01.09.2020 - 18:50 Uhr
Bad NeualbenreuthOberpfalz

Schädelfund: Rekonstruktion einer Vermisstensuche

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Ein dementer Senior verschwindet 2010 während seines Urlaubsaufenthalts bei Bad Neualbenreuth spurlos. Eine große Suche endet ohne Ergebnis. Zehn Jahre später steht fest: Der 80-Jährige ist ganz in der Nähe seines Hotels gestorben.

In diesem Waldstück fand ein Paar den Schädelknochen des vermissten 80-jährigen Seniors. Von der Absuche der Polizei ist noch ein Absperrband zu sehen.
von Martin Maier Kontakt Profil

Mitte August fand ein Paar einen menschlichen Schädelknochen in einem Waldstück zwischen Bad Neualbenreuth und Altmugl (Kreis Tirschenreuth). Zweieinhalb Wochen später ist klar: Es handelt sich um den seit 2010 vermissten 80-jährigen Mann aus Hessen. Mittels DNA-Gutachten konnte er identifiziert werden. Wie Polizeihauptkommissar Florian Beck am Dienstag mitteilte, gibt es keinerlei Hinweise auf ein Gewaltdelikt.

Polizeimeldung zur Identifikation der Person

Bad Neualbenreuth

Die damalige Suche nach dem multimorbiden Senior war in den vergangenen zehn Jahren immer wieder Thema in der Region. Einer, der sich noch ganz gut an die groß angelegte Suchaktion erinnern kann, ist Manfred Maurer. Er war 2010 der BRK-Einsatzleiter. „Darüber haben wir immer wieder gesprochen. Es ist einfach unbefriedigend, wenn man einen Einsatz ohne Ergebnis abbrechen muss“, sagt der 49-Jährige, der seit 2018 als Projektleiter Grenzüberschreitender Rettungsdienst beim Bayerischen Roten Kreuz in Furth im Wald arbeitet.

Die Frau des 80-jährigen Seniors hatte in den Morgenstunden des Donnerstags, 8. Juli 2010, ihren Mann als vermisst gemeldet. Das Paar war auf Urlaubsreise in der Gemeinde Bad Neualbenreuth und übernachtete im Schlosshotel Ernestgrün. Aus ungeklärten Gründen hatte der Mann gegen 6 Uhr die Unterkunft verlassen. Das große Problem: Er war demenzkrank und auf Medikamente angewiesen.

Hunde nehmen Fährte auf

„Es war ein sehr heißer Tag. Es war klar, dass es sehr kritisch wird, wenn wir ihn nicht schnell finden“, denkt Maurer zurück. Im Laufe des Donnerstags rückten immer mehr Rettungskräfte sowie Hundestaffeln an. Unter Koordination der Polizei machten sich die Einsatzkräfte auf die Suche nach dem 80-Jährigen.

Die Feuerwehren fuhren alle Straßen und Wege der näheren Umgebung ab. Die Suche habe sich laut Maurer nach einigen Stunden Richtung Ottengrün/Schachten und Sibyllenbad orientiert, da die Hunde in diese Richtung eine Fährte aufgenommen hatten. Ansonsten habe es keinerlei Anhaltspunkte gegeben, wo sich der Senior noch aufhalten hätte können. Zudem hätte man sich irgendwann auf gewisse Flächen konzentrieren müssen. „Wir wären sonst zu groß geworden. Mehr hätten wir auch von der Anzahl der Leute nicht gepackt“, begründet Maurer das Vorgehen.

Das Waldstück selber, wo nun der Schädel entdeckt wurde, sei damals nicht abgesucht worden. Es liegt rund 1,5 Kilometer Luftlinie vom Schlosshotel entfernt. „Die Wege in diesem Gebiet wurden aber definitiv abgefahren“, versichert Maurer.

Wie auch einige andere Einsatzkräfte war der BRK-Einsatzleiter, der damals in Neualbenreuth wohnte, an dem Donnerstag mit seinem Quad unterwegs, um die Waldwege abzufahren. Zudem waren zwei Hubschrauber im Einsatz. Ebenso suchten Taucher der Wasserwacht alle Gewässer im Umkreis, die tiefer als 1,5 Meter waren, ab. Alle anderen Gewässer durchwateten sie. Und die Bergwacht kümmerte sich um unwegsames Gelände. Auch das Hotel wurde insgesamt drei Mal abgegangen. Am Donnerstag um 23 Uhr wurde schließlich der Einsatz vorerst beendet. Abends hatte auch ein Polizeihubschrauber mit Wärmebildkamera das Gebiet noch einmal abgeflogen. Durch die hohen Temperaturen war ein Einsatz dieser Technik tagsüber nicht sinnvoll.

Am Freitag um 7 Uhr ging es weiter. Dazu rückten auch neue Suchhundestaffeln an. Helfer durchkämmten „in Reihe“ das kleine Waldstück unterhalb des Sibyllenbads. Und auch das Hotel wurde ein letztes Mal durchsucht. Außerdem hatte die Polizei ihre tschechischen Kollegen informiert. Gegen 15 Uhr wurde nach abschließender Besprechung die Suchaktion abgebrochen. Der BRK-Einsatzleiter schätzt, dass an den zwei Tagen insgesamt rund 250 Männer und Frauen im Einsatz waren. Zudem waren etwa 25 Hunde von verschiedenen Polizei- und Rettungshundestaffeln vor Ort. „Das war der Wahnsinn. Das war wirklich eine große Sache“, beschreibt er die Dimension.

Gürtel und Jeans gefunden

Von den rund 15 Vermisstensuchen, bei denen Maurer bisher mit aktiv war, verlief nur die Aktion beim Schlosshotel ohne Ergebnis. „Das bleibt einfach an einem hängen, da man mit dem Ergebnis unzufrieden ist. Man denkt, es kann nicht sein, dass ein Mensch einfach so verschwindet.“ Auch gegenüber den Angehörigen zu sagen, dass die Suche abgebrochen wird, sei hart und beschäftige einen.

Es war klar, dass es sehr kritisch wird, wenn wir ihn nicht schnell finden.

Manfred Maurer, damaliger BRK-Einsatzleiter

Manfred Maurer, damaliger BRK-Einsatzleiter

Nach Angaben von Polizeihauptkommissar Florian Beck ist davon auszugehen, dass der 80-Jährige auch in dem Bereich gestorben ist, wo der Schädelknochen gefunden wurde. Bei einer großflächigen Absuche stellten Polizisten dort zudem weitere Knochenteile sowie Kleidungsstücke fest, unter anderem einen Gürtel und eine Jeans. „Ein Etikett an der Hose war eindeutig dem Senior zuzuordnen“, erklärt Beck auf Nachfrage der Oberpfalz-Medien. Bei der damaligen Suche wurde immer wieder darauf verwiesen, dass der 80-Jährige weiße Turnschuhe anhabe. Diese wurden in dem Waldstück nicht gefunden. Dieser Aspekt ist Mauerer ebenfalls in Erinnerung geblieben: „Ich habe eigentlich immer gesagt: Wenn man ihn findet, wird man ihn an seinen weißen Schuhen erkennen.“

Da Mauerer auf seinem damaligen Arbeitsweg nach Tirschenreuth fast immer am Schlosshotel vorbeikam, erinnerte er sich öfters an die Suchaktion: „Mir ging dann immer durch den Kopf: Wo wirst du wohl sein?“ Dass man die Überreste des Seniors nun gefunden hat, sei aber vor allem für die Angehörigen wichtig, um abschließen zu können.

Erster Bericht über den Schädelfund bei Bad Neualbenreuth

Bad Neualbenreuth
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