18.09.2020 - 11:15 Uhr
BrandOberpfalz

Alles aus einer Handwerkerhand

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Neudeutsch müsste man ihn Heimwerkerkönig nennen. Michael Prechtl aus Neubrand deckt sein Gartenhaus mit selbstgemachten Schindeln. Auch sein Werkzeug ist zum Teil Marke Eigenbau.

Eine Lärche, abgesägt auf eine verwertbare Länge stand am Beginn der Dacheindeckung mit selbsgemachten Schindeln.
von Bertram NoldProfil

Bei Annäherung an den Schuppen ist fast nichts zu hören; ab und zu ein Knacken. Ruhige Musik unterstreicht die friedliche Stille. Michael Prechtl hat in einem Nebengebäude in Neubrand seine Schnitzbank in die Sonne zum Eingang gerückt und arbeitet an kleinen Holzbrettchen, was auch das eben vernommene leise Knacken verursacht. Zwischen einem Berg an hölzernen "Locken", Körben mit fertigen Teilen und daneben nicht brauchbaren Abfällen, stellt er Schindeln für sein Gartenhaus her.

Auf keinen Fall Blech

Als das Grundgerüst des Häuschens im Grünen mit einem romantischen Sitzplatz darunter fertig war, galt es, sich um eine Dacheindeckung zu kümmern. Biberschwanz-Ziegel kamen infrage, doch der Grat hätte am Ende mit halbrunder Bedeckung nicht gut ausgesehen. Bitumen-Schindeln gefielen ihm nicht und Blech ist kein Werkstoff, mit dem Michael gerne arbeitet. Aber Holz ist es, denn damit arbeitet er schon lange, er ist auch leidenschaftlicher Drechsler. Schon sein Opa liebte diesen lebenden Werkstoff, den die Natur produziert und der sich schön bearbeiten lässt. Holzschindeln kann man kaufen; etwa 1500 Euro hätten sie ihm gekostet plus Steuer plus Versandkosten und, und, und.

Der Entschluss war gefallen: Der Erbauer des Pavillons wird die Schindeln selbst anfertigen. Heutzutage hilft das "world wide web" und eben auch in diesem Falle. "Ich habe jede Menge Videos angeschaut und daraus viel gelernt", erklärt der begabte Hobbybastler und dann ging's an Werk. Mit dem Förster wurde im Wald eine Lärche ausgesucht, möglichst gerade und mit wenig Ästen im unteren Bereich; eine, die sich eben zum Schneiden eignet. Die wurde dann bald gefällt und mit dem eigenen Traktor nach Hause geschafft. Etwa 33 Zentimeter lange Scheiben wurden abgesägt, dann konnte der Weg zur Schindel beginnen.

Das Splintholz - das physiologisch noch aktive Holz, zu erkennen an der helleren Farbe - muss weg und der Kern muss raus. Das geschieht mit dem Holzspalter, der das Holzstück auf verwendbare Teile scheibchenweise verkleinert. Dann kommt ein selbstgebautes Werkzeug zum Einsatz: das Schindelmesser. Das abgewinkelte Messer wird an einem langen Griff - selbstverständlich selbst gedrechselt - festgehalten, auf das noch zu dicke Brettchen gesetzt und mit dem ebenso selbstgedrechselten Klöpfel aus Buchenholz mit einem kräftigen Schlag zerteilt.

Eine Binde am Gelenk

Das Buchenholz macht den hölzernen, runden Hammer sehr schwer und das kräftige Zuschlagen hat seinen Preis: Michaels Ellenbogengelenk ist mit einer elastischen Binde umwickelt. Aufgeben heißt das aber noch lange nicht, eher wird die Idee zu Verbesserung geboren. Dem schweren Klöpfel macht man einfach um einen halben Kopf kürzer und damit leichter. Das hilft! Nun ist das "Projekt Schindel" fertig, allerdings nur in Rohfassung. Noch zehnmal muss es Michael in die Hand nehmen, bis es an allen Seiten eben und glatt genug ist. "Warum nicht in die Hobelmaschine? Es kommt glatt heraus und alle Schindeln sind gleich dick." Das würde die Fasern zerstören und konnte Risse im Holz zur Folge haben. Lieber per Hand und mit etwas mehr Mühe. Das geschieht nun auf der Schnitzbank.

Eine solche hat ihm sein Opa hinterlassen, doch war ihm diese zu groß. Michaels Fuß war zu kurz dafür. Wie das sein Großvater gemacht hat, der auch nicht groß war, kann er nicht sagen. Michael hat sich einfach eine nachgebaut, die seinen Körpermaßen entspricht. Damit kann er nun mit einem Fuß die fast fertige Schindel zwischen Auflage und Kopf einklemmen und mit dem Schnitzmesser bearbeiten. Dabei entstehen diese schönen, sich rundenden Holzlocken, von denen ein großer Haufen am Arbeitsplatz liegt und auch angenehmen Geruch verbreitet.

Immer wieder fährt Michael mit dem Schnitzmesser mit den zwei Griffen über das Brett, bis es endlich die richtige Stärke und Breite hat und glatt genug ist. Nun kommt doch noch die Technik zum Einsatz: die Kappsäge sorgt für die richtige Länge und für die passende Schräge am unteren Ende. 187 laufende Meter werden die Schindeln zusammen ergeben, wenn sie alle fertig sind und nacheinander aufgereiht werden könnten.

Die Dachneigung in Jahren

Seit Ende Juli arbeitet Prechtl daran, im September noch soll das Werk fertig sein. Dann sind auch 5000 Schindelnägel aus Edelstahl verkloppt. Kein Unterbau, nur eine Lattung hält die Schindeln zusammen. "Wie lange soll das denn halten?" "Faustregel: Die Dachneigung in Jahren! Ich habe 20 Grad und 30 Grad!" Alles klar!

Bereut hat Michael Prechtl es nicht, dass er sich für diese mühevolle Arbeit entschieden hat: "Es ist halt Handarbeit und es ist was Eigenes, das nicht jeder hat!" Und das entschädigt für mehrere hundert Stunden ebenso wertvoller wie mühevoller Handarbeit.

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Hintergrund:

Vom Programmierer zum Hobbyschreiner

Es ist schon interessant, sich den Werdegang des Hobbyschreiners Michael Prechtls anzuhören. Als Programmierer war er bei einer großen Firma tätig. Ständig im Ausland auf riesigen Baustellen, oft Monate lang. Das war nicht sein Ding. Deshalb wechselte er die Firma. Dort gefiel es ihm, half aber grundlegend auch nicht weiter. Oft unterwegs, selten daheim und er hatte kaum mehr Freizeit. Ausübung seiner Hobbys und fällige Arbeiten im Haus geschahen unter Zeitdruck. Da erfuhr er von seinem Vater von einer freien Stelle, die beim Wasserzweckverband "Oberes Fichtelnaabtal" ausgeschrieben war. Er bewarb sich erfolgreich als Elektriker. Die Umstellung sei schon heftig gewesen, es ist ja doch eine andere Welt; doch nun war Zeit für Hobbys und Holzmachen und vieles mehr. Der geringere Lohn war kein Problem. Dafür sparte er Fahrzeit und Fahrtkosten. Keine Karriere also um Aufstieg, Titel und mehr Gehalt; stattdessen Suche nach Rhythmus und Ruhe und das in möglichst in der Heimat, die ihm ganz offensichtlich am Herzen liegt. Er hat es nicht bereut! Die Ausgeglichenheit und die Zufriedenheit, die er bei seiner Arbeit ausstrahlt -man möchte sich am liebsten neben ihn setzen, zuschauen und dabei diese friedliche und beruhigende Stimmung aufsaugen - sind der beste Beleg dafür.

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