17.06.2019 - 11:46 Uhr
BärnauOberpfalz

"Wollen Sie im Mittelalter arbeiten?"

Im Geschichtspark Bärnau-Tachov möchten fünf Handwerker mit mittelalterlichen Methoden eine Burg Kaiser Karl IV. wiederauferstehen lassen. Eine Reise in die Vergangenheit.

von Ulla Britta BaumerProfil

Robert Mois (Steinmetz-Geselle, 35, aus Ilsenbach), Adam Jopeil (Schmied und Zimmermann, 25, aus Trebevice), Michal Dvork (Steinmetz, 38, aus Police bei Jemnice), Armin Troppmann (Steinmetzmeister, 30, aus Kastl bei Kemnath) und Michael Winkler (Landschaftsgärtnergeselle, 28, aus Neustadt/Waldnaab) sind im wirklichen Leben ganz normale Handwerker. Gehen sie aber am frühen Morgen durch das Gartentor zu ihrem Arbeitsplatz, überschreiten sie eine äußerst lange Zeitzone und landen im 14. Jahrhundert.

Michael Mois, Michal Dvork, Armin Troppmann, Robert Mois und Michael Winkler bauen eine steinerne Burg nach mittelalterlichen Überlieferungen und mittelalterlichem Vorbild. Genauer gesagt wird das, was die fünf Männer Stein auf Stein im Schweiße ihres Angesichts seit gut eineinhalb Jahren in die Höhe treiben, die Reisestation von Kaiser Karl IV. Der kam auf seinem Weg entlang der Goldenen Straße auch an Bärnau vorbei: Die Gelegenheit für den Geschichtspark Bärnau-Tachov, mit diesem Steinbauwerk den Parkbesuchern eine weitere Zeitepoche der Vorfahren zu präsentieren.

Langzeitprojekt

Aus der Idee, entstanden im Jahr 2014, wurde ein finanziell gefördertes Langzeitprojekt. Als das Geld gesichert war, ging Archäologe Stefan Wolters auf Handwerkersuche - mit der etwas verblüffenden Frage: "Wollen Sie im Mittelalter arbeiten?" Keine einfache Aufgabe, denn nicht jeder Bewerber war geeignet dazu. Aber für die fünf genannten Handwerker klang dies verlockend genug, sich in dieses Abenteuer zu stürzen.

"Ich kann jetzt endlich das machen, was mein Berufsbild ist. Als Steinmetz ist man in modernen Betrieben nur Fliesenleger", erklärt Robert Mois, warum er hier ist. Und ein wenig "verrückt" müsse man sein. Das hier sei nichts für einen gewöhnlichen Menschen, sagen die Handwerker lachend. Zuerst mussten sich die jungen Männer in der Arbeitswelt des Mittelalters zurechtfinden. "Wir wollten sofort loslegen. Nur, es war kein Werkzeug da", berichtet Vorarbeiter Armin Troppmann. Ein Jahr sollte es dauern, bis die Werkstätten, aber auch Schaufeln, Hacken, Sandschütten, Holzeimer, Mörtelauffangbecken und vieles mehr fertig waren. Eher problemlos stellten sich die Männer auf die mittelalterliche Arbeitskleidung um. In ihren Leinenklamotten machen sie eine echt gute Figur. "Und das ist alles ziemlich bequem", stellt Mois fest.

Aber das feste Einkommen aufgeben, um eine mittelalterliche Burg zu bauen? Warum macht man das? Armin Troppmann liefert die Antwort. Mit einer weit ausholenden Armbewegung deutet er auf das Geschichtsparkgelände. "Das sieht man doch", grinst er zufrieden. "Deshalb bin ich Steinmetz geworden", fügt Stefan Mois an, der im Geschichtspark endlich in seinem Traumberuf angekommen sei.

Zwar mit viel Theorie ausgestattet, wurden die Handwerker in der Praxis rasch mit Tüftel- und präziser Denkarbeit überrascht. Bis zum Beispiel der erste Kalk gebrannt werden konnte, mussten Unmengen an historischer Literatur gewälzt werden, die Handwerker gingen "auf die Walz", um von Meistern zu lernen.

Neu war für die durchwegs kraftstrotzenden Männer auch die körperliche Belastung. "Ich bin jeden Abend wie ein Stein ins Bett gefallen", gibt Armin Troppmann zu. Die Handwerker lernten den Arbeitsrhythmus des Mittelalters kennen und fanden ihr eigenes Limit heraus. Technische Hilfsmittel wie ein mittelalterlicher Kran sollen die Arbeit erleichtern. "Wir suchen in alten Überlieferungen nach Beispielen und bauen sie nach", erklärt Wolters und sagt, dass hier alles original sei.

"Man muss sich das bildlich vorstellen. Wir schleppen jeden Eimer Wasser in Holztrögen zur Baustelle", sagt Mois. Weil der Ilsenbacher Erfahrung mit Tieren hat, ist er jetzt auch mittelalterlicher Bauer. Der Geschichtspark hat zwei Kühe angeschafft, die Lasten schleppen sollen. Bea und Lina aus Moosbach gehören zur Rasse "Rotes Höhenvieh". Mois trainiert sie im Umgang mit Menschen und gewöhnt sie langsam ans Arbeiten.

Dauerbaustelle

20 Jahre soll der Burgbau dauern. Stefan Wolters ist zuversichtlich, dass die weitere Finanzierung über Fördermittel gelingen wird. Ein erstes Stück Mauer lässt erahnen, warum Burgen extrem lange Bauzeiten hatten. "Wir haben nicht etwa hinter der Mauer eine Mörtelmaschine versteckt, wir arbeiten authentisch", betonen die Handwerker.

Einzig einige Studenten aus Prag, Bamberg oder Pilsen helfen gelegentlich bei der Arbeit. Sie sollen im Archeocentrum Bayern-Böhmen experimentelle Archäologie kennenlernen. Das Zentrum befindet sich vor dem Park, ebenso wie die kleine Gaststätte, in der die Handwerker nun Brotzeit machen wollen. Ein paar Schritte sind es nur, schon sind alle wieder in der Gegenwart.

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