20.09.2019 - 11:54 Uhr
BrandOberpfalz

Folgsame Landschaftspfleger

Im Gemeindebereich Nagel, in Errlohe, fallen hektargroße Einzäunungen auf. Axel Götte betreibt hier seine Schäferei, die Hand in Hand mit dem Umweltschutz geht.

von Bertram NoldProfil

Nein! Im Wohnzimmer in Filpantoffeln vor dem Fernseher sitzend kann man sich Axel Götte weiß Gott nicht vorstellen. Da ist die Situation, so wie man ihn antrifft, schon stimmiger: Bei nicht unbedingt einladenden Temperaturen bei einem Bier vor seinem Gartenhaus, von wo aus er seine Schafe beobachtet. Er liebt die Natur, lebt in ihr und mit ihr und das ganz bewusst und intensiv. Seine Schafe sind der Grund dafür und das seit nunmehr 30 Jahren. Reiterfreunde kennen ihn noch, als er mit ihnen unterwegs war, manches Mal etwas unkonventionell mit seinem „Prinz“ die Gruppe verlassend, um schnell mal zu überholen, und sich an den Kopf der Gruppe zu setzen. Ein Pferd hat Axel Götte noch, dazu stehen zwei Pensionspferde auf der Weide. Und Schafe! Alles groß und weitläufig! Und blitzsauber „gemäht“; nicht vom Traktor und schon gar nicht vom Roboter. Seine „Bio-Rasenmäher“, die Schafe – 90 Stück derzeit – sind auf drei Herden verteilt und sie leisten diese wertvolle Arbeit für die Umwelt. Wer würde denn sonst die weiten Flächen pflegen, die kaum Ertrag bringen und deshalb für die Landwirtschaft uninteressant sind? Da sind die Umweltverbände schon sehr froh, dass es Leute wie den Axel gibt, der mit seinen Schafen Abhilfe schaffen kann. 20 Hektar Naturschutzflächen lässt er mittlerweile beweiden und selbstverständlich belohnt der Staat eine derart wertvolle Landschaftspflege. Wichtiger ist, dass sich die Auftraggeber auf Axels jahrzehntelange Erfahrung verlassen können. Mit finanzieller Unterstützung die nötige Infrastruktur angeschafft, Fläche eingezäunt, die Sonne bringt den Strom und das Problem ist gelöst. Dann muss er halt schon dreimal mit dem Hänger fahren, um die notwendige Zahl von Tieren dort anzusiedeln.

Nicht alle Rassen eignen sich für solche Aktionen. Von seinem Wohnhaus aus überall Weideflächen. Ganz in der Nähe stehen auf zwei, drei Hektar Schafe mit dunklem Fell. „Soay-Schafe“ sind das, erklärt Axel Götte. Auf einer schottischen Insel gibt es diese. Dorthin hat man die Tiere einmal gebracht und sich selbst überlassen. „Es ist quasi das Ur-Schaf!“ Durch natürliche Auslese hat sich eine eigene Rasse gebildet, die man nicht scheren muss. Und das ist ein großer Vorteil. 40 Schafe zu scheren, wie er es tun musste, als er noch Heidschnucken hatte, ist ein Kraftakt und wer das einmal gemacht hat, erklärt er, der weiß am Abend ganz genau, was er getan hat. Ein erfahrener Züchter hilft sich selbst. Es gibt schon immer Kurzhaarschafe, etwa die Wiltshire-Rasse aus England. Die hat Axel Götte in seine „Soay“-Herde eingekreuzt und immer wieder selektiert, sodass er mittlerweile 40 Stück hat, die er nicht scheren muss. Die Böcke stehen immer Hohenbrand, eine weitere Herde ausgesuchter Tiere zum Schlachten in Reichenbach. Am Wohnhaus hält er die, die so in etwa seinem Zuchtziel entsprechen. Erst kürzlich hat er sich in Magdeburg einen Wiltshire-Hornbock geholt, der nun mit 19 Damen zusammen ist und für Nachwuchs sorgen muss. Alles sieht nach viel, viel Arbeit aus, doch das täuscht. Im Sommer gar nicht, wenn dann die Lammzeit kommt, schaut es etwas anders aus. Sein Heu macht er selbst und einmal im Jahr wird der Stall gemistet, wo die Tiere im Winter sind; dann allerdings stark reduziert auf rund 40 Stück. Die anderen werden geschlachtet, wobei bei der Auswahl auch die Hörner eine Rolle spielen. Axel legt Wert auf Schafe mit Hörnern, denn wie sonst soll man ein Schaf fangen, wenn nicht mit Hilfe dieser gewachsenen „Griffe“. Sein Kundenstamm ist groß und das Fleisch ist heiß begehrt. Nur halbe und ganze Schafe gibt es bei ihm, wenn sie im Schlachthof in Marktredwitz geschlachtet worden sind. Leid tun ihm die Tiere nicht, auch wenn er sie alle kennt, denn „jedes Schaf hat ein anderes Gesicht“. „Artgerecht halten und ordentlich schlachten!“ So muss es sein, dann ist er zufrieden. Dass dem so ist, wird angesichts des Paradieses, das er seinen Tieren geschaffen hat und angesichts seiner allgemeinen Tierliebe, niemand bezweifeln. Das ist eben eine andere Kategorie von „Tierwohl“ als jene, die in der Verfassung steht und immer noch grausame Tiertransporte und betäubungsloses Kastrieren der Ferkel zulässt.

Ohne Hilfe ging das alles nicht so leicht! Seine Hündin „Stella“ braucht er dringend. „Walk on!“ und Stella duckt sich ruckartig und pirscht sich an die Schafe an. Sie zusammenzuhalten ist Stellas Aufgabe und die erledigt sie leidenschaftlich. Als wäre sie ferngesteuert! „Lay down!“ und Stella sitzt und bleibt. „Sie muss unbedingt folgen, sonst wird es chaotisch“, sagt Axel. Drei solche „Border Collies“ hat er davon, die beiden jüngeren brauchen erst noch etwas Erziehung und Übung.

Wie steht ein Schafzüchter im Fichtelgebirge denn zum Wolf? Axel glaubt nicht, dass er kommt, denn das Gebiet eigne sich nicht. Sollte er kommen, dann müsse natürlich entschädigt werden und auch um eine Reduzierung dews Wolfes werde man dann nicht herumkommen. Es gebe zwar Herdenschutzhunde wie in den Karpaten, aber solche Hunde zu halten, sei keineswegs einfach. Da habe man dann eher ein Problem mit dem Hund als mit dem Wolf. Gelöst ist das Problem noch nicht! Noch an anderes hat Axel Götte, wie viele andere Haus- und Grundstücksbesitzer auch. Wie geht`s weiter? Im pensionsfähigen Alter denkt er schon darüber nach. Es soll doch weitergehen, wo nun alles aufgebaut ist. Sein Sohn ist nicht so interessiert an dieser Aufgabe und da hat er auch schon an eine Schäfer-Praktikantin gedacht, bislang nur eine Idee und damit weiterhin Theorie.

Am Sonntag ist Axel Götte wieder auf dem Brander Schaffest, wo auch Stella ihren großen Aufritt haben wird. Aber auch die Schafe werden die Besucher faszinieren, wenn sie von ihrem Besitzer hören: „Alle Schafe aus dem Hänger!“ Dann trotten sie brav mit gesenktem Kopf der Reihe nach heraus, und ein entsprechender Befehl – gar nicht im Befehlston – reicht, wieder zurücktrotten; zur Freude und zum Erstaunen der Zuschauer. Damit werden sie ihrem Ruf gerecht, brav und folgsam zu sein. Ein Schaf ist nun einmal ein Schaf!

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