17.10.2019 - 17:31 Uhr
BärnauOberpfalz

Unter dem Schwimmbad

In Aquarien, Brauereien, Hallen- und Freibädern hängt mehr Technik dran, als die Gäste im ersten Augenblick sehen. Um die Arbeiten im Untergrund von vielen Hundert Anlagen kümmert sich ein Bärnauer Familienunternehmen.

von Lena Schulze Kontakt Profil

Im Frühjahr und Herbst ist die stressigste Zeit für Daniel und Egon Giesl. Die In- und Außerbetriebnahmen der Frei- und Hallenbäder fallen immer zusammen. Wie viele Bäder das Bärnauer Unternehmen betreut, weiß der 66-jährige Seniorchef nicht genau: „Da hab ich nicht nachgezählt.“ Unterwegs sind die Stiftländer in ganz Deutschland – etwa München, Köln, Frankfurt, Straubing – und auch in Österreich. „Mehr könnten wir auch gar nicht bewältigen.“

Zu den Baustellen des Familienbetriebs zählen nicht nur Frei- und Hallenbäder, sondern auch Wasserwerke, Brauereien, die Ganzjahresbäder der Bundeswehr oder Bereitschaftspolizei sowie Delfinarien und Aquarien in Zoos. „Wasser & Technik Giesl“ kümmert sich nicht nur um das Wasser an sich, sondern baut auch Rutschen, Saunen und Dampfbäder. Doch die Hauptarbeit findet im Untergrund, in den Technikräumen im Keller statt.

Tüfteln bis es funktioniert

Die Inbetriebnahme dauert oft länger als die Außerbetriebnahme. Alle Geräte müssen gewartet, gereinigt, installiert, kalibriert, Teile ausgetauscht und wieder angestöpselt werden. Danach überprüfen die Wassertechniker noch alles auf Funktion. „Wir bleiben so lange drüber, bis es funktioniert“, sagt Firmenchef Daniel Giesl. Je nach dem, wie groß das Bad ist, wie viele Becken, Whirlpools, Dampfbäder und Saunen es hat, dauert die Inbetriebnahme zwischen drei Stunden oder drei Tagen.

Anders als bei Freibädern, wird das Wasser in Hallenbädern während der Sommerpause abgelassen. Auch im Mitterteicher Hallenbad. Über einen Feuerwehrschlauch wird im Herbst Wasser vom Hydranten ins Becken eingelassen. „Das kann einen Tag dauern oder auch drei“, sagt Egon Giesl. Teilweise haben die Bäder auch einen eigenen Hydranten in der Technik. Dann beginnt der Kreislauf: Das Wasser aus dem Becken schwappt über den Überlauf und wird im Schwallwasserbecken gesammelt.

Schneebälle auf Sand

Bevor es zum Filter geleitet wird, wird ein Flockungsmittel beigemischt. Dieses chemische Mittel reagiert mit Verunreinigungen und quillt auf wie ein Schneeball, so kommt es nicht durch die Filterschichten aus Sand und bleibt auf der obersten Schicht aus Aktivkohle liegen. Das Wasser fließt von oben durch den Mehrschichtfilter mit verschiedenen großen Filtersandkörnern. Diese oberste Flockenschicht wird in der Regel zwei Mal die Woche – je nach Besucherzahl und Verschmutzung – abgespült und in den Abwasserkanal gespeist. Im Hallenbad Mitterteich wird die sogenannte Filterrückspülung noch per Hand „geschiebert“. Sowohl am kleinen Filter für den Whirlpool, als auch am großen für das Schwimmbecken. Das gefilterte Wasser wiederum wird mit Chlor und pH-Korrektur angereichert und zurück ins Becken gepumpt.

Daniel Giesl schraubt an den Dosierpumpen. Eine für die pH-Korrektur, die andere für das Flockungsmittel. An der Mess- und Regeltechnik wechselt er die Elektroden aus. Chemische Dämpfe könnten das Verschleißteil beschädigen und die Messwerte verfälschen. Angezeigt werden Wassertemperatur und chemische Parameter wie Chlorgehalt, pH- und Redox-Wert. Letzterer gibt die Keimabtötungsgeschwindigkeit an, wie gut eine Desinfektion stattfindet. Neuere Anlagen könnten die Daten vom Keller in den Schwimmmeister-Raum übertragen und lassen sich sogar von dort über einen Touch-Screen bedienen. Auch die Wassertechnik-Experten können sich von zu Hause einloggen und regulierend eingreifen. „Das Kontrollorgan ist der Mensch“, sagt der 66-Jährige. Der Bademeister vor Ort kontrolliert die Werte in der Saison täglich und hält diese im Betriebstagebuch fest.

Beruf Bad-Bauer

Seit 16 Jahren arbeiten Vater und Sohn zusammen. 2003 gründeten sie die Firma „Wasser & Technik Giesl“. Schon Ende der 90er Jahre entschieden die beiden sich selbstständig zu machen. Sohn Daniel sammelte als gelernter Energieelektriker nach dem Grundwehrdienst als Schwimmbad-Bauer Erfahrungen bei „Atzwanger“ und entwickelte viele Erlebnisbäder mit, etwa die Therme in Erding. Bevor er mit seinem Vater das eigene Unternehmen gründetete, schulte er zum IT-Systemelektroniker um. Egon Giesl arbeitete als Elektroinstallateur, Informationselektroniker und Elektrotechniker stets selbstständig, auch als Servicemonteur bei „Wallace & Tiernan“. „Die Leute haben immer gleich bei mir angerufen, nicht in der Firma.“ Deshalb fiel der Schritt der Firmengründung leicht. Bei der Frage, wer die Leitung übernimmt, ließ er dem damals 26-jährigen Sohn den Vortritt. „Bevor wir nach ein paar Jahren alles aufwendig übergeben müssen, soll’s gleich der Junge machen. Ich unterstützte ihn.“ „Wir ergänzen uns super“, sagt Daniel über die Arbeit mit seinem Vater. „Wir werden oft gelobt, wie sauber und akkurat wir arbeiten“, betont der Firmenchef. „Entweder machen wir etwas gescheit, oder gar nicht.“ Der Senior ergänzt: „Wenn wir etwas bauen, ist es komplett durchdacht. Da passt auf Anhieb alles.“

Von der Planung über die Konzeption, Konstruktion, Installation und Wartung übernimmt der Sechs-Mann-Betrieb aus Bärnau alle Aufgaben selbst. „Wir sind absolute Allrounder.“ Zudem stellen die Anlagenbauer auch einzelne Teile selbst her. Dazu ist das Fachwissen verschiedener Gewerke gefragt. Auf eine vertrauensvolle Basis mit den Kunden legen die Giesls großen Wert. Die Stiftländer sind zudem zertifizierte Probennehmer und beproben Trink- und Badewasser auf eventuelle Keime, wie Legionellen. Dazu arbeiten sie mit dem Labor „synlab“ in Weiden zusammen. Sie liefern auch die Chemikalien, wie Putz- und Desinfektionsmittel oder auch Chlorgas.

Die Wassertechnik-Experten haben einen 24-Stunden-Notruf an 365 Tagen im Jahr für Kunden. Dass Vater und Sohn gemeinsam mit ihren Frauen und Kindern in den Urlaub fahren, geht im Familienbetrieb selten. „Das haben wir ein, zwei Mal versucht. Immer kam ein Notruf dazwischen.“ Auch zu Hause im Betrieb kennen die Bärnauer keinen Urlaub, Feiertage oder Wochenenden. Wenn sie nicht unterwegs sind, werden Angebote oder Rechnungen geschrieben, sich um die Bestellungen gekümmert, oder Systeme ausgetüftelt. Die Projekte nehmen Junior und Senior oft auch mit ins Bett.

Ab und zu bleiben aber doch ein paar Tage zum Durchatmen. Auto-Enthusiast Daniel fährt zum Abschalten gerne zu Motorsport-Events. Wie bei den Rutschen, Whirlpools, Saunen oder Dampfbädern tüftelt er gerne, auch an Autos. Auch um die Firmenwagen kümmert sich der 42-Jährige weitestgehend selbst.

In drei Abschnitten

8 Uhr an einem frischen Herbsttag Ende September: Dampfschwaden schweben über dem Wasser im Schwimmerbecken des Schätzlerbads in Weiden. Das Schwimmmeister-Team hat frei. Daniel und Egon Giesl haben das Freibad für sich allein. Am Vortag zogen Schwimmer bei 26 Grad ihre letzten Bahnen, am Folgetag machen die Anlagenbauer den Betrieb bereit für die Winterpause. Das „Schätzler“ nehmen die Wassertechniker in drei Abschnitten außer Betrieb. Bei Aufträgen weiter weg passiert die In- und Außerbetriebnahme an einem oder zwei Tagen um die Fahrt-, Reise- und Spesenkosten im Rahmen zu halten.

Im Schätzlerbad legt der 42-jährige Firmenchef als erstes die Chlordioxidanlage und die Pulveraktivkohledosieranlage still. Eine Woche später folgt die Chlorgastechnik sowie die Mess- und Regeltechnik. Die Beckenreinigung übernimmt das Schätzlerbad-Team selbst. Daniel stöpselt etwa die Elektroden aus und nimmt die Ventile der Chlorgasfalschen zur Reinigung mit nach Hause. Das Wasser bleibt während des Winters in den Becken, erst im Frühjahr wird es abgelassen und das Becken geputzt. Dem neuen Wasser ist dann schon Desinfektionsmittel beigemischt. Die Schwimmpolster, damit das Wasser nicht an die Fließen gefriert, setzten die Schätzlerbad-Mitarbeiter selbst in das Kinder-, Senioren- und Schwimmerbecken ein. Im Wellenbecken aus Edelstahl ist nur noch eine Pütze und einige Zentimeter Wasser stehen noch im Ablauf der Rutschen. Nach einer Reinigung mit speziellem Edelstahlreiniger, sind auch diese winterfest.

Egon Giesl betreut das Freibad schon seit 30 Jahren. Während ihm die Wartungsarbeiten mehr Spaß machen, gefällt seinem Sohn die Abwechselung zwischen Routine und Schrauben an individuellen Lösungen am meisten. Aber: „Immer nur kreativ sein, das wird irgendwann zu viel im Kopf.“

Während im Sommer und Winter der Betrieb der Bäder läuft, nehmen sich die Anlagenbauer Reparaturen vor, planen und ergänzen Bäder oder kümmern sich um Ganzjahresbetriebe. Dann arbeiten sie wieder in den verzweigten Kellergängen unter den Schwimmbädern. „Oben sehen die Leute nur das schöne Wasser, nicht was alles dranhängt.“

Die Kellergänge unter dem Schwimmbad sind verzweigt wie ein Labyrinth. Ein Problem hat Giesl aber. Im Familienbetreib arbeiten alle auf Augenhöhe. Gerne würden Senior und Junior Azubis ausbilden, doch diese könnte man nicht auf Montage mit arbeiten. Zudem sind die Anlagenbauer oft 12 Stunden am Tag im Job. Die Leute müssen auch zu uns passen. Nur für die In- und Außerbetriebnahme, also die Wartung, ist die Wassertechnik-Firma vor Ort. Fallen natürlich Reparaturen an, oder das System funktioniert nicht richtig, sind die Bärnauer auch vor Ort.

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