04.07.2019 - 08:00 Uhr
BurglengenfeldOberpfalz

Auf Tuchfühlung mit altem Handwerk

Hölzerne Webstühle, schimmernde Stoffe, Garn in Hülle und Fülle: Die Textilmanufaktur Galz in der Altstadt von Burglengenfeld ist ein Paradies für alle, die sich für altes Handwerk interessieren.

Handweber Sirko Galz am Jacquard-Webstuhl
von mvsProfil

"Wie aus losen Fäden ein Stoff entsteht, hat mich interessiert", beschreibt der 40-jährige Sirko Galz erste Webversuche. "Du nimmst eine quadratische Karte mit gelochten Ecken, führst Fäden hindurch, drehst die Karte um ein Viertel, verbindest alles mit einem Schussfaden und kannst so schmale Borten weben." Sie verkauften sich gut, bald kam die Frage, ob er auch Stoffe dazu machen könnte. "Also habe ich mir Literatur besorgt und 2009 diesen Webstuhl hier auf Ebay ersteigert. Dann habe ich erst mal Material verhunzt und erste Stoffe in gruseliger Qualität hergestellt", erinnert sich Galz schmunzelnd.

Das hölzerne Werkzeug beanspruchte nicht nur viel Zeit, sondern dominierte mit 1,20 Meter Webbreite auch einen ganzen Raum seiner Wohnung. "Ich habe begonnen Textilien zu rekonstruieren, beispielsweise Mäntel und Decken des Mittelalters mit möglichst authentischem Garn. Das hat sich in der "Re-Enactment"-Szene unter Mittelalterdarstellern schnell herumgesprochen", schildert Galz erste Erfolge. Er arbeitete sich qualitativ hoch und zeitlich zurück in die römische Antike und lernte die Textilarchäologin Dr. Karina Grömer vom Naturhistorischen Museum in Wien kennen. Sie findet und erforscht in den Mooren und alten Salzbergwerken Mitteleuropas luftdicht verschlossen liegende Stoffe, Galz steuert das Wissen des Praktikers bei. "Eine erstaunliche Wertschätzung kommt da zu Tage, denn an manchem Prachtmantel war über ein Jahr gearbeitet worden, um ihn dann als Grabbeigabe im Erdboden verschwinden zu lassen."

Naturschutzexperte

Galz hing seine eigentliche Tätigkeit als diplomierter Experte für Landschaftsnutzung und Naturschutz an den Nagel, entwickelte eigene Designs. Seit knapp zwei Jahren arbeitet er mit dem besten Handwerkszeug seiner Profession, dem vor 200 Jahren erfundenen Jacquard-Webstuhl: "Als ich ihn mit Freunden trotz Schneetreibens bei Hermann, einem Weber aus dem Allgäu, auseinanderbaute und abholte, wusste ich noch nicht, ob ich imstande sein würde, den Webstuhl auch wieder richtig zusammenzusetzen. Ein Wirrwarr an Teilen ..." - und zehn Zentimeter zu hoch für den geplanten Standort. "Da half nur, die Füße zu kürzen", schildert Galz seinen starken Willen, den er webend tagtäglich neu unter Beweis stellt.

"Auf dem Weg zum fertigen Stoff kann so viel schiefgehen! Die Lochkarte kann hier nicht richtig eingezogen werden", deutet er auf die Karten, die das Muster vorgeben oder "das Prisma, über das die Karten laufen, dreht sich nicht voll und bleibt hängen, daraus resultieren Schäden an den Nadeln oder Fehler im Gewebe."

Das Muster für die Stoffe zeichnet Galz vor. Er überträgt es in das Raster der Weber, stanzt Lochkarten und spielt Garn auf Hunderte Spulen. Dann richtet er den Webstuhl ein, dessen Mechanik auf 1 bis 1,5 Millimeter genau justiert sein muss, und - an den geschilderten Hindernissen vorbei - verwandelt dieser dann lose Fäden in Stoff.

Umdenken als Ziel

Der neueste Kassenschlager: Feine Garne aus Naturseide und Cashmere aus einer Schweizer Spinnerei färbt Galz von Hand und webt Schals, changierende Kunstwerke. Sein Ziel: Ein Umdenken der Generation Fast Fashion. "Solides Handwerk, das ein Leben lang hält und dabei jedes Mal das Auge und das Herz erfreut. Das gelingt immer öfter, weil ein Umdenken in der Gesellschaft stattfindet und man wieder bereit ist, Geld in wertvolle Handarbeit zu investieren."

Alte Technik neu interpretiert:

Der Jacquard-Webstuhl

„Vor Jacquards Erfindung des lochkartengesteuerten Aufsatzes, der das Heben der Kettfäden steuert, mussten die sogenannten Ziehjungen hunderte Fadengruppen auf Zuruf des Webers heben und senken. 60 Schuss und mehr pro Zentimeter. Zwei Zentimeter Stoff pro Tag waren das Maximum“, schildert Galz „eine fürchterliche Arbeit“. „Trotzdem waren die kinderreichen, armen Familien verzweifelt über den Wegfall ihres Einkommens. Froh waren allerdings die Händler und Kunden, denn endlich gab es mehr und günstiger von den Stoffen, nach denen die ganze Welt lechzte.“ Die Kraft der Innovation stoppte nicht, mit der Erfindung der Dampfmaschine wurde auch der handbetriebene Jacquard-Webstuhl schnell zum historischen Relikt – dessen perfektes Zusammenspiel in Burglengenfeld live zu erleben ist.

Sirko Galz gestaltet Stoffe von Hand: Von der Design-Idee...
... über die Webvorlage...
... und Lochkarten am Webstuhl...
... zum fertigen Stoff, in dem jeder Punkt der Vorlage zu erkennen ist.
Handgefärbte Garne auf Spulen...
... werden zu feinen Schals verwoben.
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