08.06.2021 - 08:58 Uhr
FichtelbergOberpfalz

Fichtelberger Turnhalle hat 100. Geburtstag: Mit Herzblut und Engagement gebaut

Leistungsstärke war schon beim Bau der Sporthalle gefragt: Vor 100 Jahren machten sich die Mitglieder des TSV Fichtelberg an den Bau ihrer Sportstätte. Ein lange gehegter Wunsch der Turnerinnen und Turner ging damit in Erfüllung.

Die Turnhalle auf einer alten Postkarte, leider ohne Jahreszahl.
von Gisela KuhbandnerProfil

„Disziplin, Opferbereitschaft und Idealismus waren Voraussetzung für eine Vereinszugehörigkeit im örtlichen TSV“: So steht es in der Chronik zum 100-jährigen Bestehen des Turn- und Sportvereins im Jahr 2011. Mit all diesen Eigenschaften sowie Mut, Feuereifer und viel Herzblut machten sich zehn Jahre nach der Gründung 120 Sportlerinnen und Sportler an ein großes Werk: den Bau einer Turnhalle mit „Turnerplatz“, ein langgehegter Wunschtraum für die Fichtelberger Turnerinnen und Turner.

Arbeiten bis Mitternacht

Der Turnverein unter seinem Vorsitzenden Anton Krug erwarb dazu vom Forstamt ein "eineinhalbgroßes Tagwerk Gelände“. Feste, Tanzveranstaltungen und Theaterspiele brachten den Kassenstand auf 4255 Reichsmark – nicht in einer Zeit des Überflusses, sondern der Not.

Am 17. Dezember 1920 wurde Otto Lindner zum Vorsitzenden und am 26. Februar 1921 ein Bauausschuss gewählt. In Arbeitsgruppen rodeten die Turner das Grundstück, planierten den Platz, sprengten 390 Quadratmeter Granitbruchsteine heraus und gruben nach Bausand – alles nach Feierabend, oft sogar bis Mitternacht. Dann wurde die Halle gebaut - nach den Plänen des bekannten Regierungsbaumeisters, Architekten und Kirchenbauers Hans Carl Reissinger – in einer Größe von 27,5 mal 15 Meter mit über 3000 Quadratmeter umbautem Raum; Kosten: 295.000 Mark plus dem Wert der ungezählten freiwilligen Arbeitsstunden der Mitglieder und kostenloser Fuhrleistungen der Fichtelberger Landwirte.

Am 1. Juli 1921 war Baubeginn, am 23. Juli Grundsteinlegung. Die Eröffnungsfeier der vielleicht immer noch höchstgelegenen Turnhalle Bayerns stand dann am 18. Dezember an.

Gelände per Hand planiert

Mit gleichem Eifer ging es dann an einen Sportplatz. Das bergige, steinige Gelände wurde per Hand planiert. Unvorstellbar in der heutigen Zeit: Es gab weder Planierraupe noch einen staatlichen Zuschuss.

Zum Abbau der entstandenen Schulden wurde die Wirtschaftsführung der Turnhalle verpachtet, viel Theater gespielt und Anteilscheine verkauft. Lediglich 20, später dann 30 Pfennige zahlten die Mitglieder als Monatsbeitrag, der immerhin die Anschaffung von Turngeräten ermöglichte.

„Disziplin, Opferbereitschaft und Idealismus waren Voraussetzung für eine Vereinszugehörigkeit im örtlichen TSV.“

Aus der TSV-Chronik

Zwei Weltkriege - Krisenzeiten mit Auflösungen und Wiedergründung - konnten die Einsatzbereitschaft der Mitglieder in all den Jahren nicht brechen. Immer wieder wurden Turnhalle und Sportplatz saniert, um-, aus- und angebaut.

„Turnen wurde in der Fichtelgebirgsgemeinde ganz groß geschrieben und erhielt nochmal einen Aufschwung, als die Gablonzer kamen“, erzählt Friedlinde Braun und betont einmal mehr die Wichtigkeit der Turnhalle. Mit ihrer Schwester Karola und weiteren damals über 20 sportbegeisterten Jugendlichen – die weiblichen waren in der Mehrzahl – brachten sie von den Turnfesten in Selb, Schönwald und weiterer Umgebung zahlreiche Preise und Urkunden mit nach Hause.

Gut bestückter Gerätepark

Mit neun Jahren hatte die Fichtelbergerin mit dem Turnen begonnen – und die Begeisterung am Geräteturnen stieg. „Der Gerätepark war damals – erstaunlicherweise - schon sehr gut bestückt“, erinnert sich Friedlinde, die auch vier Jahre lang die Gaststätte in der Turnhalle betreute. „Wir turnten am Barren, am Pferd, am Reck, an den Ringen und am Schwebebalken.“ Der Fußball kam erst später dazu. Gerne denkt sie auch noch an die vielen Theateraufführungen und Feste, die die Vereinskasse auffüllten.

„In den 50er Jahren haben hier auch Boxveranstaltungen stattgefunden. Arzberger beziehungsweise Marktredwitzer Boxer haben die Kämpfe ausgetragen. In der Mitte des Saales war ein Boxring aufgebaut und die Halle war brechend voll. Legendär waren natürlich zur Kirchweih die Schlachtschüssel-Essen, die bereits am Donnerstag anfingen. Ab Samstag begannen dann die Tanzveranstaltungen, die am Sonntag und am Montag ihre Fortsetzung fanden. Am Dienstag wurde dann die Kirchweih eingegraben – und immer war dabei der Saal voll“, erinnert sich der ehemalige Zweite Bürgermeister Karl-Heinz Glaser.

„Wir turnten am Barren, am Pferd, am Reck, an den Ringen und am Schwebebalken.“

Friedlinde Braun

Noch gehen hier zahlreiche Veranstaltungen der Gemeinde und des Sportvereins über die Bühne. Auch wird die Turnhalle gerne für Polterabende und private Feierlichkeiten genutzt. Ebenso hat die Damengymnastik dort ihre Heimat, und die Tischtennisspieler trainieren hier einmal pro Woche. Ansonsten steht die Halle für das Schulturnen sowie in den Wintermonaten den Fußballern und Fußballerinnen zur Verfügung.

Noch kein Termin für Jubiläum

„Wann wir das Jubiläum begehen, steht noch in den Sternen – und wenn dann vielleicht ganz spontan“, sagt Erster TSV-Vorsitzender Thomas Reichenberger. Ein Gedenken wird es aber sicher geben, um in der bewegten Geschichte zu blättern und zu erinnern, wie viel Schweiß und Herzblut beim damaligen Bau geflossen sind, in wie viel selbstlosem Miteinander dieser TSV-Traum verwirklicht wurde.

Vor 50 Jahren ging es zum ersten Mal hinab in den Gleißinger Fels

Fichtelberg
Info:

Eckdaten zum TSV und zur Turnhalle

  • 17. Dezember 1920: Otto Lindner wird zum Vorsitzenden gewählt.
  • 26. Februar 1921: Gründung eines Bauausschusses.
  • Pläne: Regierungsbaumeister, Architekt und Kirchenbauer Hans Carl Reissinger.
  • Größe: 27,5 mal 15 Meter; über 3000 Quadratmeter umbauter Raum.
  • Kosten: 295.000 Mark.
  • 1. Juli 1921: Baubeginn; 23. Juli: Grundsteinlegung.
  • 18. Dezember: Eröffnungsfeier der Turnhalle.
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