12.11.2019 - 16:28 Uhr
Oberpfalz

Auf Brettern schneller in den Himmel

Mit der Einführung des Sargs wandeln sich die Totenbretter vom Gebrauchsgegenstand zur Aufbahrung des Toten zum Erinnerungsbrett. Am Wegrand aufgestellt, sollen die Passanten ein Gebet für den Verstorbenen sprechen.

Diese Totenbretter hängen in der Schulstraße in Kemnath.
von Rainer ChristophProfil

Steinkreuze und Bildstöcke in den Fluren sind in der Regel wortkarge Zeugen. Oft weisen sie nicht einmal eine Jahreszahl auf. Bei Totenbrettern sieht das anders aus. Nach der Beerdigung wurde das Totenbrett mit dem Namen des Verstorbenen, seinem Geburtsdatum, einem frommen oder gar amüsanten Spruch beschriftet. Wie zum Beispiel in Eschlkam (Landkreis Cham) am Rande des Böhmerwaldes: Für seinen Sohn, der im jungen Alter verstarb, fertigte der Schreinermeister Ochs das Totenbrett. Die Inschrift: "Hier ruht das junge Öchselein, vom alten Ochs das Söhnelein. Der liebe Gott hat nicht gewollt, dass es ein Ochse werden sollt. Der Vater Ochs hat mit Bedacht Sarg, Vers und Grabkreuz selbst gemacht." Totenbretter stammen aus einer Zeit, in der es noch keine Särge gab. Bis ins 18. Jahrhundert war es in den altbayerischen Bezirken üblich, Verstorbene auf Totenbrettern im Haus aufzubahren und Totenwache zu halten. Den Verwandten und Freunden wurde dadurch die Möglichkeit gegeben, Abschied zu nehmen. Der Tote wurde dann in Leinen gewickelt und auf dem Brett zum Friedhof getragen. Ins Grab ließen die Bestatter den Leichnam nicht selten über das Brett ins Grab rutschen. Davon kommt auch der Ausspruch: "Er ist vom Brettl g'rutscht", womit gemeint ist: Jemand ist gestorben.

Um 1800 werden in Bayern und Böhmen Särge üblich oder sogar von der Obrigkeit angeordnet. Dabei handelte es sich um eine hygienische Vorsichtsmaßnahme gegen die Grundwasserverunreinigung. Im Nachbarland Österreich ordnete Kaiser Josef I. sogar an, dass die Friedhöfe in den Ortschaften aufgelöst und weiter vor der Stadt oder dem Dorf angelegt werden müssen. Das ist in Böhmen bis heute noch oft sichtbar.

Totenbretter wurden dann in ländlichen Gebieten nur noch für die Aufbahrung im Haus des Verstorbenen gebraucht. Nicht selten wurden sie nach der Beerdigung zusammen mit der Stroh-Matratze und der Bettwäsche des Toten verbrannt. Manche landeten auch auf dem Dachboden des Hauses oder der Scheune und wurden bei weiteren Todesfällen wieder verwendet.

Von da an wandelten sich die Bretter vom Gebrauchsgegenstand zum Erinnerungsbrett. Sie wurden mit dem Namen des Toten, Geburts- und Todesdatum versehen, in Nieder- und Oberbayern bemalt und mit einem Spruch beschriftet, am Wegrand aufgestellt. Kreisheimatpfleger Peter Staniczek stellte bei der Erforschung der Tradition der Totenbretter fest, dass diese in der nördlichen Oberpfalz überwiegend waagrecht aufgestellt wurden und nicht senkrecht wie im Bayerischen Wald. Auch die Gestaltung war wesentlich einfacher.

Gelegentlich wird der Brauch auch wieder neu belebt. So wurden in jüngster Zeit in Ödschönlind oberhalb der Straße nach Bärnau (Landkreis Tirschenreuth) Totenbretter neben einem mächtigen Blechschnitzkreuz aufgestellt. Der in Tirschenreuth geborene Robert Schön, er lebt seit Jahrzehnten im Raum Kemnath, weiß, dass noch bis in die 1930er Jahre an einem Kemnather Stadel 50 waagrechte Totenbretter mit einer Länge von je eineinhalb Meter hingen. Der Brauch fand erst ein Ende am Beginn des 2. Weltkrieges. Heimatforscher sprechen von Kemnath auch als "Stadt der Totenbretter". Kaum mehr lesbar ist das älteste Totenbrett in Kemnath, datiert 1868. Gewidmet ist es der Bäckermeistersgattin Anna Legath. Für den Heimatforscher Harald Fähnrich hängt das sichtbare Anbringen der Totenbretter für Katholiken mit dem Arme-Seelen-Glauben zusammen. "Gebetsbretter rufen zum Totengedenken auf", so Fähnrich. Je mehr Menschen vorbeigingen und ein Kreuzzeichen schlugen oder beteten, umso schneller komme der Tote in den Himmel. Auch gab es den Glauben, je schneller das Brett vermodert sei, umso schneller sei der Tote in den Himmel gekommen. Dies war auch der Grund, warum für die Bretter Weichhölzer verwendet wurden.

Tipps & Co.:

Ausflug

„Vom Brett’l grutscht“ – Kulturtour mit Geschichten über die Totenbretter und Marterl zum Kolmstein mit Einkehr in der Gemeinde Arrach bei Lahm im Bayerischen Wald. Auskunft in der Touristinfo (93474 Arrach, Telefon 09943/1035 oder 3432, E-Mail tourist[at]arrach[dot]de. (cr)

Kaum mehr lesbar ist das älteste Totenbrett in Kemnath: „Frau Anna Legath Bäkermeistersgattin dahier gestorben am 31. August 1868 im 47. Lebensjahre Gedenke meiner im Gebete +++.“
Totenbretter an der Straße von Tirschenreuth nach Kleinklenau. In der Mitte ein Granitsäule mit einem Doppelbalkenkreuz aus dem Jahre 1628.
Gelegentlich wird der Brauch wieder neu belebt. So wurden in Ödschönlind oberhalb der Straße nach Bärnau (Landkreis Tirschenreuth) Totenbretter neben einem mächtigen Blechschnitzkreuz aufgestellt.
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