11.06.2021 - 12:30 Uhr
BrandOberpfalz

Das Marterl vom "Zusl": Ein Kleinod kehrt zurück

Diesen Artikel lesen Sie mit
Alle Informationen zu OnetzPlus

36 Jahre war es verschwunden, nun kehrt es wieder zurück: das Marterl, das einst "beim Zusl" stand. Ein Brander, der das Flurdenkmal vermisste, hat es ausfindig gemacht und sich um dessen Restaurierung gekümmert.

Das Marterl an seinem ehemaligen Platz "an der Gass" mit dem zweifarbigen Vorbau des Hauses im Hintergrund. Das Haus ist heute zugewachsen und nicht mehr zu sehen.
von Bertram NoldProfil

Es passt in die Zeit, in der sich die Gemeinde Brand erneuern soll: zurück in die Zukunft. Es passt zur Wiederbelebung des Ortskerns, bei der man sich auf seine Geschichte und seine Entwicklung besinnt, um Bewusstsein zu schaffen für den Wert ihrer Wurzeln. Dazu gehört auch ein altes Marterl, dem mit großem Engagement, mit viel Liebe zum Details und vor allem in gemeinschaftlicher Zusammenarbeit aller Interessenten wieder zu seiner Wertigkeit verholfen wurde, das es einmal hatte: ein Mosaiksteinchen im Rahmen des Städtebauprojekts, aber eines, das nicht fehlen darf.

Platz "beim Zusl"

Das Marterl stand einmal vor dem heutigen Anwesen Ebnather Straße 10, früher Haus Nummer 47 von Brand, in der Chronik nach seinem Hausnamen „beim Zusl“ genannt. Errichtet hat es nach der Jahrhundertwende Alois König, Schwiegervater von Johanna König (1899 bis 1985), den meisten noch bekannt als „Gasszuslin“, weil ihr Haus eben in der Gasse entlang der Einfahrt in den heutigen Birketweg stand. Anlass war die Dankbarkeit des Erbauers anlässlich der Fertigstellung des eigenen Hauses, das laut Häuserverzeichnis 1899 entstand.

Nach Johannas Tod 1985 erwarb das Berliner Ehepaar Vera und Kurt Wermann das Anwesen als Zweitwohnsitz. Zu diesem Zeitpunkt war das Marterl, mittlerweile 80 Jahre alt, stark von den Witterungseinflüssen gezeichnet. Das Holzgehäuse war fast vollständig aufgelöst, die Madonna befand sich bereits im Wohnhaus und die Granitsäule wurde entfernt. Damit schien die Zeit des Marterls abgelaufen zu sein. Es war verschwunden - und das über 36 Jahre.

Nachforschungen zum Verbleib

Der Weg zur Arbeit von Hans Doleschal aus der Ebnather Straße 24 zur Firma Schiettinger führte ab 1960 täglich daran vorbei und nun fehlte plötzlich etwas, an das er sich gewöhnt hatte. Die Lücke ließ ihm keine Ruhe. 2019 stellte er Nachforschungen zum Verbleib des Marterls an.

Das Anwesen von Johanna König ist mittlerweile mehrere Jahre unbewohnt. Uschi König, die einmal im Birketweg und damit in der Nachbarschaft wohnte, kannte die Adresse des mittlerweile 92-jährigen Kurt Wermann in Berlin, seine Frau starb 2009. Von Wermann erhielt Hans Doleschal Informationen über den Verbleib des Marterls. Er wusste, dass Granitsäule und Madonna einer ihm unbekannten Verwandten von Johanna König übergeben wurden.

Uschi König konnte auch hier weiterhelfen. Johanna König war die Patentante von Johanna Kern, die die Brander als „Schmidt-Hanni“ kennen. Sie und ihr Ehemann Hans Kern – sie wohnen in Eschenbach - hatten die Reste des Marterls damals gesichert. Die Granitsäule wurde zu einem Grundstück des Hans Kern in Neubrand gebracht und dort gelagert, die beschädigte Madonna wurde in ihrer Wohnung in Eschenbach sicher aufbewahrt.

Suche nach Standort

Die Einzelteile des Marterls waren nun wieder da und für Hans Doleschal samt Familie war klar, dass es wieder zum Leben erweckt werden soll, was für den gelernten Holzfachmann kein Problem sein sollte. Nun fehlte nur noch ein Standort - am alten war das Aufstellen nicht mehr möglich. Laut Katalogisierung von 1974 stand das Kleinod zum Zeitpunkt der Errichtung am damaligen östlichen Ortsende von Brand. Was lag näher, als am jetzigen östlichen Ortsende von Brand einen neuen Standort zu suchen.

Im Anschluss an das Grundstück von Elisabeth und Wolfgang Doleschal, an der Zufahrt zum Flurweg nach Fuhrmannsreuth, befand sich eine bislang ungenutzte verwilderte Ecke, die im Besitz der Gemeinde Brand ist. Nach Zustimmung der Gemeinde zu diesem neuen Standort und mit maschineller Unterstützung durch den Bauhof der Gemeinde und Roland Schreyer von der Firma Reiß & Schreyer gestalteten Elisabeth und Wolfgang Doleschal das Umfeld des neuen Standortes.

Nach einem mit Kreisfachberater Harald Schlöger erarbeiteten Entwurf wurde eine kleine Granittrockenmauer zur Abgrenzung an das Privatgrundstück errichtet. Der neue Standort wurde so gewählt, dass er genau in der Verlängerung der Mittelachse vom Fußweg zwischen Brand und Fuhrmannsreuth liegt. Von Fuhrmannsreuth kommend, läuft man also direkt auf das Marterl zu. Links und rechts wurden Hortensien gepflanzt, vor dem Marterl steht ein kleiner Rosenstock. Links davon wurden Wildblumen für Insekten und Bienen angesät. Falls es die Platzverhältnisse zulassen, soll später auch noch eine Ruhebank rechts neben dem Marterl errichtet werden.

Flurdenkmäler katalogisiert

Wertvolle Arbeit leistete 1974 Karl Dill aus Bayreuth mit dem damaligen Gemeinderat und späteren Bürgermeister Alois Köstler. Sie suchten die Flurdenkmäler in der Gemeinde Brand auf, erfassten deren Geschichte sowie die äußeren Details und schufen einen Katalog aller Flurdenkmäler in der Gemeinde Brand. Dieser Katalog half nun auch Hans Doleschal, das „Marterlhaus“ in Originalgröße aus Eichenholz nachzubauen. Das Eichenholz stellte Gerlinde König aus Neugrünberg unentgeltlich zur Verfügung. Die Verglasung übernahm der „neue Nachbar“ des Marterls, Johannes Glowka. Hans Doleschal ließ das Dach des „Marterlhauses“ originalgetreu wieder mit Kupferblech eindecken. Familie Hans Kern ließ die beschädigte Madonna auf eigene Kosten restaurieren. Unter dem Dach ergab sich wie im Original ein kleines Fach. Dort soll nach der Idee von Wolfgang Doleschal die niedergeschriebene Geschichte hinterlegt werden, um sie für spätere Generationen zu erhalten.

Mehr Historisches aus dem Fichtelnaabtal

Fichtelberg
So sind alle Flurdenkmäler in einem Katalog aufgelistet. Karl Dill und Alois Köstler haben damit gemeinsam ein wertvolles Werk geschaffen.
Mit großem Engagement hat Hans Doleschal das Marterlhaus originalgetreu nachgebaut, ebenso wurde der Platz in Zusammenarbeit vieler Kräfte neu geschaffen.
Service:

Einweihung am Sonntag

Am Sonntag um 14 Uhr wird das sanierte und teils erneuerte Marterl von Pater Joy gesegnet. Wolfgang Doleschal hat dafür einen Flyer geschaffen, auf dem das neue Marterl abgebildet und auf dessen Rückseite dessen Historie in allen Einzelheiten geschildert ist. Der Flyer wurde an alle Bewohner der Ebnather Straße verteilt. Nach der Segnung, zu der herzlich eingeladen wird, gibt es für die Teilnehmer Kaffee und Küchlein.

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.