04.11.2020 - 13:25 Uhr
BärnauOberpfalz

Sensationsfund im Ackerbürgerhaus

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Bei der zweiten Grabung im Ackerbürgerhaus machten Archäologin Viviane Diederich und ihre tschechischen Kollegen einen erstaunlichen Fund. Die ausgegrabenen Mauerreste gehörten zu einem Grubenhaus, das aus der Zeit der Stadtgründung stammt.

Bei der zweiten Grabung machten Archäologin Viviane Diederich und ihre tschechischen Kollegen einen erstaunlichen Fund: In 1,70 Meter Tiefe entdeckten sie Mauerreste eines Kellers (im Bild oberhalb des Stativbeins). Die Forscher legten damit das älteste bekannte Haus Bärnaus frei.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Eigentlich plante Archäologin Viviane Diederich die zweite Forschungsgrabung im Ackerbürgerhaus bereits für März oder April. Doch Corona durchkreuzte die Pläne der Doktorandin. Erst Ende Oktober konnte die zweite Kampagne (Grabung) durchgeführt werden. Dafür war der Fund, den die Forscher im Ackerbürgerhaus binnen einer Woche freilegten, umso bedeutender.

Ältestes bekanntes Haus Bärnaus

Das Team machte im zweiten Nebenraum, in dem später die Gärbottiche der Mitmachbrauerei stehen sollen, einen sensationellen Fund. In fast 1,70 Meter Tiefe legte das Grabungsteam Mauerreste eines städtischen Grubenhauses frei - und entdeckte damit das älteste bekannte Haus Bärnaus. Dieser Fund belegt laut Archäologin, dass es auch im Mittelalter schon eine städtische Architektur in Bärnau gegeben haben muss.

"Wir waren im Mittelalter schon eine Stadt, noch bevor wir die Stadtrechte 1296 verliehen bekommen haben", erklärt Alfred Wolf vom Verein Ackerbürgerhaus. Die typischen städtischen Bauten im ländlichen Raum hätten zum Marktplatz hin aus einem Holz- oder Fachwerkhaus bestanden, dahinter schloss sich ein unterkellertes Hinterhaus, ein sogenanntes Grubenhaus, an. Die Mauerreste des Kellers seien sehr gut erhalten.

Mauerreste ein Schlüsselelement

Dass der Fund in die Stadtgründungszeit passt, bestätigen ausgegrabene Keramikscherben. Anhand dieser kann die Doktorandin den Fund zeitlich einordnen. "Die Randform, ein sogenannter Kragenrand, ist typisch für diese das späte 13. Jahrhundert", sagt die 30-Jährige. Zudem deuten die Art des Keramiks, die Form und auch eine Prägung auf dem Gefäßboden - ein Kreis mit einem Kreuz darin - auf das Ende des 13. Jahrhunderts hin. Somit muss auch das Grubenhaus bereits vor der Stadtgründung 1296 existiert haben. Innerhalb von einer Woche Grabung ein so tolles Ergebnis zu haben: "Das ist fantastisch. Der Fund war eine große Überraschung. Wir freuen uns riesig."

Diederich erklärt, dass die Überlegungen zu den Fundstücken bei der ersten Grabung vor über einem Jahr sehr theoretisch waren. Die Forscher konnten nur vermuten, wie die einzelnen Puzzlestücke zusammenpassen. "Jetzt haben wir mit dem Grubenhaus den Knotenpunkt gefunden. Einen Anhaltspunkt, um den wir alles drum herum bauen können." Auch Wolf ist begeistert: "Dass der Fund so weit zurückgeht, das ist schon ein Ding!"

Bereits im Juli war die Archäologin mit einer Kollegin einige Tage in Bärnau und arbeitete etwas vor. Vom Fußboden im Nebenraum wurden zunächst etwa 30 Zentimeter abgetragen, der Raum dann in vier Quadranten unterteilt. Im zweiten Quadranten stieß Diederich schnell auf massives Felsgestein. Daneben stellte sie dunkel verfärbte Erde fest. Neben dem Felsen wurde mit den Jahrhunderten Erdreich angeschüttet. Das gab der Archäologin den Hinweis, dort tiefer zu graben.

Reportage über die erste Grabungen im Ackerbürgerhaus

Bärnau

Unterstützung aus Tschechien

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Otto-Friedrich-Universität Bamberg plant und leitet das deutsch-tschechische Forschungsprojekt. Es trägt den Titel "Socioeconomic spaces crossing borders: Archäologische Untersuchungen in einer Stadt an der bayerisch-tschechischen Grenze". Die Grabungen im Ackerbürgerhaus sollen Aufschluss über den städtischen Alltag an der Grenze geben. Bei der zweiten von drei Grabungen wurde die Archäologin von tschechischen Studenten und Dr. Michael Preusz vom Institut für Archäologie an der Westböhmischen Universität Pilsen unterstützt.

Jetzt haben wir mit dem Grubenhaus den Knotenpunkt gefunden. Einen Anhaltspunkt, um den wir alles drum herum bauen können.

Archäologin Viviane Diederich

Die Teamarbeit der deutschen und tschechischen Forscher funktionierte einwandfrei, die Handgriffen spielten sich innerhalb einer Woche ein. Die Aufgaben waren klar verteilt. Das Team unterhält sich auf Englisch, Deutsch oder Tschechisch. "Ich versuche zumindest ein paar Wörter Tschechisch zu lernen. Das hier ist Forschungsarbeit und Sprachkurs in einem", sagt Diederich und lacht.

Anhand der Funde können die Archäologen aus Pilsen und Bamberg herausfinden, wie das Verhältnis zwischen Böhmen und der Oberpfalz in früheren Jahrhunderten war. War die Grenzstadt über die Jahrhunderte eher böhmisch oder oberpfälzisch geprägt? Vor allem in den ländlichen Grenzgebieten sind solche Grabungen rar, weiß Michael Preusz.

Analyse im Home-Office

Außer dem Keramik tauchten Glasscherben, Muscheln, eine Harke, ein kleiner Tierknochen sowie Eisennägel und eine Perle von einer Spindel auf. "Aber Keramik ist eindeutig das meiste Material." Bisher verzeichnete sie bei den zwei Kampagnen im Ackerbürgerhaus 920 Funde. Diese Stücke sind zur Untersuchung zum Teil in Bamberg, zum Teil im Archaeo Centrum.

"Die Arbeit hört mit dem Ende der Grabung nicht auf", betont Diederich. "Es geht am Schreibtisch weiter." Während der Corona-Zeit über analysierte und bewertete sie die ausgegrabenen Stücke der ersten Kampagne im Home-Office oder bereitete Online-Vorlesungen für die Studenten in Bamberg vor.

Das grenzüberschreitende Projekt läuft insgesamt drei Jahre, noch bis 2021. Die Pandemie bringt die Archäologin in Zeitdruck: "Wir haben zumindest eine Verlängerung für die Verschriftlichung der Forschungsarbeit beantragt. Auch mit der Grabung könnte es eng werden."

Ansonsten laufe das Projekt gut. Über die Sozialen Medien kam öfter das Angebot von Interessierten, beim Graben zu helfen, freut sich Diederich. Im Sommer unterstützen sie Mitglieder des Vereins Ackerbürgerhaus mit.

Mehr über die wissenschaftliche Aufarbeitung der Funde im Ackerbürgerhaus auf Onetz.de

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