Argentinien steht im Fußball-WM-Finale! Buenos Aires rastet regelrecht aus: Brüllende Menschen auf den Straßen, Tröten, Hupen, die Leute drängen und tanzen. Und einer steht mittendrin, klammert sich an ein orange-graues ZDF-Mikrofon und versucht, dem Kollegen im Nachrichtenstudio einen einigermaßen verständlichen Bericht von den Geschehnissen nach dem Sieg von Argentinien über England im Halbfinale zu geben. Dieser eine ist Moritz Neuß, aufgewachsen in Auerbach, Sohn des ehemaligen Bürgermeisters Joachim Neuß. Moritz Neuß arbeitet als Reporter für das ZDF und hat die Fußball-WM in den USA, Kanada und Mexiko hautnah vor Ort mitbekommen.
Los ging die WM für Neuß und sein Team in Los Angeles, wie er erzählt, beim ersten Spiel der USA. "Da war zu spüren, dass jetzt die Weltmeisterschaft und mit ihr eine ganz besondere Zeit beginnt." Dann berichtete der 30-Jährige vom 7:1 von Deutschland gegen Curaçao aus Houston – "das hat besondere Erinnerungen an 2014 geweckt" –, aus Miami und Dallas, Washington und Seattle. Für Neuß bedeutete das vor allem viel Zeit im Flugzeug. "Bei knapp sechs Stunden Inlandsflug wird einem die schiere Größe dieses Landes erst so richtig bewusst."
Seine Zeit bei der WM hat natürlich einige bleibende Eindrücke hinterlassen. Das erste Mal bei einem Brasilien-Spiel, zum Beispiel. "Diese pure Lebensfreude, diese Emotionen, Wahnsinn." Oder das Elfmeterschießen zwischen Australien und Ägypten im Sechzehntelfinale, "da gab's im Stadion viele Freudentränen sowohl bei den ägyptischen Fans als auch bei den Spielern." Neben dem Fußball, so der Reporter, stehe natürlich auch die Politik in den USA nicht still, erst recht nicht unter Trump. "In Washington konnte ich den 250. Geburtstag der USA mit der gigantischen Flugshow und dem riesigen Feuerwerk erleben, das war neben dem Fußball ein ganz besonderes Highlight."
Trump dominiert Nachrichten
Stichwort Trump: Neuß bedauert, dass Trump und Infantino die Berichterstattung dominierten. Der US-Präsident soll Einfluss darauf gehabt haben, die Rot-Sperre für den US-Spieler Balogun aufzuheben. "Das war für die bis dahin tolle Fußball-Stimmung im Land ein großer Dämpfer und tat mir besonders leid für die Spieler des US-Teams, die auf einmal gefühlt gegen die ganze Welt spielen mussten", findet Neuß. Allerdings seien die USA und auch Mexiko und Kanada wunderbare Gastgeber. "Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die USA viel mehr sind als das, was im und ums Weiße Haus passiert. Das haben auch die vergangenen WM-Wochen wieder gezeigt."
Erstmal zu verarbeiten hatte Neuß das deutsche WM-Aus im Sechzehntelfinale. "Dass es unsere Nationalmannschaft im weiteren Turnierverlauf erneut nicht ins Achtelfinale geschafft hat, war natürlich auch für uns Journalisten vor Ort überraschend." Jetzt, wo es aber mit schnellen Schritten aufs Finale zugeht, steige das WM-Fieber wieder, erzählt er.
Kombi aus Nachrichten und Sport
Schon bei der vergangenen Weltmeisterschaft in Katar hatte Neuß fürs ZDF gearbeitet, damals noch im Sendezentrum in Mainz – hinter den Kulissen. Bereits neben dem Studium hatte er als Journalist gearbeitet. "Damals wollte ich unbedingt in einem Auslandsstudio hinter die Kulissen beim Fernsehen blicken." Eine Hospitation in der ZDF-Korrespondentenstelle in New York machte das möglich. Die Chance, jetzt Live-Schalten von der WM zu machen, ergab sich aus seiner Arbeit für die Sportredaktion bei Großveranstaltungen wie Olympia oder Welt- und Europameisterschaften sowie früheren Berichten aus den USA. "Mein Reporter-Einsatz während der WM ist quasi eine Kombi aus beidem, ich bin für die Nachrichten und unsere Sportstudio-Übertragungen unterwegs."
Das Interesse für die USA hegt der Wahl-Münchner schon lange. "Ich habe mich immer für die USA und die Menschen hier fasziniert und auch während des Studiums sowie journalistisch bereits häufig mit der Politik in den Vereinigten Staaten auseinandergesetzt. Außerdem bin ich – gerade in diesen schwierigen Zeiten – ein großer Verfechter unserer transatlantischen Beziehung mit den USA." Unter anderem arbeitet Neuß an einem Interviewprojekt namens "Meeting with Americans" – auf Deutsch "Treffen mit Amerikanern". "Das werden wir nach der Fußball-WM fortsetzen."
Finale in Buenos Aires
Jetzt steht aber erstmal das Finale an. Das wird Neuß statt wie geplant in New York von Buenos Aires aus verfolgen, wo er schon die große Feier nach dem erfolgreichen Halbfinale miterleben konnte – hautnah und unfreiwillig in blau-weiß geschminkt. "Sollten sie Weltmeister werden, steigt hier in der argentinischen Hauptstadt wohl die größte Party auf dem Planeten."
Und dann ist die Großveranstaltung auch schon vorbei. "Die rudernden Norweger, die lebensfrohen Südamerikaner, oder in den ersten Wochen der WM auch die singenden und feiernden Deutschen. Diese Bilder haben sich eingebrannt ins kollektive Fan-Archiv der Fußball-WM." Ob man da noch etwas drauflegen kann? "Ehrlich gesagt: Das wird schwer. Aber ich freue mich auf alles, was kommt."















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