02.02.2021 - 14:52 Uhr
BrandOberpfalz

Komponist verhindert selbst ein Max-Reger-Museum in Brand

Heinrich Hans von Ohlendorff war eng mit Komponist Max Reger befreundet. Er stiftete sogar eine Gedenktafel für dessen Geburtshaus in Brand. Mit Hans Schellein wollte er auch ein Reger-Museum initiieren. Das verhinderte aber Reger selbst.

Die Vorderseite dieser Postkarte von 1913 zeigt das Geburtshaus von Max Reger. In der Mitte zwischen den Fenstern befindet sich die bronzene Gedenktafel, die sein Freund Freiherr Heinrich Hans von Ohlendorff stiftete.
von Bertram NoldProfil

Vieles in Brand weist auf Max Reger hin: Max-Reger-Gedächtniszimmer, Max-Reger-Straße, Max-Reger-Brunnen und der Männergesangverein "Max Reger". Die Gemeinde könnte auch ein Max-Reger-Museum haben. Verhindert hat das aber der Maestro selbst. In einem Brief an seinen Freund Freiherr Heinrich Hans von Ohlendorff macht er seinen Widerstand gegen ein solches Vorhaben deutlich.

Ohlendorff nimmt unter den Freunden Max Regers eine besondere Stellung ein: "Der geborene Sohn eines Hamburger Großkaufmanns vereinte die Vorzüge des begeisterten Musikliebhabers und schwärmerischen Regerverehrers mit denen eines praktisch denkenden Geschäftsmannes und archivarisch veranlagten Sammlers", schreibt die Leiterin des Max-Reger-Instituts Karlsruhe (MRI), Prof. Dr. Susanne Popp, in den Mitteilungen des MRI aus dem Jahr 2005. Diesem Heft sind auch die folgenden Informationen entnommen.

Treffen beim Regerfest

Seit 1910 war Ohlendorff Vorstandsmitglied der Philharmonischen Gesellschaft in Hamburg, die Reger wiederholt zu Konzerten verpflichtete. Dort waren sich die beiden begegnet, als Reger am 3. Februar 1908 ein Konzert gab. Einem Treffen beim Dortmunder Regerfest folgte ein erstes Geschenk Ohlendorffs: Ein großes Bild von Johann Sebastian Bach, das Reger in seinem Arbeitszimmer so platziert hatte, dass er es sah, sobald er den Kopf vom Schreibtisch hob. Am Tag nach seinem 30. Geburtstag hielt Ohlendorff Rückschau und schrieb am 26. August 1910 an Regers Frau Elsa: "Gott, meinen Eltern und vielen, die ich lieb habe, schulde ich viel Dank! Und wenn ich mich frage, wen ich lieb habe und wen ich unendlich verehre, so lautet die Antwort: Ihren Mann!"

Gedenktafel in Bronze

Er wollte Reger ein Geschenk machen: "Man hat jüngst Richard Strauß für dessen Geburtshaus eine Gedenktafel gestiftet. Ich stifte das Gleiche für das Geburtshaus Ihres großen Gatten, nicht prunkvoll in Marmor mit vielen Ornamenten - einfach ehrwürdig und fein! in Bronze gegossen." Da zur Anbringung der Bronzetafel die Erlaubnis der Bayerischen Staatsregierung eingeholt werden musste, vergingen knapp drei Jahre, bis Reger im Mai 1913 mit einer Ansichtskarte des Hauses samt Tafel überrascht wurde, von der er nichts wusste. Davon berichtete er dem Herzog Georg II. von Meiningen.

So sehr er sich über die Ehrung freute, so nüchtern betrachtete er den Versuch Ohlendorffs mit Unterstützung des späteren Brander Chronisten Hanns Schellein, aus seinem Geburtshaus ein Museum zu machen. Am 26. Juni 1913 schrieb er an seinen Freund: "Ein 'Reger-Museum' dahin zu legen, wäre ja der größte Unsinn. Also: Lassen wir die Sache so wie sie bis jetzt gewesen ist." Das besondere Verhältnis der Familie Reger zu Ohlendorff zeigt sich darin, dass er die Vormundschaft für ihrer Kinder übernahm. Ein Schlaganfall von Regers Mutter weckte in Elsa düstere Gedanken: Am 2. Oktober 1910 bat sie Ohlendorff ohne Wissen ihres Mannes, Vormund ihrer Kinder zu werden, "wenn wir plötzlich sterben sollten", und setzte ein formloses Testament auf. Zunächst kam der nüchterne Geschäftsmann zum Vorschein, als Ohlendorff am folgenden Tag antwortete: "Gnädige Frau, die Form Ihres kleinen Testaments genügt nicht. Ich würde damit nie vor Gericht bestehen können. Sie müssen mit Ihrem Mann ein regelrechtes Testament beim Rechtsanwalt machen." Und vor allem: "Sie müßten auch über Ihre wertvollen Manuskripte und Briefschaften testieren."

Verschollene Jugendlieder

Am 15. Juli schrieb Reger seinem Freund: "Unser Testament haben wir gemacht; Du bist zum Vormund unserer zwei Kinder feierlichst ernannt worden." Ohlendorff fühlte sich geehrt und schritt als "Bewahrer" gleich zur Tat: "Wer wird über Deinen musikalischen Nachlaß verfügen? Ich habe mir übrigens vorgemerkt, daß Riemann, Dein früherer Lehrer, so viele Jugendwerke von Dir besitzt. Die möchte ich nach seinem Tode der Witwe abkaufen. Denke doch auch hieran!! Hast Du die Manuscripte, die Deine Mutter besaß, zurück?" Reger forderte seine Schwester Emma auf, ihm als einziges Erbe seine frühen Autographen - es handelte sich um zwei Hefte mit Jugendliedern - zu senden. Ihre heftige Reaktion traf ihn unerwartet: "Du hast mir damit den letzten Strohalm für meine Zukunft genommen. Warum nimmst Du sie Deiner Schwester, während Lindner sie jetzt behalten kann? [...] Dortmals warfst Du die Noten achtlos bei Seite." Beleidigt, da er der Schwester monatliche Unterhaltszahlungen leistete, sandte Reger die Hefte retour, die heute als verschollen gelten müssen - nach Aussage der Schwester gingen sie "auf dem Postweg verloren".

Ohlendorff blieb auch nach Regers Tod in Kontakt mit Elsa, die ihn 1947 zum Ehrenmitglied des von ihr gegründeten Max-Reger-Instituts ernannte. Sein ursprüngliches testamentarisches Versprechen, "daß sämtliche gedruckten Regerwerke meiner Sammlung, sämtl. Manuscripte, Briefe, Photographien in den Besitz Deiner beiden Kinder übergehen sollen [...]. Um Deine sämtl. Werke sollen die beiden Mädels losen, damit sie zusammen bleiben!", hielt er nicht ein und entschloss sich stattdessen 1950 zum Verkauf der Erstdrucksammlung.

Die Bände wurden dem mittel- und dokumentenlosen Max-Reger-Institut für 3000 Mark angeboten, bei einem Jahresetat von knapp 5000 Mark eine unerschwingliche Summe. Stattdessen erwarb die Städtische Musikbibliothek München die komplette Sammlung. Mehr Erfolg hatte das Max-Reger-Institut im Jahr 1965: Ohlendorff verkaufte ihm zu einem moderaten Preis von 15.000 DM alle ihm von Reger geschenkten Manuskripte - die Skizzen zu mehreren Opera, die Reinschriften der Orgelstücke opus 129 und der Orgelbearbeitung von op. 82 und viele weitere wertvolle Dokumente.

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