19.10.2021 - 11:25 Uhr
BärnauOberpfalz

Böttgerweg erinnert an vergessene Orte und schlimme Geschehnisse

Mit dem Böttgerweg soll über die Landesgrenze hinweg an das verschwundene Dorf Paulusbrunn erinnert werden. Das Projekt konnte nach vier Jahren intensiver Recherche abgeschlossen werden.

von Ulla Britta BaumerProfil

Geschichte erwandern entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs: Das macht der Böttgerweg möglich. Der historische Pfad wurde am Wochenende nach vier Jahren intensiver Recherche eröffnet. Auf 25 Infotafeln entlang des 16 Kilometer langen Weges werden die traurige Geschichte der Vertreibung der Sudentendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg und dessen Folgen erlebbar gemacht. 1945 wurde Paulusbrunn dem Erdboden gleich gemacht. Bayern und Böhmen, Bärnau und Paulusbrunn - vor dem Krieg Jahrhunderte eng verbunden durch Freundschaften und als Wirtschaftsregion - wurden durch den Eisernen Vorhang zu verfeindeten Nachbarn.

Nach der Wende fanden engagierte Menschen wie Rainer Christoph, Norbert Steinhauser und Dana Lesak Müller, Bürgermeisterin von Obora in Tschechien, nur noch Reste von Paulusbrunn. Sie gründeten die Arbeitsgemeinschaft Paulusbrunn, um zu verhindern, dass die Geschichte des früheren Walddorfes, in dem einst 1400 Menschen lebten, nicht in Vergessenheit gerät.

Zeitzeugen beim Festakt dabei

Dafür sorgt etwa die Installation des historischen Böttgerpfads. Nach vier Jahren intensiver Arbeit feierte die Arge am Samstag die Eröffnung des rund 16 Kilometer langen Böttgerwegs in der Aula der Bärnauer Grundschule. Der Festakt war mit Emotionen, Erinnerungen und Zukunftswünschen vollgepackt. Eingeladen waren viele frühere Einwohner von Paulusbrunn. Etwa die 90-jährige Anna Plobner und die 91-jährige Berta Spanner. Die Schwestern sind auch auf einer von 25 Infotafeln am Böttgerweg zu sehen - als Kinder, gleich auf einer der ersten Stationen neben der Böttgersäule.

Rainer Christoph, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft, holte beim Festakt weit aus: Er ging zurück bis zum Ursprung von Paulusbrunn 40 Jahre nach dem 30-jährigen Krieg. Er klärte auch über den Namensgeber des Weges, Dr. Carl Josef Böttger, auf. Lebhaft, bunt und gemütlich sei es in Paulusbrunn zugegangen, bis der Eiserne Vorhang kam. "Und dann war nur noch Leere. Nichts", sagte Christoph. Akribisch suchte die Arge Paulusbrunn nach Relikten des Ortes und wurde fündig. Geschichten und Hintergründe sind auf 25 Infotafeln entlang des historischen Pfades dargestellt.

Geschichte erlebbar gemacht

Stellvertretender Landrat Alfred Scheidler war frühmorgens vor dem Festakt mit dem Fahrrad extra von Tirschenreuth nach Paulusbrunn gefahren, um sich den Ort des Geschehens anzusehen. Zwischen den Resten des Dorfes wandernd stellte sich Scheidler das Leben in Paulusbrunn vor, wie die Bauern arbeiteten und die Hühner gackerten. "Paulusbrunn gibt es nicht mehr, aber es ist nicht tot", betonte Scheidler.

Ein Grußwort per Post schickte Böttgers Urenkel, Reinhard Stenzl, aus Berlin. Er berichtete vom Böttgerweg, den sein Urahne einst für den Holztransport bauen ließ. Von einer Bereicherung der Region durch diesen Weg sprach Bärnaus Dritter Bürgermeister Gottfried Beer. "Der Böttgerweg macht die Geschichte erlebbar und sichtbar", sagte Beer.

Alfred Wolf, Vorsitzender des Vereins "Via Carolina - Goldene Straße", überreichte Rainer Christoph und Dana Lesak Müller symbolisch Kastanien von einem uralten Baum in Paulusbrunn. "Dieser Baum hat alles erlebt und war stummer Zeuge der Geschichte", sagte Wolf. Das weitere Projekt "Spurensuche im Böhmischen Wald" mit Ortsschildern bei verschwundenen Dörfer sei beantragt, berichtete der Vorsitzende. "Gemeinsam mit der Arge Paulusbrunn soll die Erinnerung an dieses Dorf wachgehalten und nachfolgenden Generationen nahe gebracht werden", verdeutlichte Wolf.

Norbert Steinhauser, ein gebürtige Bärnauer mit Wurzeln in Paulusbrunn, führte gemeinsam mit Kindern eine Theaterszene zum Thema auf. Weiter fertigen Kunststudenten beidseits der Grenze Comics zum Leben im Dorf an. Grußworte sprachen auch Rudolf Tomsu aus Tschechien und Dr. Wolfgang Schwarz vom Adalbert Stifter Verein München.

Autor Rainer Christoph hat kuriose, lustige und traurige Geschichten aus Paulusbrunn zusammengetragen

Bärnau
Hintergrund:

Der Böttgerweg

  • Der historische Pfad orientiert sich an bereits vorhandenen Wegen: Gesamtlänge rund 16 bis 18 Kilometer.
  • Erarbeitung des Projekts „Historischer Pfad“ von 2017 bis 2021
  • Etwa 25 zweisprachige Infotafeln erklären mit Bildern und knappen Texten Geschichte und Hintergründe.
  • Der „Böttgerweg“ führte von Nord nach Süd durch die Siedlung des verschwundenen Dorfes Paulusbrunn.
  • In der Zeit des Kalten Krieges von den CZ-Grenzorganen genutzt.

 

 

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