23.07.2021 - 10:57 Uhr
Burgtreswitz bei MoosbachOberpfalz

Höherer Wolfszaun soll Rinder schützen

Weidetierhalter in Wolfsgebieten müssen ihre Schutzzäune aufrüsten. Bayern zahlt einen Teil der Kosten. Rinderzüchterin Erika Sauer aus Burgtreswitz ist schon am Werkeln. Doch sie bleibt skeptisch, ob sich der Wolf so abhalten lässt.

Rinderzüchterin Erika Sauer aus Burgtreswitz muss ihre fünf Weideflächen mit insgesamt rund zehn Hektar mit einem höheren Zaun ausstatten. Sie züchtet seit vielen Jahren Rotes Höhenvieh, eine vom Aussterben bedrohte Rinderrasse.
von Christine Walbert Kontakt Profil

Die Vorsitzende des Bayerischen Fleischrinderverbands weiß, dass seit Mai 2021 eine überarbeitete Förderrichtlinie für Schutzzäune in Wolfsgebieten in Kraft getreten ist. Das Landesamt für Umwelt (LfU) benennt inzwischen vier Gebiete in Bayern, in denen Wölfe dauerhaft ansässig sind: Rhön, Nationalpark Bayerischer Wald, Veldensteiner Forst und Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Wolfsgebiete im Sinne des Schadensausgleichs stellen die Nachweise standorttreuer Wölfe mit einer Pufferzone (15 Kilometer Radius) dar. Somit umfassen die Wolfsgebiete einen größeren Bereich als das eigentliche Wolfsterritorium. Damit Tierhalter in den betreffenden Gebieten ihre Weiden und Weidetiere schützen können, fördert der Freistaat den Bau von wolfssicheren Zäunen und andere Schutzmaßnahmen. Diese laut LfU "angemessenen und zumutbaren Präventionsmaßnahmen" müssen innerhalb eines Jahres ergriffen werden, um bei Schäden durch Wölfe Ausgleichszahlungen in Anspruch nehmen zu können.

Erika Sauer stattet die Zäune ihrer fünf Weiden mit insgesamt 10 Hektar mit einer vierten Litze aus. Die unterste Litze darf dabei nur 20 Zentimeter über dem Boden angebracht sein, um zu verhindern, dass Wölfe sich darunter durchgraben können. "Ich musste den vorhandenen Zaun abbauen und wieder komplett neu aufbauen. Bei mir stehen damit erst einmal Kosten von rund 28 000 Euro an. Erst nach der Abnahme bekomme ich dann die Förderung ausbezahlt." Sie kann mit der vollen Summe vom Freistaat rechnen.

Weidetierhalter werden mürbe

Obwohl in ihrem Fall der Antrag zügig genehmigt worden ist, weiß Sauer von Verbandsmitgliedern, dass es bei der Umsetzung der überarbeiteten Förderrichtlinie an etlichen Stellen hapert. Als Vorsitzende des Fleischrinderverbands kritisiert sie die Tatsache, dass die offensichtlich mangelhafte Zusammenarbeit der Behörden auf oberster Ebene sowohl auf die Landwirtschaftsämter vor Ort und nicht zuletzt auf die Weidetierhalter vor Ort Auswirkungen habe. So mancher ihrer Züchterkollegen werde mit der Zeit mürbe. "Ich meine nicht die große Politik. Man sieht hier schon den klaren Willen, das Problem lösen zu wollen. Der Freistaat nimmt da richtig Geld in die Hand." Die Krux liege darin, dass die Nachbesserungen nicht deutlich kommuniziert würden. Ihre Verbandsmitglieder seien sehr verunsichert, weil die Ämter innerhalb Bayerns unterschiedliche Auskünfte geben würden.

Laut Berechnungen des Bayerischen Landesamts für Landwirtschaft (LfL) sei für die Errichtung von Schutzzäunen bei Wolfsanwesenheit eine Investitionssumme von 241 bis 413 Millionen Euro notwendig. Diese Summen seien aber laut Sauer in einer Zeit errechnet worden, "wo sogenannte Experten noch davon ausgingen, dass der Wolf nicht über einen 90 Zentimeter hohen Zaun springt und sich von Lamas abschrecken lässt". Mittlerweile müsse allen Beteiligten klar sein, dass das eingeplante Geld nicht mehr ausreicht. "Die jährlichen Unterhaltungskosten der Zäune sind da ja gar nicht mit eingerechnet. Die müssen die Weidetierhalter allein stemmen." Außerdem würden viele ihrer Kollegen, die das Fördergebiet nur knapp verfehlen, leer ausgehen.

Wolfsgebiete wachsen

"Die Wolfspopulation nimmt in Deutschland jährlich um 30 Prozent zu. Das heißt die Wolfsgebiete werden immer mehr und demnach auch die Zäune, die finanziert werden müssen", erklärt die Rinderzüchterin. Für sie ist sicher: "Auch nach den neuen Richtlinien werden die Zäune keinen 100-prozentigen Schutz vor dem Wolf bieten." Von Weidetierhaltern aus Gebieten mit einer höheren Wolfspopulation sei zu hören, dass selbst Zäune mit fünf Litzen und einer Höhe von 1,20 Meter von den Raubtieren übersprungen werden. "Der Wolf lernt schnell. Selbst wenn er beim Überspringen des Zauns die oberste Litze berührt, passiert ihm nichts. Für einen Stromschlag braucht er Bodenkontakt", meint Sauer. Ein Nachteil der vorgeschriebenen Bodennähe der untersten Litze sei, dass die Rinder den Zaun nicht mehr freifressen können. Als Folge müssen die Tierhalter je nach Witterung bis zu wöchentlich zum Mähen auf die Weide.

Obwohl die Burgtreswitzerin in jüngster Vergangenheit im Moosbacher Gemeindebereich auf Spuren gestoßen ist, die ihrer Meinung nach einem Wolf zuzuordnen sein könnten, bleibt sie relativ entspannt: "Ein echter Nachweis ist schwierig. Man braucht entweder Losung oder das Foto einer Wildkamera." Ihr Rotes Höhenvieh, eine vom Aussterben bedrohte Rinderrasse, würde sich heuer bislang "vollkommen normal" verhalten. Dies sei im vergangenen Jahr ganz anders gewesen: "Da ist die Herde an manchen Tagen auffallend eng beieinander geblieben." Die Rinderzüchterin verlässt sich nicht nur auf die vorgeschriebenen Maßnahmen von Ämtern und Behörden. Sie hat längst ihr eigenes Schutzprogramm entwickelt: "Wir lassen die Rinder nicht mehr auf der Weide kalben. Die Kälber dürfen erst nach vier Wochen auf die Weide. Auf jeder Fläche haben wir einen Stier dabei. Und nicht zuletzt haben unsere Kühe Hörner. Ich hoffe, dass sie sich bei einem Übergriff gegen den Wolf verteidigen würden."

Amt bietet Beratung an

Der Versuch, bei den Behörden Auskunft über die aktuell geltenden Förderrichtlinien zu bekommen, scheitert zunächst. Das Landesamt für Umwelt (LfU) verweist an das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Der Ministeriumssprecher ist der Meinung, das LfU sei zuständig. Auf regionaler Ebene erklärt Maximilian Hierl vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Tirschenreuth-Weiden, dass bereits zahlreiche Anträge von Weidetierhaltern genehmigt worden sind. Viele seien noch in Bearbeitung, weil entweder Fotos fehlen, ein Gutachten erstellt werden muss oder noch eine Besichtigung vor Ort ansteht. "Wir haben damit derzeit gut zu tun." Man könnte jedoch im Vorfeld schon einiges abklären. Deswegen appelliert Hierl an die Weidetierhalter, sich noch vor der Antragstellung von ihm oder seinem Kollegen Johann Schmidkonz beraten zu lassen. Derzeit sei nämlich "viel im Fluss" und jeder Fall sei anders. "Das Ministerium in München hat bei Bedarf die Förderbedingungen konkretisiert und die Ämter vor Ort informiert."

Hierl meint weiter: "Grundsätzlich wird der Schutz gegen Übergriffe durch den Wolf zu 100 Prozent übernommen. Zum Beispiel wird bei Festzäunen eine Aufrüstung komplett gefördert. Meistens geschieht dies durch zusätzliche Elektrifizierung oder eine Untergrabungssicherung. Die Neuerrichtung von Zäunen auf bereits beweideten Flächen wird nur gefördert, wenn der bestehende Zaun nicht aufgerüstet werden kann."

Auf bisher nicht beweideten Flächen werde die Errichtung von komplett neuen elektrifizierten Festzäunen zu 25 Prozent gefördert, wenn diese von Beginn an mit einem Schutz gegen den Wolf ausgestattet werden. „Unser zentrales Ziel ist es, mit diesen Maßnahmen Nutztiere vor Übergriffen durch Wölfe zu schützen und dadurch die Weidetierhaltung als besonders tierwohlgerechte und für den Naturschutz wertvolle Form der Nutztierhaltung auch weiterhin zu ermöglichen. Uns ist aber genauso wichtig, dass die geförderten Maßnahmen fachlich begründet und verhältnismäßig sind.“ so Hierl.

Wolfsbeauftragter in der Kritik

Theuern bei Kümmersbruck
Die Spuren, die die Rinderzüchterin Erika Sauer im Bereich der Gemeinde Moosbach fotografiert hat, könnten einem Wolf zuzuordnen sein. Einen Nachweis gibt es nicht.
Die Spuren, die die Rinderzüchterin Erika Sauer im Bereich der Gemeinde Moosbach fotografiert hat, könnten einem Wolf zuzuordnen sein. Einen Nachweis gibt es nicht.
Die Spuren, die die Rinderzüchterin Erika Sauer im Bereich der Gemeinde Moosbach fotografiert hat, könnten einem Wolf zuzuordnen sein. Einen Nachweis gibt es nicht.
Hintergrund:

Abteilung „Herdenschutz Wolf“

  • Ansprechpartner für „Herdenschutz Wolf“ sind am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Tirschenreuth-Weiden: Maximilian Hierl,
    Telefon: 0961/3007-2225
    E-Mail: Maximilian.Hierl[at]aelf-tw.bayern[dot]de
  • Johann Schmidkonz
    Telefon: 09631/7988-1223
    E-Mail: Johann.Schmidkonz[at]aelf-tw.bayern[dot]de
  • Die Antragsberatung einschließlich der Antragsentgegennahme erfolgt am örtlich zuständigen Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Tirschenreuth-Weiden. Die Verwaltungskontrolle einschließlich Bewilligung erfolgt zentral für ganz Bayern im Sachgebiet am AELF Coburg-Kulmbach.

 

 

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