Volkstrauertag im Landkreis Neustadt in geheimer Mission

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Corona hat auch Auswirkungen auf den Volkstrauertag. Die Bürgermeister sind angehalten, die Feierlichkeiten klein zu halten. Oberpfalz-Medien sprach mit ehemaligen Soldaten, wie sie die generelle Entwicklung des Gedenktags einschätzen.

Beim Volkstrauertag in Schirmitz 2020 geht es intim zu: Bürgermeister Ernst Lenk und Oberstleutnant Thomas Lewerenz legen im Beisein von zweitem Bürgermeister Josef Robl und Pfarrer Thomas Stohldreier nach dem Gedenkgottesdienst einen Kranz am Schirmitzer Mahnmal nieder.
von Christine Walbert Kontakt Profil

Soldaten und Reservisten in Uniform, Fackelzug zum Kriegerdenkmal, Kranzniederlegung und eine würdige Ansprache des Bürgermeisters – all das wird es heuer zum Volkstrauertag in Weiden und im Landkreis Neustadt nicht geben. Die strengen Bestimmungen während der Coronapandemie lassen nur ein stilles Gedenken im kleinen Kreis zu.

Dieter Mirus, Major a.D., hat in seinem langen Leben viele würdige Gedenkfeiern miterlebt. Der 83-jährige Böhmischbrucker hat als Soldat unter anderem auch in Weiden an Volkstrauertagen aktiv teilgenommen und kann deshalb viel über den Stellenwert dieser Tage im Zeitverlauf berichten.

Mirus kam 1937 in Leipzig zur Welt, wuchs in Dresden auf und machte dort sein Abitur. 1957 trat er in die Bundeswehr ein und wurde während seiner Dienstzeit mehrmals versetzt. Von 1967 bis 1975 diente er in Weiden und wurde auf eigenen Wunsch am Ende seiner Laufbahn von 1989 bis 1991 wieder in die kreisfreie Stadt versetzt. Seit Oktober 1990 wohnt er mit seiner Frau in Böhmischbruck. 15 Jahre lang engagierte sich der Senior als Kreisvorsitzender des Bayerischen Soldatenbunds. Die Krieger- und Soldatenkameradschaft Böhmischbruck lässt er bis heute nicht im Stich und bleibt als zweiter Vorsitzender in der Verantwortung.

Verständnis für die junge Generation

Der Major a.D. meint, die Teilnahme an den Volkstrauertagen schwinde mit der Anteilnahme und vor allem dem persönlichen Bezug der Leute. Mirus erkennt das Problem: "Es ist anders, wenn man tatsächlich betroffen war. Früher war der Verband der Heimkehrer stark vertreten und eine ganze Menge Bevölkerung. Aber es ist doch nachvollziehbar, dass es jetzt, zwei Generationen weiter, nicht mehr so interessant ist." Der letzte Kriegsteilnehmer der KSK Böhmischbruck sei vor einigen Jahren verstorben. Es gebe fast keine Kriegerwitwen mehr. Und so gehe das öffentliche Interesse immer weiter zurück. Daran könne auch der Versuch, dem Volkstrauertag durch die Besetzung mit internationalen Themen eine breitere Basis zu verleihen, nichts ändern. Trotzdem findet Mirus es wichtig und richtig, dass die Bürgermeister alljährlich in ihren Reden unermüdlich auf die Wichtigkeit der Friedensbemühungen in aller Welt hinweisen.

Fragt man den Senior nach seiner persönlichen Meinung zum Volkstrauertag, stellt er klar, dass er sich nur durch die Verwendung von bestimmten Begriffen nicht abstempeln lasse: "Für mich war das immer der Heldengedenktag. Wenn jemand für sein Land stirbt, dann darf man das so sagen – auch bei Wehrmachtssoldaten. Das hat für mich mit Nazitum nichts zu tun." Für ihn sei der Ausdruck nicht negativ behaftet. Er denkt dabei viel mehr an die zahllosen Opfer und schlimmen Schicksale. So könne er sich noch gut an die letzte Begegnung mit seinem Onkel erinnern. Der Bruder seiner Mutter verbrachte seinen Heimaturlaub während des Zweiten Weltkriegs bei der Familie. "Danach ist er in Stalingrad gefallen. Wir wissen nicht, ob es ein Grab gibt oder ob er noch in Gefangenschaft war", meint Mirus.

Neuer Chef im Bezirk des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge

Weiden in der Oberpfalz

Heuer keine Haussammlungen

Mit schwindendem Interesse der Bevölkerung hat auch Richard Berger, BSB-Kreisvorsitzender aus Pleystein, zu kämpfen. Die alljährlichen Sammlungen für den Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge gestalten sich seiner Meinung nach immer schwieriger. Wegen der Coronapandemie hat er nun mit seinen 17 Vereinen im Altlandkreis Vohenstrauß heuer entschieden, die Sammelbüchsen an Allerheiligen an den Kirchen und Friedhöfen aufzustellen. Auch in einigen Geschäften habe man die Büchsen für die Kriegsgräberfürsorge deponiert. "Wir müssen schauen, was dabei herauskommt", meint Berger.

"Ich habe selbst 35 Jahre gesammelt. Das Interesse nimmt immer mehr ab in der Bevölkerung. Irgendwann wird das einschlafen. Es sucht ja auch fast kein Angehöriger mehr das Grab eines Gefallenen." Ähnlich werde es mit den Feierlichkeiten zum Volkstrauertag – ganz unabhängig von Corona. "Aber ich versuche schon, den jungen Leuten klarzumachen, warum wir an dem Tag am Kriegerdenkmal stehen und an die Gefallenen und zivilen Opfer der Kriege denken. Das sollte nicht ganz in Vergessenheit geraten."

Alfons Kollmer aus Hemau, Pressebeauftragter des Bayerischen Soldatenbunds (BSB) 1874 e.V., erklärt auf Anfrage von Oberpfalz-Medien, dass heuer wohl nur wenige BSB-Kreisverbände für den Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge sammeln würden. "Manche Ortsvereine gehen ja schon seit Jahren nicht mehr von Haus zu Haus. Heuer kann man es unseren Leuten nicht zumuten, da die meisten von uns ja zur Risikogruppe gehören", sagt der BSB-Sprecher. Stattdessen würden etliche Vereine der Kriegsgräberfürsorge eine Spende überweisen.

Es ist anders, wenn man tatsächlich betroffen war. Früher war der Verband der Heimkehrer stark vertreten und eine ganze Menge Bevölkerung. Aber es ist doch nachvollziehbar, dass es jetzt, zwei Generationen weiter, nicht mehr so interessant ist.

Dieter Mirus, Major a.D., über die Bedeutung von Volkstrauertagen

Dieter Mirus, Major a.D., über die Bedeutung von Volkstrauertagen

Der Volkstrauertag 2018 in Altenstadt bei Vohenstrauß: Bürgermeister Andreas Wutzlhofer legt neben den Fahnenabordnungen vor dem Kriegerdenkmal einen Kranz nieder. So wird das im Coronajahr 2020 nicht ablaufen.
Hintergrund:

Volkstrauertag: Landratsamt Neustadt verweist auf neue Rechtslage

  • Nach der achten Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung sind im November alle Veranstaltungen untersagt.
  • Damit sind Ansprachen am Kriegerdenkmal sowie Kranzniederlegungen nur sehr eingeschränkt möglich.
  • Der Hauptteil des Gedenktages kann in der Kirche abgehalten werden, da Gottesdienste mit Infektionsschutzkonzept weiter zulässig sind. Voraussetzung sind die Einhaltung der geltenden Abstandsbeschränkungen von 1,5 Metern und die Maskenpflicht.
  • Persönliche Einladungen sollen die Einhaltung der Höchstteilnehmerzahl sicherstellen.
  • In den Gottesdienst können Reden der Bürgermeister eingebunden werden.
  • Blasmusik ist unter Einhaltung der 2-Meter-Abstandsregel möglich.
  • Von Prozessionen zum Kriegerdenkmal wird abgeraten.
  • Die Kranzniederlegung am Kriegerdenkmal sollte nur durch zwei Personen erfolgen. Hintergrund: Der gemeinsame Aufenthalt im öffentlichen Raum ist auf zwei Hausstände und maximal zehn Personen beschränkt.

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