Von Gerd Pöhlmann
Behandlungseinheit, was für ein schönes Wort für einen Zahnarztstuhl. Ruft der Gedanke an den nächsten Besuch beim Dentisten an sich schon ein Schaudern hervor, könnte der Besuch dieser „Praxis“ in einer wahren Horrorgeschichte enden. Es ist alles bereit: Bohrer und Speichelsauger liegen in Griffweite, der Stuhl ist in Rücklage gebracht, der Arzt müsste gleich eintreffen. Aber irgendwas stimmt hier nicht. Ist es der zwar formschöne, doch alte und arg ramponierte Behandlungsstuhl? Der abplatzende Putz an den Wänden? Der düstere Kellerraum?
Franz Häusler hat in Arzberg die „Fotowerft“ eröffnet. Unifarbige Hintergründe, Effektlichter und teures Kamera-Equipment sucht man in der Bahnhofstraße 24 jedoch vergebens. Es ist ein Mietfotostudio der etwas anderen Art – und wer Gefallen findet an Vergänglichkeit und Vergangenheit, der wird seine Freude daran haben. Mit dem Namen nimmt er Bezug auf seine Vergangenheit: Häusler war viele Jahre bei der Marine. Und in einer Werft würden unterschiedliche Schiffe gebaut, vom Kutter bis zur Yacht. „Genauso möchte ich den Anforderungen der Fotografen gerecht werden“, erklärt der Arzberger.
Lost-Place-Fotografie
Ihren Ursprung hat die "Fotowerft" in der Lost-Place-Fotografie. Häusler zufolge gibt es drei Arten von Lost-Place-Fotografen: Erstens die, die das Original wollen, die auf eigene Faust und mit allen damit verbundenen Risiken verlassene Orte aufsuchen, um dort zu fotografieren. Zweitens die, die zwar originale Schauplätze möchten, dafür aber geführte Touren buchen. Und zum Dritten gibt es die Fraktion, die einfach nur passende Hintergründe sucht, um besondere Fotos zu schießen.
Den Fotografen der Kategorie zwei bietet Franz Häusler schon länger Touren durch die ehemalige Lebkuchenfabrik in Arzberg an. „Das wird sehr gut nachgefragt“, sagt der 58-Jährige. Allerdings hat die alte Fabrik einen entscheidenden Nachteil: Sie ist unbeheizt und damit gut ein halbes Jahr einfach nur kalt. „Viele Models kommen mit Überseekoffern voller Klamotten. Die wollen das rote Kleid vor dem einen Hintergrund, das schwarze vor einem anderen anziehen. Aber in der Kälte ist das Umziehen kein Vergnügen.“ Um trotz der Kälte weiter Motive in Arzberg anbieten zu können, baute Häusler das „Stadthaus“, wie er es nennt, zum Mietfotostudio aus. „Es ist auf die Bedürfnisse der Fotografen und Models ausgelegt. Sie können hier mit wenigen Handgriffen viel verändern.“ Es ist Baustelle, Porzellanfabrik, Zahnarztpraxis und noch vieles mehr.
Wollhandel und Ärztehaus
Das Gebäude Bahnhofstraße 24 wurde in den 1930er Jahren errichtet. „Es war erst Woll- und Textilgroßhandel und wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Ortskommandantur der Amerikaner genutzt. Später war es Ärztehaus“, sagt Franz Häusler. Jetzt ist es Anlaufstelle für Fotografen, die mit dem Kontrast zwischen Vergangenheit und Gegenwart arbeiten oder schnell die Sets für ihre Models wechseln wollen.
Betritt man die „Fotowerft“, findet sich rechter Hand ein Raum, der – je nach Blickwinkel – Baustelle, Graffitiwand oder Porzellanfabrik sein kann. Gleich neben dem Eingang hat Häusler ein „Porzellanlager“ gestaltet. „Man hat den Eindruck, in einer Fabrik zu stehen. Das finde ich passend in einer alten Porzellanstadt“, sagt Häusler. „Die Ziegel stammen aus der ,Aktien’. Auch die Rollpaletten und die Regale sind aus der alten Fabrik.“ Einmal umgedreht, steht der Besucher in einer Scheune mit grobem Holzfußboden und Bretterwänden. Davor: alte Werkzeuge, ein Schlitten und Arbeitsklamotten.
Viel OP-Besteck
Zwei Räume weiter hat Franz Häusler einen Operationssaal geschaffen. Die Wände blau gefliest, eine OP-Leuchte sorgt für das rechte Licht, Röntgenbilder vor einem Leuchtkasten, Überwachungsmonitore und ganz viel OP-Besteck – ordentlich aufgereiht auf einem Tisch. „Das Zeugs habe ich bei einer Praxisauflösung in München erstanden.“ Klar, hier möchte niemand auf eine Operation warten, aber für das ein oder andere skurrile bis makabre Foto wurde die Szenerie schon genutzt, wie die Ausdrucke an einem Schrank belegen. „Hier hat man die Möglichkeit, der Realität zu entfliehen, einen lustigen Tag zu verbringen und schöne Fotos zu machen“, sagt der Arzberger.
Seine Kunden seien ein Spiegel der Gesellschaft, „aber immer sehr umgängliche Leute“, meint Franz Häusler. Die Sets der „Fotowerft“ würden ganz unterschiedlich genutzt. „Scheune und Porzellanlager kommen gut an, aber natürlich auch der OP.“ Auch der Dachboden soll noch eingebunden werden in Häuslers schräges Kabinett. Darüber hinaus möchte er über kurz oder lang den Fotografen noch Wind- und Nebelmaschinen anbieten.
Stapelweise Fehldrucke
Wer sich in den Keller wagt, landet zunächst in einem Raum mit einem halben Dutzend Schaufensterpuppen. Dem Make-up nach zu urteilen, sind die „Damen“ schon längere Zeit arbeitslos. In der Bahnhofstraße 24 sind sie Staffage für eine Textildruckerei. Häusler hat ausgemusterte Transferpressen und stapelweise Fehldrucke ergattert. So lasse sich in dem Stadthaus, der „Fotowerft“, ein bisschen Lost-Place-Feeling erzeugen, findet er.
Und dann ist da noch die Kammer mit der Behandlungseinheit, die Franz Häusler in Lübeck aufgetan hat. „Ich kenne solche Behandlungsstühle noch aus meiner Kindheit“, sagt Franz Häusler. Einladend ist anders. Für Fotos der etwas anderen Art aber könnte es kaum eine bessere Kulisse geben.





















Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.