05.08.2021 - 14:47 Uhr
Bad NeualbenreuthOberpfalz

Das Vermächtnis der Senger-Schwestern

Es waren einmal zwei Schwestern, die ihr Leben gemeinsam auf dem Hof ihrer Eltern verbrachten. Als Anna 1965 als letzter Nachkomme der Familie starb, vererbte sie alles ihrem Heimatort Bad Neualbenreuth. Der Sengerhof wird zum Museum.

Der Sengerhof ist ein dreizoniges Anwesen mit Egerländer Fachwerk.
von Ulla Britta BaumerProfil

„Grüß Gott. Ich bin der Hausl.“ So begrüßt Albert Köstler die Besucher, die sich den Sengerhof ansehen wollen. Ein „Hausl“ war früher der Knecht. In dieser Rolle gefällt sich Köstler. Der Altbürgermeister arbeitet als Mitglied des Historischen Arbeitskreises viel für das „Kultur- und Dokumentationszentrum Fraisch“ im Sengerhof, wo er den Nachlass verwaltet und Gäste in die Geschichte des Gebäudes entführt.

Dessen Historie geht weit zurück: Ab 1733 gehörte der Familie Schöner (Hausname Senger) dieses dreizonige Wohnstallhaus mit Egerländer Fachwerk. In der letzten Generation gab es nur zwei ledige Schwestern. Die ältere Babette starb zuerst. Als ihr Anna 1989 in den Tod folgte, vererbte sie Haus, Hof und Inhalt der Gemeinde. Bad Neualbenreuth bekam ein großes Vermächtnis.

Viel Überzeugungsarbeit

Albert Köstler war bereits Bürgermeister, als ihn die Nachricht von diesem Erbe erreichte. „Wir ahnten etwas und suchten nach Annas Tod mit den Verwandten das Testament“, erzählt er. Die Vorahnung sollte sich erfüllen, doch nicht alle haben sich über das Vermächtnis gefreut. Köstler selbst war es, der sich leidenschaftlich für den Erhalt des Hofs einsetzte. Viel Überzeugungsarbeit habe er leisten müssen auch im Gemeinderat, erinnert er sich. „Anna hat uns auch Geld hinterlassen“, verteidigt er heute noch seine damalige Entscheidung, die manchem Bürger zu kostspielig erschien.

Bei der Inventarisierung halfen zwei Expertinnen aus der staatlichen Denkmal- und Museumspflege. Simpler Hausrat wurde ebenso katalogisiert wie antike Wertgegenstände und Unbrauchbares. Auf dem Dachboden stehen bis heute Schachteln, Kisten, Regale und Schränke voll mit Erbgut. Eine Lebensaufgabe für den 73-jährigen Köstler. Sind Führungen gebucht, heißt es: Kopf einziehen und auf die Füße achten! Die Türen im Hof sind niedrig, Schwellen müssen überschritten werden. Auf dem Weg nach oben knarzen die abgetretenen Stufen, als wollten sie stöhnend berichten von unzähligen Menschentritten in drei Jahrhunderten. Wie mag die 80-jährige Anna die steilen Stiegen erklommen haben? War sie gebrechlich im Alter und mied den Weg nach oben? Solche und andere Fragen beantwortet der „Hausl“ seinen Gästen wie aus der Pistole geschossen. Er kennt jeden Winkel im Hof und jedes Detail der Familiensaga.

13 Kubikmeter Wäsche

Im ersten Stock lenken Sonnenstrahlen, durch kleine Sprossenfenster eingelassen, den Blick auf Truhen mit Aussteuer aus feinem Leinen und bestickter Baumwolle. In zwei Schränken stapeln sich Bettzeug und Kleidung. „Wir haben 13 Kubikmeter Wäsche gefunden“, erzählt Köstler. Annas Röcke, Blusen und Kleider sind dunkel, damals das übliche Alltags-Outfit alter Frauen. Dunkel sind auch die Stuben im Wohnhaus – ein Kälteschutz: Die kleinen Fenster hielten den eisigen böhmischen Wind am Grenzkamm zu Tschechien ab.

Umso heller präsentiert sich der sanierte Dachboden der Tenne. Regelmäßig finden in diesem schönen Saal seit der Eröffnung im Jahr 2007 Konzerte, Vereinsveranstaltungen, Lesungen und Vorträge statt. Wer sich aufmerksam umschaut, erkennt an den Exponaten in den Vitrinen die Vorlieben der Senger-Schwestern und wie sie ihren Alltag meisterten. Zum Nachlass gehört auch eine Pistole (Terzerol). Diente sie zum Schutz vor Einbrechern? „Mehr zum Verscheuchen von Vögeln, die gern Kirschen schnabulieren. Gegen Ratten wehrte man sich anders“, sagt Köstler und zeigt lachend auf sehr große Fallen neben der Waffe.

Musikinstrumente als Dauerleihgabe

Das Egerland spielt eine große Rolle. Unter anderem hat ein Egerländer Landsmann 30 Musikinstrumente als Dauerleihgabe gebracht. Seit Neuestem ist der Traditionsbäckerei Stähli ein Raum gewidmet. „Wir haben auch Gemälde- und Fotoausstellungen“, ergänzt Köstler die Fülle der Angebote. Und von wegen „angestaubtes Museum“: Im Sengerhof gibt sich die Neualbenreuther Jugend das Ja-Wort. Für Altbürgermeister Albert Köstler und dem Historischen Arbeitskreis ist all das Grund genug, seinen Heimatort weiterhin in Atem zu halten mit den Geheimnissen und weiteren Schätzen, die er aus dem schier unerschöpflichen Nachlass der Senger-Anna ausgräbt.

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Zu den Beiträgen der Serie "Museen der Oberpfalz"

Service:

„Kultur- und Dokumentationszentrum Fraisch“/Sengerhof

  • Das „Kultur- und Dokumentationszentrum Fraisch“ in der Turmstraße 5-7 ist für Einzel-, Gruppen- oder Paarbesuche und für Familien geeignet. Nicht barrierefrei.
  • Parkmöglichkeiten gibt es am nahen Marktplatz.
  • Der Sengerhof ist gut ausgeschildert.
  • Der Historische Arbeitskreis bietet Führungen an, der Eintritt ist frei. Anmeldung bei der Gästeinformation unter Tel. 09838/933250 erforderlich.
Service:

Weitere Ausflugsmöglichkeiten

  • Besuch des Grenzlandturms,
    Wanderung zum Mittelpunkt Europas
  • Besuch des Heilquellenkurbetriebs Sibyllenbad mit Saunalandschaft und orientalischem Badetempel. Öffnungszeiten und Corona-Besucherregeln sind auf der Homepage von Bad Neualbenreuth oder der Gästeinformation nachlesbar.
  • Wanderung zum "Alten Herrgott"

 

 

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