02.07.2020 - 11:10 Uhr
Oberpfalz

Brauchtum hochhalten

In vielen katholischen Kirchen in Bayern sind Zunftstangen zu finden. Auch heute noch werden sie bei Prozessionen mitgeführt. Dabei sind sie als "Steckerlgotik" auch verschmäht worden.

Die Weidener Zunftstangen werden zu Fronleichnamsprozessionen aus der Sebastiankirche geholt.
von Rainer ChristophProfil

Zunftstangen runden das Bild vieler Kirchen ab. Die kunsthandwerklich verzierten Stangen stehen neben den Bänken in katholischen Kirchen und bereichern Prozessionen in den bayerischen Regionen. Auch die Oberpfalz kann einige besonders schöne Exemplare vorweisen.

Bekannt sind sie unter den Namen "Zunftstangen" oder "Prozessionsstangen". Handwerkszünfte oder Bruderschaften waren in der Regel die Auftragsgeber für diese Objekte. Für die Menschen im 18. Jahrhundert war die Kirche der geistlich-weltliche Mittelpunkt ihres Lebens.

Wöchentliche Prozession

Auch die Zünfte vereinigten nicht nur die Handwerker eines Gewerbes, sie waren gleichzeitig eine religiöse Gemeinschaft. Die Zunft fühlte sich für das religiöse Leben ihrer Zunftmitglieder verantwortlich und verhängte bei Ordnungswidrigkeiten sogar Strafen.

Da gibt es Beispiele aus Kirchenchroniken aus dem Jahr 1695: Metzger und Bräuer mussten 51 Kreuzer an die Pfarrei zahlen, weil sie ihre Zunftstangen beim donnerstäglichen Umgang in den Halterungen stecken gelassen hatten. Bei diesem wöchentlichen Umgang mussten alle Zünfte und Handwerker mit zwei Zunftstangen und mit einer brennenden Kerze in der Prozession mitgehen.

Maria und Heilige

Geschmückt wurden die Stangen mit kunstvoll gefertigten Marienfiguren oder Heiligen. Zu sehen ist dabei auch das Zunftzeichen des jeweiligen Handwerks, heute würden wir dazu "Logo" sagen.

Für ihre Stangen wählten die Handwerker Heilige als Patrone aus, deren Leben in Bezug zum jeweiligen Handwerk stand.

So wählten die Bäcker vielfach die Heilige Barbara mit ihrem bekannten Attribut, dem Turm, die Metzger den Heiligen Nikolaus und die Schuhmacherzunft die Heiligen Crispinus und Crispinianus.

Zunftstangen verbannt

Zunft- oder Prozessionsstangen sind der sichtbare Ausdruck für den Zusammenschluss von Angehörigen eines Handels- und Handwerkszweigs an einem Ort. Ihren natürlichen Platz fanden die Zunftstangen meist in der Stadtpfarrkirche, wie unter anderem in Tirschenreuth, Leuchtenberg oder Tiefenbach.

In der Stadt Weiden wurden sie nach der Auflösung des Simultaneums in die kleine Kirche St. Sebastian beim Augustinus-Gymnasium verbracht und vor der Öffentlichkeit nahezu verborgen. Hier sind sie nach der Renovierung entlang des Innengangs an den Bankseiten montiert zu sehen. Es gab auch Zeiten, in denen die Zunftstangen aus vielen Kirchen verbannt wurden, da sie in der Zeit der Neugotik mit all ihren Ausdrucksformen als "Steckerlgotik" verpönt waren.

Hintergrund:

Große Bedeutung der Zünfte

Seit dem Mittelalter hatten sich die Handwerker in Zünften zusammengeschlossen, um die gemeinsamen Interessen, die Rechte und Pflichten der Meister, Gesellen und Lehrlinge zu wahren. Die Qualität der Handwerksarbeit sollte erhalten werden. Zudem sollten sie ausreichende und gesicherte Einkünfte garantieren. Dies ging so weit, dass es sogar einen Zunftzwang gab. Jeder Meister, Geselle und Lehrling musste einer Zunft beitreten.

Nur der Meister war Vollgenosse, Gesellen und Lehrlinge lebten in schwierigeren Verhältnissen. Sie gründeten daher im 14. Jahrhundert Gesellenbruderschaften. Durch die Begrenzung der Meister und Zunftzwang wurde auch Konkurrenz ausgeschaltet.

Nur ein Mitglied einer Zunft durfte innerhalb der Stadt und des Umlands ein bestimmtes Gewerbe oder Handwerk ausüben und seine Waren verkaufen. 1351 verfügte Kaiser Karl IV. für die Stadt Bärnau, die er vom Kloster Waldsassen abkaufte einen wöchentlichen, geleitgesicherten Markttag mit Bannmeile, in der zum Beispiel kein fremdes Bier verkauft werden durfte.

Die Zünfte legten Warenproduktion, Qualität und Preise fest und kontrollierten dies auch, regelten die Ausbildung, beaufsichtigten einzelne Betriebe und übten in allen Zunftangelegenheiten eine eigene Gerichtsbarkeit aus. Die Zunft überwachte aber auch die Ordnung und Sittlichkeit ihrer Mitglieder und ahndete Verstöße. Darüber hinaus waren sie eine Versicherungsgemeinschaft, die Sorge für Witwen und Kranke trug. Ab 1843 wurde der Zunftzwang teilweise aufgehoben. (cr)

Eine Zunftstange mit der Krönung Mariens in der Pfarrkirche Leuchtenberg.
Votivstange: die Jäger.
Die Stadtpfarrkirche Tirschenreuth weist bemerkenswerte Zunftstangen auf, wie die der Jäger mit dem Heiligen Hubertus oder die der Tuchmacher.
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