26.05.2020 - 15:08 Uhr
BärnauOberpfalz

Ein Baum und drei tote Kinder

Auf den ersten Blick ist es ein unscheinbarer Ort. Doch Markus Frank aus Bärnau hat sich den alten Ahornbaum zwischen Bärnau und Naab genauer angesehen - und viel Interessantes erfahren.

Zum Ahornbaum in der Still-Lohe südlich der Kapelle St. Elisabeth gibt es einige Geschichten zu erzählen, zeigen Nachforschungen von Markus Frank.
von Externer BeitragProfil

Zwischen Bärnau und Naab, südlich der St.-Elisabeth-Kapelle, steht inmitten einer Wiese ein Baum. Unzählige Male ist Markus Frank daran vorbeigefahren erzählt er. "Nun gut, direkt vorbei gefahren war ich nie. Es führt kein Weg an ihm vorbei. Doch von der Ortsverbindungsstraße aus, vorausgesetzt man hält sich an die zulässige Höchstgeschwindigkeit, kann man ihn gut sehen."

Vielleicht hat sich Markus Frank im Vorbeifahren mitunter gefragt, wieso dieser Baum dort so gottverlassen dasteht. "Meistens aber dachte ich an die nun schon wieder viele Jahre zurückliegende Radiodurchsage, in der darauf hingewiesen wurde, dass zwischen Bärnau und Naab in beide Richtungen geblitzt wird." An sich nichts Außergewöhnliches, findet Frank - zumindest nicht für diejenigen, die die örtliche Situation kennen. Seine Nachforschungen ergeben, dass es zu diesem Ahornbaum viele Geschichten gibt. Eine handelt von Kreuzungen, der Flurbereinigung, eine andere von drei toten Kindern und Martern, die an diese schicksalhafte Begebenheit erinnern.

Viele Geschichten zum Baum

"Vor einigen Tagen hatte ich spontan am Straßenrand angehalten und bin mit meinen Turnschuhen durch die feuchte Wiese bis zum Baum gelaufen." Während er dorthin unterwegs war, hatten zwei Krähen, die es sich vermutlich schon seit längerem am Rande eines großen Astes bequem gemacht hatten, entschlossen das Weite gesucht. "Beinahe fühlte ich mich ein wenig schuldig, sie in ihrer Ruhe gestört zu haben", beschreibt Frank die Situation.

Kein einsamer Platz

"Jetzt war ich immerhin da." Zu Füßen eines in die Jahre gekommenen Ahorns, morsch am Stammfuß und licht im Geäst, aber dennoch hält er hartnäckig am Leben fest. So gottverlassen, wie er aus der Ferne anmutet, ist der Ahorn nicht, stellt Markus Frank fest. Allerlei Insektengetier tummelt sich auf ihm, im Wurzelkeller lebt der Baum in Nachbarschaft mit Wühlmäusen und in der Krone haust ein Specht.

Der Baum weiß auch vom Leben der Vergangenheit so manches zu erzählen: In den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als die Flurbereinigung im Bärnauer Land durchgeführt wurde, diente der Ahorn als Referenzpunkt für die Geodäten. Ein glücklicher Umstand, weil der Ahorn so dem Flurbereinigungsverfahren nicht zum Opfer fiel. Bis heute stand der Ahorn jedoch keineswegs gottverlassen in freier Flur, sondern war Schnittpunkt zweier Wege: Dem Bürgerweg, welcher von Bärnau aus kommend über den Bürgerwald bis an die Landesgrenze führt, und dem Stillohweg, der Naab mit Thanhausen und Hohenthan verbindet. "Zu jener Zeit war es noch ein ausladender und stattlicher Ahorn", erinnert sich Markus Frank.

Verbindung zur Martersäule

Aber noch etwas anderes hat es mit diesem Ort auf sich. Die Ältesten im Dorf wissen es noch aus Erzählungen von ihren Eltern und Großeltern: Einst sollen hier drei Kinder auf dem Schulweg vom Naab nach Hohenthan erfroren sein. Naab hatte, entgegen der meisten umliegenden Ortschaften, keine eigene Dorfschule. Eine schicksalhafte Begebenheit.

Wirft man einen Blick in die Kartenwerke aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, so entdeckt man genau an jener Stelle, an der heute der Ahorn steht, drei symbolisierte Martersäulen, beschreibt Frank. Bildstöcke, wie man sie im Stiftland auch heutzutage noch des öfteren antrifft. Ob diese an die verstorbenen Schüler erinnern sollten, wie später der Baum? Markus Frank hält es für gut möglich, dass jene drei Martersäulen in etwa so aussahen, wie die wuchtige und oft fälschlicherweise "Bleim-sei"-Marter genannte Flurdenkmal. Dieses steht nur wenige Hundert Meter vom Ahornbaum entfernt und ist seit nunmehr über zwei Jahrhunderten am birkengesäumten Kirchsteig von Naab nach Bärnau.

Mit nassen Füßen setzt sich Markus Frank wieder ins Auto. Bevor er losfährt, blickt er noch einmal hinüber zum Baum. Die beiden Krähen sitzen wieder an ihren Logenplatz und blicken in die Weite des Bärnauer Ländchens.

Die "Bleim-sei"-Martersäule am Kirchsteig zwischen Naab und Bärnau.

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