11.09.2020 - 15:42 Uhr
BurglengenfeldOberpfalz

37-Jährige aus Burglengenfeld von Schmerzen und Existenzangst geplagt

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Eva-Maria Plank hat Schmerzen – andauernd. Physisch gezeichnet, zermürbt sie außerdem die Sorge, im Hin und Her zwischen Kostenträgern, zum Sozialfall zu werden. Als demütigend empfindet die 37-Jährige, oft nicht ernst genommen zu werden.

Eva-Maria Plank versucht trotz ihrer Schmerzen und, im übertragenen Sinn, der schmerzhaften Erfahrung mit Kostenstellen zu kämpfen und tapfer zu lächeln.
von Irma Held Kontakt Profil

Eva-Maria Plank ist zum Nichtstun verdammt. Das hat mit "Dolce far niente" rein gar nichts tun, ist vielmehr eine psychische Zerreißprobe für die Burglengenfelderin. Sie kann nicht lange stehen, sitzen oder liegen, geschweige denn Auto fahren oder arbeiten - nicht im Haushalt, nicht im Garten, nicht im Labor, in dem sie angestellt war. "Wenn ich fast keine Schmerzen haben will, müsste ich den ganzen Tag auf der rechten Seite liegen und nicht aufs Klo gehen", beschreibt sie gegenüber Oberpfalz-Medien ihre Lebenssituation.

Wenn ich fast keine Schmerzen haben will, müsste ich den ganzen Tag auf der rechten Seite liegen und nicht aufs Klo gehen

Eva-Maria Plank

Eva-Maria Planks Leidensgeschichte beginnt im Juni 2018 mit einem Treppensturz. Während die Frau erzählt, zittert ab und an ihre Stimme, bekommt sie feuchte Augen. Der Sturz stellt ihr Leben auf den Kopf, verlangt ihr Unmögliches ab. Sie fällt aufs Steißbein. Die Schmerzen sind massiv, werden massiver. Im August 2018 konsultiert sie einen Spezialisten an einer Klinik im Raum Regensburg. Letztendlich entscheidet sie sich auf Rat des Arztes am 8. November 2018 einen Teil des Steißbeins operativ entfernen zu lassen. Nichts wird besser.

Irreparabler Gewebeverlust

Der Operation folgt nach nur etwa zwei Wochen eine weitere. Bakterien gelangten am 8. November in die Wunde. Die Narbe war offen. Eva-Maria Plank erleidet einen starken Gewebeverlust, der irreparabel ist. Was bleibt, ist der Schmerz, was folgt, ist eine neuerliche OP im April 2019 zur Verkleinerung der Wundstellen und die regelmäßige Nachfrage der Krankenkasse, wann sie wieder arbeitsfähig sei. "Ich bin komplett hilflos mit 37 Jahren."

Kein Geld für Intensivpflege

Von einem plastischen chirurgischen Eingriff wegen des fehlenden Gewebes wird ihr abgeraten. Sie sei bereits drei Mal an der Stelle, an der viele Nervenstränge verlaufen, geschnitten worden. Eva-Maria Plank ist den Tränen nahe. Sie behandelt die Nervenschmerzen - spricht vom Cauda-Equina-Syndrom - mit zwei Arten Morphium und Cannabis-Inhalationen. Diese hat ihre Anwältin Alexandra Glufke-Böhm erstritten, denn Eva-Maria Plank kämpft gegen den Schmerz und für ihre Würde. Sie fühlt sich oft nicht "für voll genommen" und erzählt ein Beispiel. Für ein Gutachten für die Unfallversicherung muss sie einen Neurologen konsultieren. "Dieser fragt mich, ob ich es mit Paracetamol versucht habe. Paracetamol, das nicht einmal gegen Zahnschmerzen hilft." Sie fasst dies fast als Veräppelung auf.

Schnell ein Sozialfall

Sie ist konsterniert. Zum einen: "Keiner der zwei Gutachter hat mich untersucht oder die Narbe angeschaut." Sie bezieht sich auf ein Gutachten, das die Unfallversicherung in Auftrag gegeben hat. Zum anderen: "Du kannst zum absoluten Sozialfall werden. Ich habe gedacht, das gibt es in Deutschland nicht." Nach 78 Wochen wird sie von der Krankenkasse ausgesteuert, am 25. Dezember 2019. Sie bekommt kein Krankengeld mehr. Um krankenversichert zu bleiben, meldet sie sich arbeitslos, obwohl sie einen Arbeitsplatz in Burglengenfeld hat. Dieser sei nicht mehr leidensgerecht.

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Wäre es nicht so traurig, könnte sie darüber lachen. Selbstständigkeit ist für sie bereits ein Fremdwort. Mehrmals fällt im Gespräch mit Oberpfalz-Medien der Nebensatz: "Wenn ich meinen Mann und meine Schwester nicht hätte. . ." und die Regensburger Anwältin, spezialisiert auf Medizinrecht. Eva-Maria Plank geht es nicht um Rache, sich aber mit verschiedenen Kostenstellen auseinanderzusetzen, übersteigt ihre Kräfte. Der Unfallversicherung zum Beispiel lägen keine Beweise für einen Unfall vor. Ein Rentenantrag laufe. Wegen Corona würden keine Termine vergeben. Noch erhält sie Arbeitslosengeld. Wenn das ausläuft, was dann?

Ich bin komplett hilflos mit 37 Jahren.

Eva-Maria Plank

"Hartz IV bekomme ich nicht, weil mein Mann für mich aufkommen muss." Er ist selbstständig, weshalb sie nicht über eine Familienversicherung krankenversichert werden kann. "Wenn von der Rentenversicherung noch keine Entscheidung gefallen ist und das Arbeitslosengeld endet, stehe ich wieder vor dem Nichts." Sie hätte es sich früher nicht vorstellen können, dass sichere Existenzen so schnell ins Wanken geraten, die Kranken ein stückweit auch alleine gelassen werden. "Das geht nicht nur mir so. Da gibt es sicher viele Beispiele."

Alexandra Glufke-Böhm, Fachanwältin für Medizinrecht
Hintergrund:

Erklärung der Anwältin: Mehr Sensibilität beim Thema Schmerz

Leider kein Einzelfall, wie die Fachanwältin für Medizinrecht, Alexandra Glufke-Böhm, weiß. "Egal, welche berufliche Position man zuvor bekleidet hat, ein Unfall oder eine Erkrankung kann einen unerwartet schnell zum Sozialhilfeempfänger machen - wenn überhaupt: Erst erklärt einem die Krankenkasse auch trotz bestehender Krankschreibung rein nach Aktengutachten vorzeitig für gesund und stellt die Zahlung von Krankengeld ein. Ein Antritt der Arbeit beim Arbeitgeber ist bei bestehender ärztlicher Krankschreibung nicht möglich. Das gegebenenfalls für eine Leistung zuständige Arbeitsamt beruft sich gleichfalls auf die Arbeitsunfähigkeit und eine mangelnde Einsatzmöglichkeit auf dem Arbeitsmarkt, weswegen Zahlungen verweigert werden. Letztlich bliebe dann nur der Bezug von Sozialhilfe, was aber oft an Einnahmen der Ehegatten oder Partner scheitert.

Wer in dieser Situation daran denkt, Antrag auf Erwerbsminderungsrente einzureichen, erlebt gleichfalls sehr häufig eine Überraschung. Der Rententräger orientiert sich gerne an dem Aktengutachten der Krankenkasse und befindet die Betroffenen fälschlich für arbeits- und leistungsfähig. Faktisch sind die Betroffenen unter diesen Umständen ohne eigene Einnahmen. Oft auch über Jahre hinweg. Eine zusätzliche enorme Belastung zu den ohnehin zu tragenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Dann heißt es kämpfen! Nur nicht bei einem ablehnenden Bescheid gleich aufgeben! Behörden lehnen gerne schnell ab. Die Erfolgsaussichten vor Gericht sind gut. Über die Existenz der Betroffenen wird meist rein nach Aktenlage entschieden", so die Fachanwältin gegenüber Oberpfalz-Medien.

"Um so wichtiger ist deshalb die korrekte Dokumentation der eigenen Krankheitsgeschichte und Beschwerden durch die Ärzte und Kliniken. Was hier fehlt, kann in einem Gutachten nicht berücksichtigt werden. Besonders ungünstig ist dabei die Position von chronischen Schmerzpatienten." Immer wieder erlebt die Anwältin ihren Worten nach, dass diesen bezüglich ihrer Schmerzen und den damit einhergehenden psychischen Belastungen kein Glauben geschenkt wird. Grund: Man könne Schmerzen nicht sehen. "Beweisen Sie doch einmal, dass es Ihnen weh tut", müssten sich Schmerzpatienten nicht selten entgegen halten lassen. "Vor allem Frauen müssen sich dabei immer wieder gegen die Unterstellung behaupten, überempfindlich, überfordert oder schlicht hysterisch zu sein. Für Glufke-Böhm ein regelrecht diskriminierender Zustand, der dringend nach Besserung verlangt. Das Thema Schmerz bedarf deutlich mehr Sensibilität in der Gesellschaft.

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