stück wieder zu erreichen, sagt die Neu-Unternehmerin.

Am Markt etablieren

Am 1. September beendete sie die Kurzarbeit in der Firma und gab den Startschuss für das neu strukturierte Unternehmen. Auf die Frage, wie man sich fühlt, wenn man quasi von null auf hundert als Geschäftsführerin durchstartet, antwortet Nadja Hecht: "Sehr gut, weil ich die richtigen Leuten an der Seite habe."

Und was ist für die Zukunft geplant? "Wir möchten uns wieder voll am Markt etablieren, unsere Geschäftsabläufe digitalisieren und vorantreiben, weitere Mitarbeiter und in Zukunft auch wieder Auszubildende einstellen", sagt Nadja Hecht. Ihr Großvater hätte in der Vergangenheit etliche Mitarbeiter ausgebildet, die meisten arbeiteten Jahrzehnte lang in der Firma. "Und darauf bin ich sehr stolz."

Dankbar ist die Unternehmerin auch ihrem Mann Thomas Hecht: "Er hat mich von Anfang an voll unterstützt und sich ohne Kompromisse sogar von seinem festen Beschäftigungsverhältnis als Betriebswirt getrennt, um uns ab dem nächsten Jahr in der Firma personell zu verstärken." Die Zukunft des Unternehmens sei erfolgversprechend, sagt Nadja Hecht: "Genau so, wie mein Opa es sich das gewünscht hätte."

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Wolfgang Nickl, Nadja Hecht und Peter Gmeiner (von links) stellten sich spontan an die Spitze und sorgen dafür, dass die alteingesessene Fabrik nicht schließen muss.
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