Deutschland und die Welt
03.11.2021 - 15:33 Uhr

Virtueller Hass entlädt sich im Fall Drachenlord

Es ist eine Spirale aus Hass und Demütigungen in der auch der Youtuber Drachenlord eine Rolle spielt. Dann rastet der 32-Jährige aus und schlägt zu.

Youtuber Drachenlord im Sitzungssaal. Bild: Daniel Karmann
Youtuber Drachenlord im Sitzungssaal.

Rainer Winkler nimmt Videos auf und stellt sie ins Netz. Das machen viele, einige verdienen Geld damit, wenige verdienen sehr viel Geld damit. Anfangs zeigt Rainer Winkler unter seinem Internetpseudonym Drachenlord Szenen aus seinem Alltag, zeigt sich selbst beim Headbangen zu Metal-Musik oder beim Computerspielen. Dann macht Winkler fragwürdige Aussagen, bezeichnet etwa den Holocaust als "nice Sache".

Spott für das Feindbild

Für seine Videos erntet der Drachenlord Spott. Winkler ist übergewichtig, spricht breitesten fränkischen Dialekt, kommentiert das Leben nicht unbedingt feingeistig. Winkler ist das perfekte Feindbild derer, die sich ihm überlegen fühlen. Seine Gegner, die selbsternannten Haider (fränkische Version für Hater, engl. Hassenden) beginnen, seine Videos zu kommentieren und zu parodieren. Der Drachenlord sendet zurück. "Seine Reaktionen darauf waren nicht humorvoll, sondern zunehmend aggressiv. Die Kommunikation entwickelte eine Eigendynamik und die Kommentare schlugen bald in blanken Hass um", schreiben die Forscher Lars Gräßer und Aycha Riffi. Sie haben dem "Drachenlord" ein Studie gewidmet.

Die Haider demütigen weiter: "Bist du überhaupt ein Mensch? Falls ja, bitte nicht fortpflanzen." Winklers Antwort: Er filmt sich mit einer vorgehaltenen ungeladenen Waffe, "müssen wir schon wieder die Hater erschießen?", bezeichnet seine Gegner als "Spasten". Das bleibt nicht unbeantwortet. Es entsteht eine Spirale von Beschimpfungen, Demütigungen, Bedrohungen.

Zuneigung vorgespielt und ausgelacht

Manche spielen ihm grausame Streiche. Einer Frau mit dem Nutzernamen Erdbeerchen - eine Internetbekanntschaft von Winkler - gaukelt ihm Zuneigung vor. Winkler macht ihr einen Heiratsantrag - nur um dann von ihr vor laufender Kamera verspottet und ausgelacht zu werden. 2015 schickt ein Nutzer dem Drachenlord die Feuerwehr ins Haus. Der Notruf war ein Fake. Der Anrufer (24) wurde zu 3,5 Jahren Haft verurteilt. Er hatte auch mit gestohlenen Kreditkarten in Winklers Namen Waren im Wert von mehreren zehntausend Euro bestellt: Kleidung, Elektronik, Sexspielzeug und Chemikalien, die man zum Bau von Bomben benutzen kann. Diese Bestellung brachte die Behörden auf seine Spur.

Zwei Dutzend Polizeieinsätze am Tag

Winkler hatte in einem seiner Videos seinen Wohnort preisgegeben und seine Gegner aufgefordert, ihn zu besuchen, damit er ihnen "eine Lektion erteilen könne". Die Haider kommen. Scharenweise. Vor allem an den Wochenenden wird das Dorf zum Pilgerort. Winklers Haus wird mit Eiern beworfen, er tätlich angegriffen, seine Schwester bedroht, das Grab des Vaters geschändet. Die Polizei berichtet von teilweise mehr als zwei Dutzend Einsätzen am Tag. Im Sommer 2018 treffen sich 800 Haider im 40-Seelen-Ort. Kurz darauf eskalieren die Auseinandersetzungen. Winkler besprüht einen Besucher mit Pfefferspray. Die Strafe dafür: sieben Monate zur Bewährung.

Winkler schlägt später wieder zu - mit einer Taschenlampe. Dafür muss der 32-Jährige jetzt unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung eine Haftstrafe von zwei Jahren verbüßen. Staatsanwaltschaft und Winkler haben Berufung eingelegt.

Nürnberg21.10.2021

Kolumne von Sascha Lobo: Ein jahrelanges Martyrium in Deutschland – und niemand hält es auf

Bericht in der NZZ: Der Fall "Drachenlord" enttarnt die Hilflosigkeit der Justiz beim Thema Cybermobbing

Drachenlord und seine Hater - Hass ist ihr Hobby - RABIAT!

 
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