22.08.2019 - 15:42 Uhr
BärnauOberpfalz

Mittelalter aus Sicht der Handwerker

Für Armin Troppmann, Michael Winkler, Michal Dvorák, Adam Jopek, Robert Mois und Martin Koudele gilt: Einer für alle, alle für einen. Das Handwerkerteam arbeitet auf der Baustelle zur Reisestation Kaiser Karl IV.

Heute fehlt nur der Chef. Der Leiter des Bauteams im Geschichtspark, Armin Troppmann kümmert sich derzeit um den eigenen Nachwuchs - er ist in Elternzeit. Hinten von links: Michael Winkler und Michal Dvorák. Vorne von links: Adam Jopek, Robert Mois und Martin Koudele.
von Norbert Grüner Kontakt Profil

Ihrem Leitspruch verpflichtet, sind die Männer vom Bauteam quasi die sechs Musketiere der mittelalterlichen Schaubaustelle. Michael Winkler ist Landschaftsgärtner, Robert Mois Steinmetz und Armin Troppmann Steinmetzmeister und Teamchef. Letzterer ist zur Zeit in Elternzeit, so dass auf längere Sicht nur fünf Profis auf der Schaubaustelle der Reisestation, wie sie Kaiser Karl IV. im 14. Jahrhundert auf seinen Reisen nutzte, zur Verfügung stehen.

Drei Heimschläfer

Das wirft die Planungen aber in keinster Weise zurück, denn wer mit mittelalterlichen Werkzeugen arbeitet, muss eines mitbringen - Zeit. Die drei Deutschen vom Bauteam genießen das Privileg des Heimschläfers. Die drei tschechischen Kollegen sind fern der Heimat und haben deshalb hier ihre Zweitwohnungen. Der Maurermeister Michal Dvorák kommt aus Police bei Jemnice in Mähren und hat mit fünf Stunden Fahrzeit die größte Entfernung zu überwinden. Adam Jopek ist Schmied und Zimmermann und kommt aus Trebejice in Südböhmen. Er muss einfach 250 Kilometer zu seiner Arbeitsstelle zurücklegen. Der Zimmermeister Martin Koudele stammt aus Plasy (Plaß), das etwa 20 Kilometer vor Pilsen liegt. Seit zweieinhalb Jahren arbeiten die gestandenen Spezialisten, Troppmann sogar mit langjähriger Wandergesellenerfahrung, zusammen. Und mittlerweile hat einer vom anderen gelernt und jeder macht eigentlich alles. Die Regelarbeitszeit der fest angestellten Teammitglieder beträgt 38 Stunden. Weil sie während der Saison oftmals auch an Wochenenden und Feiertagen ran müssen, haben sie auch immer mal an Wochentagen frei. "Aber es ist immer jemand vom Team da", sagen sie. Das Team aus Steinmetzen, Maurern, Zimmerern und Schmieden hat jüngst den Landschaftsgärtner Michael Winkler als Verstärkung bekommen. Er ist zuständig für die ökologische Optimierung des Geschichtsparks.

Natur kehrt zurück

"Wir lassen jetzt die Wiesen im zehn Hektar großen Areal länger stehen, mähen nur zwei Mal im Jahr, im Juli und Mitte Oktober. "Und schon kehrt die Natur zurück mit Schwarzstorch, Ringelnattern und Fledermäusen." Aber längst ist er, wie auch alle anderen, Mädchen für alles, mauert, zimmert und schmiedet er. So sei auch im Mittelalter gearbeitet worden, mit den verschiedensten Spezialisten, die sich gegenseitig geholfen hätten, wenn gerade Not am Mann gewesen wäre. An der Schaubaustelle werde absolut authentisch gearbeitet, erklären die Handwerker. Die Steine kommen aus dem unweit gelegenen Schausteinbruch und werden mit Karren zur Baustelle transportiert. Es handelt sich dabei um Abraummaterial aus einem Flossenbürger Steinbruch. "Sobald der Lkw abgeladen hat, fängt das Mittelalter an", erklärt Robert Mois, "ist Handarbeit angesagt." Als die Mauer einen Meter hoch war, die Erkenntnis: "Wir brauchen einen Kran." Aber wie sah so etwas im Mittelalter aus, gab es das überhaupt? Der wissenschaftliche Leiter des Geschichtsparks, Stefan Wolters lieferte die entsprechenden Bilder auf denen solche Hebevorrichtungen abgebildet waren. Adam Jopek und Martin Koudele modifizierten das was sie auf den Bildern sahen und schnitten den Kran auf die Bedürfnisse im Park zu,.

"Denn wenn man nur sechs Leute zur Verfügung hat, muss man schon genau überlegen, welche Kranform die effektivste ist. Baust du nämlich einen Riesenkran mit Laufrad, brauchst du allein drei Helfer, um ihn zu bedienen." Aus dem Grund entschieden sich die beiden für ein Handrad. Mit dieser Technik sei jeder in der Lage, zumindest sein eigenes Körpergewicht zu heben. Das Maximalgewicht, das bisher mit dem Kran in die Höhe gehievt wurde, betrug 350 Kilogramm. Dies entspreche in etwa auch der Belastungsgrenze des Konstrukts. Um das zu heben, seien drei bis vier Mann am Handrad gefragt.

Authentizität nur im Park

Baubeginn für den Kran war im Oktober vergangenen Jahres. Fertig war er im Januar 2019. Unterstützung in der Weise, dass das Team die Werkstatt nutzen durfte, erhielt es von der Grenzlandschmiede in Neuhaus, wo die erforderlichen Metallteile gefertigt wurden. Das war in der Hauptsache der Job von Adam Jopek. Das Holz kam vom Staatsforst. Sie haben es selbst geschlagen. Dabei wurde das authentische Arbeiten allerdings ausgesetzt. Denn auch für das Handwerkerteam auf der Reisestation gelten außerhalb die allgemeinen arbeitsschutzrechtlichen Vorschriften. In dem Fall Schutzhelme und Schnittschutzhosen.

Die meisten Kranteile bestehen aus witterungsbeständiger Lärche. Alle Komponenten, die stark belastet werden, sind aus Eiche. Etwa zwei Kubikmeter Holz wurden verbaut. Allein das Behauen der Balken dauerte eineinhalb Monate. Insgesamt stecken rund 1500 Stunden im Bauwerk. Die große eiserne Steinzange wurde ebenfalls in der Neuhauser Schmiede gefertigt. Einen ganzen Tag hat Adam daran geschmiedet. Einhundert Prozent Authentizität geht aus Sicherheitsgründen auch im Geschichtspark nicht. So ist das Seil des Krans nicht aus Hanf, sondern aus witterungsbeständigen Polyhanf-Kunststofffasern. Die Berufsgenossenschaft lege strenge Vorschriften an, um die Sicherheit von Arbeitern und Besuchern zu gewährleisten. Deshalb tragen die Handwerker auch Sicherheitsschuhe.

Hebevorrichtung

Streng genommen sei der Kran eigentlich kein Kran, sondern eine mittelalterliche Hebevorrichtung. Von einem Kran spreche man erst, wenn er per Motor betrieben wird. Trotzdem heißt das Teil in der Geschichtspark-Terminologie schlicht und einfach Kran. Der ist auf einer Schienenkonstruktion aufgebaut und kann bewegt werden, indem die Schienen in die jeweilige Richtung, wo er gerade benötigt wird, einfach verlängert werden. Die Schienen werden mit Rinderfett eingeschmiert und schon flutscht die Sache. Das Fett kochen die Jungs vom Handwerkerteam selbst aus. Der Vater von Robert Mois hat eine eigene Metzgerei und unterstützt das Team mit Tierhäuten. Später wollen sie sich auch einmal als Gerber versuchen, denn Sinn und Zweck sei es, die alten Handwerkstechniken nicht in Vergessenheit geraten zu lassen,

Der Kran ist sechseinhalb Meter hoch, hat eine Auslage von vier Metern und einen Grundriss von zwei mal drei Metern. Und er ist so konstruiert, dass man ihn komplett zerlegen und wieder zusammenbauen könnte. Zur Fixierung wurden ausschließlich Holzkeile und -nägel verwendet. An bestimmten Stellen sind Zeichen ins Holz gehauen. Eine mittelalterliche Nummerierung quasi.

Spaten aus Holz

Auch die Werkzeuge werden selbst geschmiedet, Kellen, Meißel, Hämmer und Äxte. Schaufeln und Spaten sind komplett aus Holz und werden geschnitzt. Ziel der Aktion sei gar nicht so sehr, dass die Reisestation fertiggestellt werde, sondern dass daran mit alten Handwerkstechniken gebaut werde. Der Kalk für den Mörtel wird selbst gebrannt, Eisen wird verhüttet. Auch Köhlern sei angedacht. "Die unterschiedlichsten Leute kommen in den Geschichtspark und stellen uns Fragen, ganz normale Menschen, die nichts mit Bau am Hut haben aber auch Experten. Wir vermitteln ihnen allen das Mittelalter aus Sicht der Handwerker."

Von weitem betrachtet ähnelt der Kran durchaus auch einem Galgen. Wer weiß, vielleicht hauchte im Mittelalter der eine oder andere tatsächlich an so einer Konstruktion sein Leben aus.
Stumpfe Meißel werden in der Schmiede wieder geschärft.
Grobe Einschnitte dienen als Auf- und Abbauhilfe.
Die sechs Musketiere des Geschichtsparks auf ihrem Meisterwerk.
BU
Die sechs Musketiere des Geschichtsparks auf ihrem Meisterwerk.

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